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Spanien nach dem WM-Titel : Einheit und Vielfalt statt Einfalt in Zwietracht

  • -Aktualisiert am

Stolz präsentiert Ministerpräsident Zapatero den WM-Pokal Bild: dpa

Der Sieg bei der Fußball-WM war ein Geschenk des Sports an eine Nation voller Selbstzweifel, selbst die Separatisten üben sich nun in scheinbarer Solidarität. Ob das Zapatero zu neuer Zuversicht verhilft? Der Regierungschef legt dem Parlament am Mittwoch seinen Bericht zur Lage der Nation vor.

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          Spanien ist am Montag mit dem erfrischenden Gefühl der Einheit in Vielfalt aufgewacht. Es war ein Geschenk des Sports an eine Nation voller Selbstzweifel, von dem sich die Politiker bis an die separatistischen Ränder ruhig eine Scheibe abschneiden könnten. Der Fußball als harmloses kollektives Delirium ließ über Wochen hinweg das fatalistische, verwirrte, von Wirtschaftskrise und Nationalitätenkonflikten gebeutelte andere Spanien fast vergessen.

          Wenn der Regierungschef und oberste Krisenmanager José Luis Rodríguez Zapatero nun dem Parlament an diesem Mittwoch seinen Bericht zur Lage der Nation vortragen muss, mag er das mit von einer vorbildlichen Fußballmannschaft geliehenen neuen Zuversicht tun. Denn der Gewinn der Weltmeisterschaft besteht für die Spanier unter anderem in der Erkenntnis, dass gebündelte Begabung und entschlossener Einsatz von Leuten aus La Mancha, Katalonien, Asturien und anderen Gegenden des Landes große Erfolge versprechen und auch halten.

          Nicht die lokale Nabelschau und die Einfalt in Zwietracht lassen das Land auf der internationalen Karte glänzen. Gerade weil die Wettbewerbsfähigkeit Spaniens wirtschaftliche Achillesferse ist, ist die anerkannte Wettbewerbsfähigkeit seiner Sportler - neben dem Fußball außerdem beim Tennis, Basketball, dem Motorsport oder der Tour de France - seinem Ruf über die Pyrenäen hinaus so zuträglich.

          Ebenso der spanische König Juan Carlos - hier zwischen Trainer Vicente del Bosque (l) und Torwart Iker Casillas (r)

          Dass zum Beispiel spanische und katalanische Fahnen ohne Bitterkeit nebeneinander geschwenkt werden können, ist auch eine Erfahrung vom Fußballfeld, wo die gleichen Farben nicht als Kampf- und Kontrastmittel dienten. Es gehört zu der Ironie der Zeitgeschichte, dass dem erstmaligen Triumph vom Sonntag in Südafrika jene spalterische Kundgebung in Barcelona vorausging, bei welcher auf ein Urteil des Verfassungsgerichts über das reformierte Autonomiestatut mit Unabhängigkeitsparolen geantwortet wurde.

          WM-Sieg sorgt anscheinend für Solidarität

          Parteien, die sonst zerstritten sind, und Politiker, die vom Schüren regionaler Auseinandersetzungen leben, präsentierten sich nun aus Anlass des Sieges im Endspiel in scheinbarer Solidarität. Das alles wurde von den Bildern aus Südafrika auf wohltuende Weise konterkariert.

          Im spanischen Vielvölkerstaat hoffte die große Mehrheit nach dem überraschend glatten Übergang von der Franco-Diktatur zu einer parlamentarischen Monarchie, dass die demokratische Verfassung aus dem Jahr 1978 die inneren Ungleichgewichte austarieren würde. Obwohl kein Föderalstaat, wuchs Spanien zu einem - was verschiedene Nationalitäten, Sprachen und Regionalinteressen angeht - soliden und prosperierenden europäischen Partner heran.

          Geschäfte mit den Nationalisten

          Jede Madrider Regierung - ob sozialistisch oder konservativ geführt - konzedierte den „Ländern“ mehr politische, finanzielle und kulturelle Autonomierechte, weil sie die nationalistischen Parteien im Baskenland, in Katalonien und in Galicien als Mehrheitsbeschaffer brauchten. In dieser Lage fand sich auch Zapatero mit seiner Minderheitsregierung vom ersten Tag an. Bis ihm die Wirtschaftskrise zum Verhängnis wurde, gingen die Geschäfte mit den Nationalisten leidlich gut. Aber nun hat er materiell nicht mehr viel zu bieten, und die obersten Richter korrigierten dazu seine Innenpolitik der zweifelhaften Zugeständnisse.

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