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Corona-Fälle unter Migranten : Spaniens Angst vor dem Virus im Schlauchboot

32 von der spanischen Küstenwache gerettete Migranten gehen in Fuerteventura an Land. Bild: EPA

Seit kurzem wagen wieder mehr Migranten den gefährlichen Weg über das Mittelmeer. In Spanien wächst die Sorge, sie könnten das eben erst unter Kontrolle gebrachte Virus aufs Neue einschleppen.

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          Die Grenzen in Nordafrika sind immer noch geschlossen. Doch die überfüllten Schlauchboote machen sich wieder auf den gefährlichen Weg. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie schien der Strom von Migranten über das Mittelmeer zunächst zu versiegen. Doch diese Zeiten sind vorbei: Knapp 200 Menschen kamen in den vergangenen Tagen aus Afrika an den spanischen Küsten an. Damit wächst auch die Sorge, dass Migranten das Coronavirus zurückbringen könnten, das Spanien und Italien gerade erst unter Kontrolle gebracht haben.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Auf der spanischen Atlantikinsel Fuerteventura stieg die Zahl der infizierten Migranten auf mehr als 30. Sie kamen mit zwei Booten aus der von Marokko annektierten Westsahara. Von dort aus versuchen immer mehr Migranten, auf die spanischen Kanaren zu gelangen.

          Vor wenigen Tagen stoppte die marokkanische Marine vor Tarfaya ein Schiff; 37 Menschen an Bord wurden positiv auf das Virus getestet. Aus Italien wurden am Mittwoch 28 Infizierte gemeldet, welche die deutsche Organisation Sea-Watch gerettet hatte. Nach Angaben von Menschenrechtlern hat man in Marokko damit begonnen, gezielt afrikanische Migranten zu testen, die an den Küsten seit Monaten verzweifelt darauf warten, nach Spanien überzusetzen. Noch größere Sorgen bereitet dem nordafrikanischen Land der bisher schlimmste Coronavirus-Ausbruch in der Region Kenitra nördlich der Hauptstadt Rabat.

          Infektionsherd Obst-Fabrik

          Er hatte in zwei spanischen Verarbeitungsbetrieben für Früchte begonnen. Mehr als 900 Arbeiter infizierten sich in einer Woche. Marokko war gerade dabei, seine strengen Ausgangsbeschränkungen weiter zu lockern. Der neue Infektionsherd ließ die Zahl der Infizierten auf mehr als 11.000 steigen, am Donnerstag wurden im ganzen Land weitere 372 Neuinfektionen gemeldet; 214 Menschen kamen bisher ums Leben. Ungeduldig warteten die Marokkaner besonders auf die Öffnung ihrer Grenzen. Aber die Regierung in Rabat lässt sich nicht drängen und bleibt weiter vorsichtig. Von annähernd 30.000 Staatsangehörigen, die seit März im Ausland festsitzen, unter ihnen Tausende Erntehelfer in Spanien, durften bisher nur gut 3000 nach Hause zurückkehren.

          Dabei setzt sich im Juni normalerweise eine kleine Völkerwanderung nach Marokko in Bewegung. Dann brechen 3,5 Millionen Marokkaner, die in Westeuropa leben, in 800.000 Fahrzeugen zu ihrem ausgedehnten Sommerurlaub in die Heimat auf. Aber die in beiden Ländern monatelang vorbereitete „Operación Paso del Estrecho“ (Überquerung der Meerenge) wird in diesem Sommer nicht wie gewohnt anlaufen. „Marhaba 2020“ (Willkommen 2020), wie sie in Marokko heißt, wird es nicht geben, sagte der marokkanische Außenminister Nasser Bourita, dessen Regierung sich nicht festlegen will, wann die Grenzen wieder geöffnet werden.

          In Spanien reagierte man erleichtert auf die Ankündigung aus Rabat. Die andalusische Regionalregierung hatte verlangt, dieses Jahr auf die Überquerung zu verzichten, bei der sich Tausende Autos im Hafen von Algeciras drängen. Angesichts der geschlossenen Grenzen rückt in Marokko, dessen Wirtschaft stark vom Tourismus abhängig ist, auch die Rückkehr von Urlaubern in immer weitere Ferne.

          Deutsche Reisewarnung für Tunesien

          Tunesien will dagegen Ausländern am 27. Juni wieder die Einreise gestatten. In Deutschland ist jedoch für das Land wie für Marokko und rund 160 weitere Staaten eine Reisewarnung in Kraft. Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts ist Tunesien aber kein Risikogebiet. Die Regierung hatte im März früh und effizient reagiert. Nur gut 1100 der knapp 11 Millionen Einwohner haben sich bisher infiziert.

          Die tunesische Regierung gibt daher die Hoffnung nicht auf, dass in dieser Saison wenigstens noch eine Sonderregelung zustande kommen könnte, die deutschen Pauschalurlaubern die Rückkehr ermöglicht. Einreisende müssen das negative Ergebnis eines Corona-Tests vorlegen, Reisende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind davon jedoch ausgenommen. Vom Flughafen geht es direkt in Hotels, deren Zimmer nur zu 50 Prozent belegt sein dürfen; darüber hinaus wird es nur Gruppenausflüge geben.

          Seit März ist der Tourismus in Tunesien vollständig zum Erliegen gekommen, der schon im vergangenen Herbst durch die Pleite des Reiseanbieters Thomas Cook stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Im vergangenen Jahr waren noch gut neun Millionen Urlauber an die tunesischen Strände gereist. Nun sieht der Hotelverband des Landes 60 Prozent der Unterkünfte von der Schließung bedroht.

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