https://www.faz.net/-gpf-9yu1u

Pathologe Sotiris Tsiodras : Ein Arzt für alle Griechen

Der Arzt, dem die Griechen vertrauen: Sotiris Tsiodras Bild: Reuters

Wer hätte das gedacht? Griechenland gehört in der Corona-Krise nicht zu den Notfällen Europas. Im Kampf gegen das Virus steht das Land gut da. Der Erfolg hat einen Namen: Sotiris Tsiodras.

          3 Min.

          Der griechische Staat hat keinen guten Ruf, er gilt als ineffizient und schwerfällig. Doch zumindest in der Corona-Krise gilt bisher: Griechenland wird seinem Ruf nicht gerecht.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Als im März aus Italien, Spanien und Frankreich Schreckensbilder von überfüllten Krankenhäusern oder Särgen in Armeelastwagen um die Welt gingen, spielte Griechenland in den Nachrichten keine Rolle – denn es gab solche Bilder von dort nicht. Nachdem am 23. Februar in Saloniki die erste Infektion diagnostiziert wurde – eine griechische Geschäftsfrau hatte sie aus Mailand mitgebracht –, reagierte die Regierung von Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis rasch und entschlossen.

          Die Karnevalssaison wurde abgesagt, die von einem Sohn der Infizierten besuchte Schule geschlossen. Das Gesundheitsministerium verhängte einen Urlaubsstopp für Beschäftigte in staatlichen Krankenhäusern. Ein neues Gesetz erlaubte es dem Staat, Intensivbetten, Beatmungsmaschinen und andere Geräte in privaten Krankenhäusern zu beschlagnahmen, wozu es bisher jedoch nicht kam, da die staatlichen Ressourcen ausreichen.

          Während auch in Griechenland Hamsterkäufe den Eindruck aufkommen ließen, Atemwegserkrankungen seien mit Toilettenpapier therapierbar, wurden mehrere griechische Schulklassen von Reisen nach Italien zurückbeordert. Das öffentliche Leben wurde ab dem 23. März vollends auf Notbetrieb umgestellt – eine Woche, nachdem Österreich ähnliche Maßnahmen verhängt hatte, aber vor anderen europäischen Ländern. Die Ausgangssperren gelten weiter.

          Inzwischen gibt es Studien, in denen Griechenlands Politik als vorbildlich gelobt wird. Bei aller Skepsis gegenüber der Vergleichbarkeit von Statistiken ist eines auffällig: Die Zahl der Corona-Fälle und vor allem der an Covid-19 gestorbenen Patienten in Griechenland ist niedrig. Bis Freitag gab es laut Johns-Hopkins-Universität 2612 registrierte Fälle mit 140 tödlichen Verläufen.

          Die niedrige Fallzahl dürfte zwar auch auf die relativ wenigen Tests zurückzuführen sein, doch bei den Todeszahlen steht Griechenland im Vergleich mit vielen europäischen Ländern ähnlicher Größe gut da. In Schweden sind schon mehr als 2600 Menschen in Verbindung mit dem Virus gestorben, in Belgien etwa 7700, und selbst in Österreich übersteigt die Zahl der Todesfälle den griechischen Wert um mehr als das Vierfache.

          Der Erfolg hat einen Namen

          Die Regierung in Athen hat die anrollende Krise früh sehr ernst genommen – nicht zuletzt aus Einsicht in die Schwäche des eigenen Gesundheitssystems. Man sah die Bilder aus dem reichen Norditalien und wusste: Nähme die Krise in Griechenland ähnliche Ausmaße an, stünde das Gesundheitssystem noch viel schneller vor dem Kollaps. Griechenland verfügte zu Beginn der Krise über kaum mehr als 605 Intensivbetten in staatlichen Krankenhäusern; fast ein Zehntel davon konnte wegen Personalmangels nicht genutzt werden.

          Also kam alles darauf an, gar nicht erst in die Nähe italienischer Zustände zu gelangen. Dabei hatte das Land Glück im Unglück mit dem Zeitpunkt der Pandemie. Wäre das Virus ein halbes Jahr später nach Europa gekommen, zur Zeit der touristischen Hochsaison, hätte es in Griechenland beste Bedingungen zur Verbreitung gefunden. Im Februar aber hatte die große Reisewelle noch nicht begonnen.

          Zudem hatte Mitsotakis eine glückliche Hand bei der Auswahl seines Krisenstabs zum Umgang mit der Pandemie. Griechenlands bisheriger Erfolg im Kampf gegen Sars-CoV-2 hat nach landläufiger Ansicht einen Namen: Sotiris Tsiodras. Der auf Infektionskrankheiten spezialisierte Pathologe wurde unter anderem an der Harvard Medical School ausgebildet und ist als Chef des Corona-Krisenstabs seit einigen Wochen ein Medienstar in Griechenland.

          Zwar tauchte der siebenfache Vater, der an der medizinischen Fakultät der Universität Athen lehrt, auch früher schon manchmal in der öffentlichen Wahrnehmung auf. Als 2007, 2012 und 2019 aggressive Grippewellen durch Athen gingen, gab er in den Medien Gesundheitsratschläge. Auch 2011, als die Schweinegrippe und das von Mücken übertragene West-Nil-Virus jeweils Dutzende Todesopfer in Griechenland forderten, war seine Ansicht gefragt. Doch jetzt ist Tsiodras laut Demoskopen der beliebteste Grieche.

          Niemand soll vergessen werden

          Gerade seine zurückhaltende Art hat ihm nordkoreanisch anmutende Popularitätswerte eingetragen. Regierungschef Mitsotakis steht mit Zustimmungswerten von 66 Prozent bestens da, doch an Tsiodras kommt er nicht heran: Fast 95 Prozent der Befragten äußern sich in Umfragen zustimmend zur Arbeit des Mannes, der im Fernsehen täglich um sechs Uhr abends bei Rekordeinschaltquoten über den Verlauf der Infektionskurve referiert.

          Eine seiner Kernaussage lautet: Alle sollten sich gegenüber ihrer Umwelt so verhalten, als seien sie bereits infiziert. Diesen Aufruf wiederholt Tsiodras unermüdlich, und viele halten sich daran. Der Einfluss des Mediziners auf die Gesundheitspolitik der Regierung gilt als groß.

          Mitsotakis lässt sich direkt von ihm beraten und ist voll des Lobes: „Er ist nicht nur ein hervorragend ausgebildeter Wissenschaftler, sondern auch eine Person von unglaublichem Feingefühl. Ein Arzt in jeder Hinsicht. Er sorgt sich um seine Patienten. Und derzeit sind wir gewissermaßen alle seine Patienten, das ganze Land.“

          Tsiodras legt Wert darauf, dass in der Krise niemand vergessen wird. Nachdem viele Bewohner einer Romasiedlung in Thessalien positiv getestet worden waren, reiste er dorthin und verfügte, dass die Menschen mit Lebensmitteln und Desinfektionsmitteln unterstützt werden. Er warnte davor, Roma zu Sündenböcken zu machen.

          Auf Einwände, es werde in dieser Krise zu viel Rücksicht auf alte Menschen genommen, reagierte der sonst zurückhaltende Wissenschaftler unwirsch: „Wir ehren, respektieren und schützen jeden, aber diese Menschen vor allem. Ohne sie existieren wir nicht, haben wir keine Identität.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Start am Weltraumbahnhof in Florida

          Cape Canaveral : Erste bemannte SpaceX-Rakete erfolgreich gestartet

          Es ist der erste bemannte Weltraumflug Amerikas seit neun Jahren – die Privatfirma SpaceX hat ihre Crew-Dragon-Kapsel ins All geschickt. Der erfolgreiche Start der zweistufigen Rakete bedeutet eine grundsätzliche Abkehr von der Art und Weise, mit der Astronauten bisher in den Orbit befördert werden.
          Nicht nur am Mainufer, sondern auch an der Frankfurter Börse herrscht frühlingshafter Optimismus.

          Steigende Kurse trotz Krise : Das Börsenvirus

          Die Wirtschaft liegt noch am Boden, doch die Kurse an der Börse steigen und steigen. Kann die Wette auf die bessere Zukunft aufgehen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.