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Somaliland, Puntland, Jubaland : Die vielen Somalias

Vor Jubaland: Ein Hubschrauber der kenianischen Armee patrouilliert im Grenzgebiet zu Somalia Bild: REUTERS

Somaliland sieht sich als Staat. Der Rest der Welt sieht das nicht so. Aber der Nichtstaat funktioniert viel besser als das Gebiet, in dem die anerkannte Übergangsregierung herrscht.

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          In der vergangenen Woche hat die selbsternannte Republik Somaliland Hilfslieferungen für die Hungernden im Süden Somalias angekündigt. Gleichzeitig will sie der internationalen Helferarmada ihren Tiefseehafen Berbera zur Verfügung stellen. Damit zeigt der international nicht anerkannte Staat, wie viel handlungsfähiger er ist als die Übergangsregierung in Mogadischu, zu der Somaliland keine diplomatischen Beziehungen unterhält.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Das Einzige, was die Übergangsregierung neben Ineffizienz und horrender Korruption auszeichnet, ist die internationale Anerkennung und militärische Unterstützung aus dem Ausland. Nach innen hat sie weder Macht noch Legitimität. Nach UN-Angaben stahlen die eigenen Kabinettsmitglieder in den vergangenen Jahren 96 Prozent des Staatsbudgets.

          In Somalia haben sich längst staatsähnliche Gebilde gegründet, die ohne die Übergangsregierung besser auskommen als mit ihr. Somaliland ist eines davon. Auf dem Gebiet des einstigen britischen Protektorats im Nordwesten erklärte es sich nach dem Sturz Siad Barres 1991 für unabhängig und ist heute der wohl demokratischste Staat am ganzen Horn von Afrika. Ein anderes Gebilde, die autoritär regierte halbautonome Region Puntland, existiert seit 1998.

          Kenianer fürchten Einsickern von Waffen und Islamisten

          Je länger der Zustand einer ineffektiven Übergangsregierung anhält, desto mehr Machthaber gründen eigene Staaten. Südlich von Puntland entstand 2006 Galmuduug, geführt von dem ehemaligen somalischen Armeegeneral Mohamed Ahmed Alin. Dies setzt sich in ähnlicher Weise fort. Auch als im April dieses Jahres ein weiterer Teilstaat, Jubaland, ausgerufen wurde, hatte die Übergangsregierung in Mogadischu dem nichts entgegenzusetzen. Jubaland liegt weit im Süden, an der Grenze zu Kenia.

          Mohamed Abdi Mohamed, Jubalands „Präsident“, war 2009 und 2010 Verteidigungsminister der Übergangsregierung. Wie von Wikileaks veröffentlichte Drahtberichte darlegen, wird die „Staatsgründung“ Jubalands seit langem von Kenia unterstützt. Demnach hat China den Kenianern Waffen und Munition geliefert, die Kenia wiederum für den Aufbau der Sicherheitskräfte Jubalands verwendet.

          Kenia hat seit Jahrzehnten mit Flüchtlingsströmen aus Südsomalia zu kämpfen, die sich durch die aktuelle Hungersnot verstärkt haben. Gleichzeitig fürchten die Kenianer das Einsickern von Waffen und Islamisten wie der Shabaab-Miliz, die nach dem Verlust Mogadischus mit ihren Hauptstreitkräften nach Süden auswich. China wiederum will nur 95 Kilometer von der somalischen Grenze entfernt im kenianischen Lamu einen Tiefseehafen bauen, der auch von Südsudan genutzt werden soll. Der Präsident des Pufferstaates Jubaland erklärte den Kampf gegen al Shabaab sogleich zur wichtigsten Aufgabe.

          Aus ausländischen Konferenzsälen nach Mogadischu verpflanzt

          Sein „Staat“ könnte bald Unterstützung aus Washington bekommen. Seit Oktober 2010 verfolgen die Vereinigten Staaten eine neue Somalia-Politik. Einerseits unterstützt Washington wie auch die EU weiterhin die aus ausländischen Konferenzsälen nach Mogadischu verpflanzte Übergangsregierung mit ihrer kleinen Mannschaft von notorisch desertierenden Sicherheitskräften, sowie die Schutztruppe der Afrikanischen Union Amisom. Andererseits sollen Kontakte zu Regionalregierungen verstärkt werden: Vor allem zu Somaliland und Puntland, aber auch zu jenen wie Jubaland und anderen Staatsgebilden, wie Johnny Carson, der amerikanische Staatssekretär für Afrikanische Angelegenheiten, mitteilte.

          Territoriale Verwaltung, Grundbesitz und politische Grenzen spielten unter somalischen Nomaden früher eine untergeordnete Rolle in einem ohnehin dünn bevölkerten Land. Identität und Loyalitäten entstanden über die eigene Gruppe und angeheiratete Verbindungen zu anderen. Dies änderte sich spätestens im somalischen Bürgerkrieg, als Abstammung in Abhängigkeit zu festem Territorium gesetzt wurde.

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