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Somaliland, Puntland, Jubaland : Die vielen Somalias

Schon in den frühen achtziger Jahren kämpften die Majerteen-Clanmiliz „Somali Salvation Democratic Front“ (SSDF) in Nordostsomalia, der späteren Region Puntland, und die Isaaq-Miliz „Somali National Movement“ (SNM) in Nordwestsomalia, das dann zu Somaliland wurde, gegen den Diktator Siad Barre. Barre regierte Somalia seit seinem Putsch 1969 mit harter Hand. Den Norden des Landes benachteiligte er systematisch. Beide Bewegungen hatten die Unterstützung Äthiopiens, das Barre 1977 überfallen hatte. Um an der Macht zu bleiben, hetzte Barre andere Clans gegen die Guerrilleros auf. Im Januar 1991 wurde der Diktator schließlich von der Hawiye-Miliz des „United Somali Congress“ gestürzt.

Während sich die verschiedenen Clanmilizen in den folgenden Jahren aufspalteten und im Kampf um die Kriegsbeute den Staat vollends kollabieren ließen, gelang es der SNM in Somaliland im Mai 1991 in einer Serie von Friedenskonferenzen, die auch ehemalige Gegner der Guerrilleros mit einschlossen, ihre Region zu befrieden. Einige Jahre später wurden die Milizen demobilisiert, eine zivile Regierung eingesetzt und staatliche Strukturen wieder aufgebaut. Die Warlords in Mogadischu hatten dem nichts entgegenzusetzen.

Möglicherweise liegt die Erfolgsgeschichte Somalilands an der Dominanz einer einzigen Clanfamilie, den Isaaq, die zwei Drittel der dortigen Bevölkerung umfasst. So kann sie die anderen Clans in der Region, die nicht immer auf Seiten der Regierung standen, kontrollieren. Möglicherweise trug auch das Ausbleiben internationaler Interventionen zur Stabilität in der Region bei. Sowohl die bewaffneten Helfer der UN-Operationen 1992 bis 1996 als auch die äthiopischen Truppen 2006 bis 2009 in Südsomalia waren immer auch eine eigene Kriegspartei. Das selbst organisierte Somaliland weist heute alle wesentlichen Merkmale eines Staates auf. Es hat ein festes Territorium, eine eigene Währung, zieht teilweise Steuern ein und garantiert vor allem Sicherheit.

Attraktiv für Investoren?

Dies zog Investoren vor allem aus der Telekommunikationsbranche an, die zur modernsten in ganz Afrika zählt, aber auch Unternehmen wie Coca-Cola, das im September eine Fabrik in der Hauptstadt Hargeisa eröffnen will. Im vergangenen Jahr wurde der bisherige Oppositionsführer Ahmed Silanyo in freier Wahl zum Präsidenten gewählt. Sein Amtsvorgänger ging ohne Waffengewalt.

Somaliland schafft es, seine mehr als 700 Kilometer lange Küste von Piraten weitgehend frei zu halten. Nur diplomatische Vertretungen bleiben rar in Hargeisa. Trotzdem ist auch Somalilands Peripherie nicht frei von Scharmützeln. Nach Angaben des Ethnologen Markus Höhne vom Max-Planck-Institut in Halle fühlen sich zwei große Harti-Subclans Puntland zugehörig, residieren aber im Osten Somalilands. 2007 riefen also die Warsangeli in der Region Sanaag und die Dulbahante in Sool unabhängige Teilstaaten aus, die neben Hardlinern aus der weltumspannenden Diaspora wiederum von Puntland unterstützt werden.

Eine Studentin in den Farben Somalilands bei den Unabhängigkeitsfeiern am 18. Mai 2011

Puntland wurde 1998 unter dem Warlord und SSDF-Chef Abdullahi Yusuf in einem ähnlichen Prozess wie in Somaliland gegründet. Yusuf stützte sich stark auf seinen Majerteen-Clan und das Militär, schuf aber relative Sicherheit. 2004 verließ er Puntland gen Mogadischu, um bis zu seinem Rücktritt 2008 selbst Präsident der dortigen Übergangsregierung in zu werden. Seitdem hat die Piraterie in Puntland stetig zugenommen. Dem Vernehmen nach sind viele der aktuellen Regierungsmitglieder indirekt selbst an dem Geschäft beteiligt.

Äthiopien hat kein Interesse an starkem somalischen Zentralstaat

Einen weiteren Integrationsversuch unternahmen die internationale Gemeinschaft und Mogadischus „Parlamentarier“ 2009, als die Übergangsregierung neu organisiert und Scheich Sharif Scheich Ahmed Präsident wurde. Ahmed führte davor die Union der Scharia-Gerichtshöfe an. Die den Gerichtshöfen einst angeschlossene Shabaab-Miliz wurde dadurch aber nicht geschwächt.

Das eigentlich im August auslaufende Mandat der nunmehr vierzehnten Übergangsregierung ist derweil auf einer von den UN bezahlten Konferenz in Kampala bis 2012 verlängert worden. Vielleicht endgültig zum letzten Mal. Dem „dualen Ansatz“ Washingtons folgt mittlerweile auch die Afrikanische Union, die sonst stets darauf bedacht ist, koloniale Grenzen unangetastet zu lassen. Der AU-Sicherheitsrat, der die Existenz Somalilands und Puntlands bislang weitgehend ignorierte, möchte „Konsultationen mit Somaliland und Puntland ausweiten“. Die Regionalmacht Äthiopien unterstützt dies. Addis Abeba hat überhaupt kein Interesse an einem starken somalischen Zentralstaat.

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