https://www.faz.net/-gpf-10b68

Somalier in Deutschland : Clan im Gepäck

In Omar Isses Kneipe kaut man das Rauschkraut Khat - das hat schon öfter Ärger mit der Polizei eingebracht Bild: Marcus Kaufhold/F.A.Z.

Etwa 5000 Somalier leben in Deutschland - ihre Herkunft haben sie nicht vergessen. „Der Clan ist der Ausweis eines Somaliers“, sagt Omar Isse, Vorsitzender eines Frankfurter Somalia-Vereins. Die daraus entstehenden Konflikte haben die Afrikaner mit in die Diaspora gebracht.

          5 Min.

          „Der Clan ist der Ausweis eines Somaliers“, sagt Omar Isse, lehnt sich auf seinem Holzstuhl zurück, streckt die Beine aus und schiebt seine Sandalen in die Höhe. Der alte Mann ist Vorsitzender von „Almis Club Kultur“, einem Somalia-Verein im Frankfurter Bahnhofsviertel. Reguläre somalische Pässe gibt es nicht: Somalia existiert seit 1991 nicht mehr. „Hier kommen Angehörige aller Clans her: Hawiye, Darod, Isaq, da mache ich gar keinen Unterschied“, sagt Isse, der selbst zum Clan der Isaq gehört. Wenn Isse lächelt, was er oft tut, blickt er meist zu Boden. Sein dünner Kinnbart berührt dann fast die Brust, und das weite Hemd wölbt sich über dem Bauch. Isse ist jetzt 65 Jahre alt und seit 17 Jahren in Deutschland – seit in Somalia der Bürgerkrieg anfing, der bis heute andauert.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Der Name des Clubs steht in grünen, weißen und roten Lettern über der Tür. Das sind die Farben Somalilands, jener Gegend im Norden Somalias, die sich Mitte der neunziger Jahre selbst zur Republik ernannt hat. Tische, Stühle, Neonlicht und Bilder von Mekka, der Flagge Somalilands und Barack Obama bilden das Interieur in den zwei Kellerräumen des Vereins. Dort sitzen Männer, die sich laut unterhalten. Dabei trinken sie Cola und kauen Khatblätter. Alkohol erlaubt Omar Isse nicht. Musik wird auch nicht gespielt.

          Bei Asylfragen sind alle Afrikaner - sonst zählt der Clan

          Isses Gäste stammen aus ganz Somalia, einige auch aus Äthiopien und Eritrea, zwei miteinander verfeindeten Ländern, die ihren Krieg vor allem in Somalia austragen. Mit sich in die Diaspora haben die Somalier ihre Clankonflikte gebracht. Jeder gehört einem Clan an, jeder Clan sieht seinen Ursprung in einem gemeinsamen Vorfahren. „Jeder kennt hier den Clan der anderen“, sagt Hersi Osman, der seine Freitagabende im „Almis Club“ verbringt. So schlimm wie in England, wo man als Angehöriger des falschen Clans gewisse Straßenzüge nicht betreten könne, sei es zwar nicht, sagt Osman – aber fast: „In Diskussionen merkt man, dass einige Leute andere Clans sogar vernichten würden, wenn sie könnten.“

          Im Verein somalischen „Almis Club Culture” lauschen Mitglieder einem Vortrag über die Weltwirtschaft

          Theoretisch zumindest. Wenn es aber darum geht, sich im „Almis Club“ bei einer Dose Coca-Cola über Asylverfahren auszutauschen, dann sind sie Afrikaner – so wie Obama an der Wand. Trotzdem weiß jeder, zu welchem Clan der andere gehört, ja sogar: zu welchem Unter-Clan.

          Weit weg vom Frankfurter Flughafen wohnen wenige

          Im Club führen sie eine Liste, auf der 500 somalische Familien verzeichnet sind, die in Deutschland leben. Viel mehr Familien sind es nicht, glaubt Omar Isse – „abgesehen von denen, die sich von ihren Landsleuten abschotten“. Einen Sprecher oder einen übergeordneten Verband der Somalier wie in Nordamerika gibt es in Deutschland nicht. Dafür unzählige Vereine, die nicht selten ethnisch organisiert sind. Auch innerhalb der Familien hat der Clan nicht an Bedeutung verloren. Der Hallenser Ethnologe Günther Schlee kennt die somalische Diaspora in Deutschland genau. Clandenken sei auch hier weit verbreitet, schreibt er. Somalische Töchter werden auch in Frankfurt, Marburg oder Düsseldorf meist innerhalb des eigenen Clans verheiratet. Ein somalisches Sprichwort sagt: „Ich gegen meinen Bruder. Mein Bruder und ich gegen die Familie. Ich und meine Familie gegen den Clan – ich und mein Clan gegen die Welt.“ Ein bisschen gilt das auch in Deutschland.

          Die meisten der 5000 Somalier, die hier leben, sind seit 1991 vor dem Bürgerkrieg geflohen. Ein Drittel der insgesamt acht Millionen Somalier ist auf der Flucht. Wer konnte, ging ins Ausland. Die Vereinigten Staaten, Skandinavien und vor allem England sind die begehrtesten Ziele. In England leben fast 100.000 Somalier, dort ist das Ausländerrecht großzügiger und der Niedriglohnsektor weiter ausgebaut. Wer in Deutschland lebt, befindet sich entweder auf der Durchreise oder sitzt fest. Allein in Hessen leben 2000 Somalier, in Nordrhein-Westfalen noch einmal etwa 1600. „Wirklich weit weg vom Frankfurter Flughafen wohnt kaum jemand von uns“, schmunzelt Omar Isse.

          „Die können nicht verstehen, dass es Teil unserer Kultur ist“

          Er ist einer der wenigen, die sich in Frankfurt eingerichtet haben. Nur die Polizeikontrollen setzen dem Somalier zu. An diesem Tag waren die Beamten schon drei Mal da. Sie suchen nach dem Rauschkraut Khat. „Die können nicht verstehen, dass Khat ein Teil unserer Kultur ist“, sagt Isse und lächelt wieder: „Jeder Clan hat eigene Gewohnheiten. Aber Khat kaut jeder, selbst die Islamisten.“

          Isse hat Koch gelernt. Bevor 1990 der Krieg ausbricht, führt er ein Restaurant in Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. Schnell entscheidet er, mit seiner Familie nach Großbritannien auszuwandern, verkauft Restaurant und Haus. Das Geld reicht gerade für die Flugtickets für seine Frau und die fünf Kinder. Er selbst bleibt zunächst zurück. Beim Zwischenstopp in Frankfurt wird Isses Familie nicht in den Anschlussflieger nach London gelassen. Sie erhält Asyl in Deutschland, da sie einem Clan angehört, der als verfolgt gilt. Noch heute wird in deutschen Asylverfahren die Clanzugehörigkeit berücksichtigt.

          In Deutschland Afrikaner, in Frankfurt Somalier, unter Somaliern zählt der Clan

          Anderthalb Jahre braucht Omar Isse, um seiner Familie nachzufolgen. Zunächst fliegt er nach Syrien, dann nach Ägypten – erst in Jordanien bekommt er ein Visum für Deutschland. In Ditzenbach bei Stuttgart schlägt Isse sich die ersten Jahre als Tellerwäscher und Putzmann durch. Als Koch wird er nie wieder eine Anstellung bekommen. Seine Frau ist nicht mehr in Deutschland. Sie ist vor vier Jahren nach Hargeisa in Somaliland geflogen, in eine vergleichsweise sichere Region. „Ihr Heimweh war groß“, sagt Isse.

          Zurück nach Deutschland könnte seine Frau nicht mehr, selbst wenn sie wollte: Wer eine Aufenthaltserlaubnis hat und in sein Heimatland ausreist, der darf nicht wieder in die Bundesrepublik einreisen. Isse selbst will nicht mehr aus Deutschland weg. Einsam ist er nicht. „Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist voll von Leuten aus dem Horn von Afrika“, sagt er. Man komme gut miteinander aus. In Deutschland ist man Afrikaner, im Bahnhofsviertel Somalier, unter Somaliern hat man seinen Clan.

          „Die somalische Krankheit heißt Clans“

          An Clanstreitigkeiten ist der Frankfurter „Somalisch-islamische Verein“ zugrunde gegangen. 2003 noch hatte der Verein mehr als 200 Mitglieder. Doch bald sagten manche, sie würden nur dann wiederkommen, wenn Angehörige anderer Clans austräten. So trifft sich der Vorsitzende Ali Daud Nuriye nun mit den verbliebenen Mitgliedern in seinem Wohnzimmer, um die somalischen Neun-Uhr-Nachrichten des Exil-Senders Universal TV aus London zu empfangen. Es wird nur Krieg gezeigt. Inzwischen lebt in Somalia die zweite Kriegsgeneration. Nuriyes Interpretation des Bürgerkriegs geht so: „Afrika mag viele Krankheiten haben, normalerweise ist ja immer von Aids die Rede – aber die somalische Krankheit heißt ‚Clans‘“, schimpft er und drückt seine halb verbrannte Zigarette fest in den Aschenbecher.

          Möglicherweise halten auch Überweisungen aus der Diaspora den Krieg in Gang. Hunderte Millionen Euro schicken im Ausland lebende Somalier jedes Jahr in ihre alte Heimat. Aus Deutschland kommen etwa ein bis zwei Millionen Euro, schätzt Ahmed Farah Hassan, der die Deutschlandvertretung der Finanztransaktionsfirma „Kaah-Express“ leitet. Mittlerweile kann man auch direkt von Deutschland aus Geld nach Somalia transferieren. Im Juli hat Kaah-Express eine Filiale in Düsseldorf eröffnet. Meist werden kleinere Beträge geschickt. „Nie mehr als 100 Euro“, sagt Hassan. Auch Omar Isse sammelt hin und wieder Geld in seinem Club. „Für Waisenhäuser.“ Trotz der kleinen Summen lohnt sich das Geschäft auch für „Kaah-Express“. In Frankfurt hat das Unternehmen schon Räume für ein Büro gemietet, bald soll dort der Betrieb beginnen.

          „Wenn du keinen Clan hast, bist du verloren“

          Hassan beschäftigt in seiner Düsseldorfer Filiale drei Somalier. Alle gehören verschiedenen Clans an. Damit, sagt Hassan, umgehe er die Gefahr, dass ein Mitglied etwa der mächtigen Hawiye-Clanfamilie sich weigere, am Schalter eines Darod Geld einzuzahlen. „Du kannst mit noch so viel Geld nach Somalia kommen. Wenn du keinen Clan hast, dann bist du verloren“, sagt Hassan. Er ist schon in den achtziger Jahren zum Studieren nach Deutschland gekommen und mit einer Deutschen verheiratet.

          Niemand glaubt an baldigen Frieden in Somalia. Kaum jemand geht dorthin zurück. Wer seine Aufenthaltserlaubnis in einen in der ganzen EU gültigen deutschen Pass eintauschen kann, zieht meist weiter nach England. „Wir sind ein Nomadenvolk“, sagt der Finanzmakler Hassan. Nicht über einen Staat sei man organisiert, sondern über den Clan. Das aber könne nicht ewig so weitergehen: „Wir müssen endlich sesshaft werden.“

          Weitere Themen

          „Trump kann Elefant nicht von Löwen unterscheiden“ Video-Seite öffnen

          Wahlkampf-Intelligenztests : „Trump kann Elefant nicht von Löwen unterscheiden“

          Geht es nach Präsident Donald Trump, müsste sein demokratischer Konkurrent Joe Biden einen Test machen, um seine geistige Fitness unter Beweis zu stellen. So etwas habe er nicht gemacht, erklärt Biden in einem Interview. Trump könne ja selbst einen Elefanten nicht von einem Löwen unterscheiden, sagte der 77-Jährige weiter.

          Das ist Deutschlands neuer Tiktok-König

          Younes Zarou : Das ist Deutschlands neuer Tiktok-König

          Deutschlands Tiktoker mit den meisten Followern ist 22 Jahre alt und studiert Wirtschaftsinformatik. Als Junge wollte er Fußballprofi werden. Heute ist er Social-Media-Star und weiß ein Millionenpublikum hinter sich.

          Topmeldungen

          Libanon : Deutsche Diplomatin bei Explosion in Beirut getötet

          Bei der verheerenden Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut ist auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft getötet worden. Außenminister Maas zeigte sich bestürzt: „Unsere schlimmste Befürchtung hat sich bestätigt.“

          Hiroshima 1945 : Acht Zeitzeugen über Krieg und Kapitulation

          Zum ersten Mal wurde am 6. August 1945 eine Atombombe in einem Krieg eingesetzt. In Hiroshima wurden mehr als hunderttausend Menschen getötet – unter Trümmern, im Feuersturm oder durch Verstrahlung. Acht Japaner über ihr Leben im Krieg, die Bombe und die Kapitulation des Kaisers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.