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Somalier in Deutschland : Clan im Gepäck

In Omar Isses Kneipe kaut man das Rauschkraut Khat - das hat schon öfter Ärger mit der Polizei eingebracht Bild: Marcus Kaufhold/F.A.Z.

Etwa 5000 Somalier leben in Deutschland - ihre Herkunft haben sie nicht vergessen. „Der Clan ist der Ausweis eines Somaliers“, sagt Omar Isse, Vorsitzender eines Frankfurter Somalia-Vereins. Die daraus entstehenden Konflikte haben die Afrikaner mit in die Diaspora gebracht.

          „Der Clan ist der Ausweis eines Somaliers“, sagt Omar Isse, lehnt sich auf seinem Holzstuhl zurück, streckt die Beine aus und schiebt seine Sandalen in die Höhe. Der alte Mann ist Vorsitzender von „Almis Club Kultur“, einem Somalia-Verein im Frankfurter Bahnhofsviertel. Reguläre somalische Pässe gibt es nicht: Somalia existiert seit 1991 nicht mehr. „Hier kommen Angehörige aller Clans her: Hawiye, Darod, Isaq, da mache ich gar keinen Unterschied“, sagt Isse, der selbst zum Clan der Isaq gehört. Wenn Isse lächelt, was er oft tut, blickt er meist zu Boden. Sein dünner Kinnbart berührt dann fast die Brust, und das weite Hemd wölbt sich über dem Bauch. Isse ist jetzt 65 Jahre alt und seit 17 Jahren in Deutschland – seit in Somalia der Bürgerkrieg anfing, der bis heute andauert.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Der Name des Clubs steht in grünen, weißen und roten Lettern über der Tür. Das sind die Farben Somalilands, jener Gegend im Norden Somalias, die sich Mitte der neunziger Jahre selbst zur Republik ernannt hat. Tische, Stühle, Neonlicht und Bilder von Mekka, der Flagge Somalilands und Barack Obama bilden das Interieur in den zwei Kellerräumen des Vereins. Dort sitzen Männer, die sich laut unterhalten. Dabei trinken sie Cola und kauen Khatblätter. Alkohol erlaubt Omar Isse nicht. Musik wird auch nicht gespielt.

          Bei Asylfragen sind alle Afrikaner - sonst zählt der Clan

          Isses Gäste stammen aus ganz Somalia, einige auch aus Äthiopien und Eritrea, zwei miteinander verfeindeten Ländern, die ihren Krieg vor allem in Somalia austragen. Mit sich in die Diaspora haben die Somalier ihre Clankonflikte gebracht. Jeder gehört einem Clan an, jeder Clan sieht seinen Ursprung in einem gemeinsamen Vorfahren. „Jeder kennt hier den Clan der anderen“, sagt Hersi Osman, der seine Freitagabende im „Almis Club“ verbringt. So schlimm wie in England, wo man als Angehöriger des falschen Clans gewisse Straßenzüge nicht betreten könne, sei es zwar nicht, sagt Osman – aber fast: „In Diskussionen merkt man, dass einige Leute andere Clans sogar vernichten würden, wenn sie könnten.“

          Im Verein somalischen „Almis Club Culture” lauschen Mitglieder einem Vortrag über die Weltwirtschaft

          Theoretisch zumindest. Wenn es aber darum geht, sich im „Almis Club“ bei einer Dose Coca-Cola über Asylverfahren auszutauschen, dann sind sie Afrikaner – so wie Obama an der Wand. Trotzdem weiß jeder, zu welchem Clan der andere gehört, ja sogar: zu welchem Unter-Clan.

          Weit weg vom Frankfurter Flughafen wohnen wenige

          Im Club führen sie eine Liste, auf der 500 somalische Familien verzeichnet sind, die in Deutschland leben. Viel mehr Familien sind es nicht, glaubt Omar Isse – „abgesehen von denen, die sich von ihren Landsleuten abschotten“. Einen Sprecher oder einen übergeordneten Verband der Somalier wie in Nordamerika gibt es in Deutschland nicht. Dafür unzählige Vereine, die nicht selten ethnisch organisiert sind. Auch innerhalb der Familien hat der Clan nicht an Bedeutung verloren. Der Hallenser Ethnologe Günther Schlee kennt die somalische Diaspora in Deutschland genau. Clandenken sei auch hier weit verbreitet, schreibt er. Somalische Töchter werden auch in Frankfurt, Marburg oder Düsseldorf meist innerhalb des eigenen Clans verheiratet. Ein somalisches Sprichwort sagt: „Ich gegen meinen Bruder. Mein Bruder und ich gegen die Familie. Ich und meine Familie gegen den Clan – ich und mein Clan gegen die Welt.“ Ein bisschen gilt das auch in Deutschland.

          Die meisten der 5000 Somalier, die hier leben, sind seit 1991 vor dem Bürgerkrieg geflohen. Ein Drittel der insgesamt acht Millionen Somalier ist auf der Flucht. Wer konnte, ging ins Ausland. Die Vereinigten Staaten, Skandinavien und vor allem England sind die begehrtesten Ziele. In England leben fast 100.000 Somalier, dort ist das Ausländerrecht großzügiger und der Niedriglohnsektor weiter ausgebaut. Wer in Deutschland lebt, befindet sich entweder auf der Durchreise oder sitzt fest. Allein in Hessen leben 2000 Somalier, in Nordrhein-Westfalen noch einmal etwa 1600. „Wirklich weit weg vom Frankfurter Flughafen wohnt kaum jemand von uns“, schmunzelt Omar Isse.

          „Die können nicht verstehen, dass es Teil unserer Kultur ist“

          Er ist einer der wenigen, die sich in Frankfurt eingerichtet haben. Nur die Polizeikontrollen setzen dem Somalier zu. An diesem Tag waren die Beamten schon drei Mal da. Sie suchen nach dem Rauschkraut Khat. „Die können nicht verstehen, dass Khat ein Teil unserer Kultur ist“, sagt Isse und lächelt wieder: „Jeder Clan hat eigene Gewohnheiten. Aber Khat kaut jeder, selbst die Islamisten.“

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