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Somalier in Deutschland : Clan im Gepäck

Isse hat Koch gelernt. Bevor 1990 der Krieg ausbricht, führt er ein Restaurant in Mogadischu, der Hauptstadt Somalias. Schnell entscheidet er, mit seiner Familie nach Großbritannien auszuwandern, verkauft Restaurant und Haus. Das Geld reicht gerade für die Flugtickets für seine Frau und die fünf Kinder. Er selbst bleibt zunächst zurück. Beim Zwischenstopp in Frankfurt wird Isses Familie nicht in den Anschlussflieger nach London gelassen. Sie erhält Asyl in Deutschland, da sie einem Clan angehört, der als verfolgt gilt. Noch heute wird in deutschen Asylverfahren die Clanzugehörigkeit berücksichtigt.

In Deutschland Afrikaner, in Frankfurt Somalier, unter Somaliern zählt der Clan

Anderthalb Jahre braucht Omar Isse, um seiner Familie nachzufolgen. Zunächst fliegt er nach Syrien, dann nach Ägypten – erst in Jordanien bekommt er ein Visum für Deutschland. In Ditzenbach bei Stuttgart schlägt Isse sich die ersten Jahre als Tellerwäscher und Putzmann durch. Als Koch wird er nie wieder eine Anstellung bekommen. Seine Frau ist nicht mehr in Deutschland. Sie ist vor vier Jahren nach Hargeisa in Somaliland geflogen, in eine vergleichsweise sichere Region. „Ihr Heimweh war groß“, sagt Isse.

Zurück nach Deutschland könnte seine Frau nicht mehr, selbst wenn sie wollte: Wer eine Aufenthaltserlaubnis hat und in sein Heimatland ausreist, der darf nicht wieder in die Bundesrepublik einreisen. Isse selbst will nicht mehr aus Deutschland weg. Einsam ist er nicht. „Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist voll von Leuten aus dem Horn von Afrika“, sagt er. Man komme gut miteinander aus. In Deutschland ist man Afrikaner, im Bahnhofsviertel Somalier, unter Somaliern hat man seinen Clan.

„Die somalische Krankheit heißt Clans“

An Clanstreitigkeiten ist der Frankfurter „Somalisch-islamische Verein“ zugrunde gegangen. 2003 noch hatte der Verein mehr als 200 Mitglieder. Doch bald sagten manche, sie würden nur dann wiederkommen, wenn Angehörige anderer Clans austräten. So trifft sich der Vorsitzende Ali Daud Nuriye nun mit den verbliebenen Mitgliedern in seinem Wohnzimmer, um die somalischen Neun-Uhr-Nachrichten des Exil-Senders Universal TV aus London zu empfangen. Es wird nur Krieg gezeigt. Inzwischen lebt in Somalia die zweite Kriegsgeneration. Nuriyes Interpretation des Bürgerkriegs geht so: „Afrika mag viele Krankheiten haben, normalerweise ist ja immer von Aids die Rede – aber die somalische Krankheit heißt ‚Clans‘“, schimpft er und drückt seine halb verbrannte Zigarette fest in den Aschenbecher.

Möglicherweise halten auch Überweisungen aus der Diaspora den Krieg in Gang. Hunderte Millionen Euro schicken im Ausland lebende Somalier jedes Jahr in ihre alte Heimat. Aus Deutschland kommen etwa ein bis zwei Millionen Euro, schätzt Ahmed Farah Hassan, der die Deutschlandvertretung der Finanztransaktionsfirma „Kaah-Express“ leitet. Mittlerweile kann man auch direkt von Deutschland aus Geld nach Somalia transferieren. Im Juli hat Kaah-Express eine Filiale in Düsseldorf eröffnet. Meist werden kleinere Beträge geschickt. „Nie mehr als 100 Euro“, sagt Hassan. Auch Omar Isse sammelt hin und wieder Geld in seinem Club. „Für Waisenhäuser.“ Trotz der kleinen Summen lohnt sich das Geschäft auch für „Kaah-Express“. In Frankfurt hat das Unternehmen schon Räume für ein Büro gemietet, bald soll dort der Betrieb beginnen.

„Wenn du keinen Clan hast, bist du verloren“

Hassan beschäftigt in seiner Düsseldorfer Filiale drei Somalier. Alle gehören verschiedenen Clans an. Damit, sagt Hassan, umgehe er die Gefahr, dass ein Mitglied etwa der mächtigen Hawiye-Clanfamilie sich weigere, am Schalter eines Darod Geld einzuzahlen. „Du kannst mit noch so viel Geld nach Somalia kommen. Wenn du keinen Clan hast, dann bist du verloren“, sagt Hassan. Er ist schon in den achtziger Jahren zum Studieren nach Deutschland gekommen und mit einer Deutschen verheiratet.

Niemand glaubt an baldigen Frieden in Somalia. Kaum jemand geht dorthin zurück. Wer seine Aufenthaltserlaubnis in einen in der ganzen EU gültigen deutschen Pass eintauschen kann, zieht meist weiter nach England. „Wir sind ein Nomadenvolk“, sagt der Finanzmakler Hassan. Nicht über einen Staat sei man organisiert, sondern über den Clan. Das aber könne nicht ewig so weitergehen: „Wir müssen endlich sesshaft werden.“

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