https://www.faz.net/-gpf-72qtb

Somalia : Kopfüber ins Haifischbecken

  • -Aktualisiert am

Morgenluft in Mogadischu: Händler öffnen ihre Stände vor einem zerstörten Gebäude in der somalischen Hauptstadt. Bild: REUTERS

Noch vor einem Jahr war Mogadischu eine Stadt der Apokalypse. Heute gibt es dort improvisierte Cafés und Immobilienmakler. Nach 21 Jahren Krieg atmet Somalia auf.

          7 Min.

          Mit Mohamed Abdi ein Gespräch zu führen, ist ein Geduldsspiel. Kaum hat er zu einem Satz angehoben, klingelt wieder eines seiner vier Handys. „Ein Kunde aus Stockholm“, entschuldigt er sich. Mohamed Abdi, 46 Jahre alt, Nickelbrille und munter wie eine Sprungfeder, ist der erste Immobilienmakler Mogadischus.

          Er vermittelt Baugrundstücke, heruntergekommene Wohnhäuser, Hotelruinen und zerbombte Fabrikhallen. „Alles geht“, sagt er. „Dhul & Guri“ heißt sein Unternehmen, was so viel heißt wie „Stein für Stein“, und das ist wörtlich zu verstehen. Kaum eine andere Stadt der Welt wurde so gründlich zerstört wie Mogadischu, und keine andere hat es so eilig, wieder aufgebaut zu werden. „Die Leute reißen mir die Grundstücke regelrecht aus den Händen“, sagt Mohamed.

          Seine Kunden sind ehemalige somalische Flüchtlinge, die in Amerika, Großbritannien oder Schweden zu Geld gekommen sind und die es zurück in die alte Heimat drängt, weil dort so etwas wie ein dauerhafter Frieden am Horizont dämmert. Es sind Leute wie Mohamed selbst: Nach dem Sturz des Diktators Siad Barre und dem Zusammenbruch der Zentralregierung 1991 verschlug es ihn zuerst nach London, von dort aus nach Georgia, Alabama, wo er bei einem Immobilienmakler anheuerte. Seit zwei Jahren ist er zurück in Mogadischu. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt er.

          Genau ein Jahr ist es her, als die Eingreiftruppe der Afrikanischen Union (Amisom) die radikale islamistische Miliz Al Shabaab nach schweren Kämpfen aus Mogadischu vertreiben konnte. Damals konnten sich Besucher nur in gepanzerten Fahrzeugen durch die Stadt bewegen, die mit Hungerflüchtlingen regelrecht geflutet war. Wenn es ein Bild vom Weltuntergang gäbe, es sähe aus wie Mogadischu in jenem August 2011. Heute säumen improvisierte Straßencafés die staubigen Straßen, und an nahezu jeder Ecke wird gehämmert und gezimmert. An der Kreuzung K 4, einst heftig umkämpfte Frontlinie, staut sich inzwischen der Verkehr. Es gibt neue Straßenlaternen und eine Müllabfuhr, die von der türkischen Regierung finanziert wird. Der Hafen von Mogadischu ist wieder geöffnet, und der Flughafen brummt. „Diese Stadt atmet durch“, sagt Mohamed Abdi.

          „Wir haben keine Ausrede mehr“

          Die nächste Etappe auf dem Weg zur Genesung dieses von 21 Jahren Bürgerkrieg geschundenen Landes ist eine grundlegende politische Reform. Am Montag ist das Parlament zur Wahl eines neuen Präsidenten zusammengetreten, nachdem das Mandat der international anerkannten, aber weitgehend machtlosen Übergangsregierung am 20. August ausgelaufen war. Eine verfassungsgebende Versammlung hatte zuvor eine neue Verfassung verabschiedet, die unter anderem die Umwandlung Somalias in einen Bundesstaat vorsieht. Ob eine neue Regierung bessere Arbeit als die Übergangsregierung leisten wird, bleibt abzuwarten. Mohamed glaubt fest daran: „Wir haben alles erlebt: Kommunismus, Anarchie und zum Schluss religiös verbrämte Mörderbanden. Wir haben keine Ausrede mehr“, sagt er.

          Mariam Arif Gassim ist seit acht Monaten zurück in Mogadischu. Dabei war die bekannte Schriftstellerin und Frauenrechtlerin sicher gewesen, dass sie ihre Heimatstadt nie wiedersehen werde. Sie hatte die zehn Jahre der Anarchie nach dem Sturz des Diktators Siad Barre 1991 durchgestanden, und als sich im Jahr 2000 in Djibouti eine Übergangsregierung konstituierte, war sie sofort dabei. Mariam Gassim wurde zur Abgeordneten dieses Parlaments im Exil bestellt, doch zwei Jahre später gab sie ernüchtert auf. „Die Warlords hatten die Regierung gekapert und es ging einfach weiter mit dem Morden und der Zerstörung“, erzählt sie. „Ich wollte nur noch weg hier.“ Die Familie floh nach Großbritannien.

          Wahlkampf ohne Waffen: Eine Anhängerin des somalischen Präsidenten

          Eine von Frau Gassims Töchtern aber stellte sich stur und betrieb das elterliche Hotel in Mogadischu weiter, auch wenn es keine Kunden mehr gab. Irgendwann wurde sie krank - jedenfalls machte sie das die Mutter im fernen London glauben. Im November vergangenen Jahres, drei Monate nachdem Al Shabaab aus der Stadt abgezogen war, wollte sie die Tochter aus Mogadischu holen - doch die war plötzlich gar nicht mehr krank, und die Reise wurde für Mariam Gassim eine unverhoffte Versöhnung mit ihrer Geburtsstadt. Frau Gassim wurde wieder ein Parlamentssitz angeboten, und sie willigte sofort ein. „Ich bin voller Hoffnung“, sagt sie heute. Warum? „Weil wir endlich ein Parlament haben, in dem mehr als die Hälfte der Abgeordneten lesen und schreiben können.“ Für Somalia, das seit 21 Jahren nur Faustrecht kennt, sei dies ein großer Schritt nach vorne.

          „Haben Sie gesehen, wen wir zum Parlamentspräsidenten gewählt haben?“, will die Abgeordnete wissen und ihre Augen funkeln vergnügt hinter der modischen Hornbrille: „Interessant, oder?“ Tatsächlich war die Wahl von Mohamed Osman Jawari eine Überraschung. Der als kompetent geltende ehemalige Minister des Regimes von Siad Barre war als krasser Außenseiter gestartet. „Das passiert, wenn Leute mit Verstand eine Entscheidung treffen“, sagt Mariam Gassim.

          Nach dem Ende des Mandats der Übergangsregierung im August war es in Ermangelung von freien Wahlen den Vereinten Nationen überlassen worden, anhand eines zuvor festgelegten Schlüssels knapp 300 neue Parlamentarier zu finden, die nicht nur die Kräftekonstellation der verschiedenen Clans widerspiegeln, sondern auch so etwas wie repräsentativ für das Land sein sollten. Die Kriterien, denen sie entsprechen sollten, waren nicht sonderlich streng: keine Kriegsverbrecher, keine Berufsdiebe und ein Mindestmaß an Bildung, vergleichbar einem deutschen Hauptschulabschluss.

          Diese Leute zu finden war der Job von Hamina Ismail Ibrahim, „unserer Jeanne d’Arc“, wie Mariam Gassim sagt. Hamina Ibrahim und ihre Mannschaft leben in einem festungsartig ausgebauten Hotel in der Nähe des Flughafens von Mogadischu. Das Tor ist doppelt und dreifach verrammelt und gegen Autobomben gesichert, der Fußgängereingang führt durch einen Betonkäfig, der angeblich der Explosion eines Sprengstoffgürtels standhält. Demokratie ist nach wie vor ein gefährliches Unterfangen in Mogadischu. „Ach, halb so schlimm“, wiegelt die etwa 60 Jahre alte Frau mit dem schweren Silberschmuck ab.

          Parlamentsanwärter zum Diktat

          Monatelang hat sie sich über die Listen der Clans gebeugt, hat potentielle Kandidaten für das Parlament zum Gespräch gebeten und ihnen mitunter wie Achtklässlern ein Diktat abverlangt. „Speziell die männlichen Kandidaten fanden das nicht lustig“, erzählt sie grinsend. Der eine Clan wollte keine Frauen nominieren, obwohl die Quote im neuen Parlament bei 30 Prozent liegen soll. Der andere Clan empfahl sich mit der geballten Feuerkraft seiner Miliz, und als das nicht funktionierte, wollte er von Hamina Ibrahim wissen, was so ein Mandat denn koste, bar und unter Freunden. Zum Schluss musste sie das Bildungskriterium massiv senken, weil es einfach zu wenig Alphabeten im Land gibt. Danach war jeder qualifiziert, der „Erfahrung“ im geschäftlichen Bereich vorweisen konnte. Trotzdem machten 17 Kandidaten, die von Frau Ibrahim und ihrem Team abgelehnt worden waren, den Richter eines lediglich auf dem Papier existierenden Obersten Gerichtshofes ausfindig und schenkten ihm einen neuen Geländewagen im Austausch für ein gewogenes Urteil. „Das sind immer die gleichen Typen“, sagt Frau Ibrahim dazu: „Die haben schon in der Übergangsregierung Ärger gemacht, und die machen jetzt wieder Ärger“. Was für Typen? „Na, die alten Warlords“, schimpft sie, um gleich darauf wieder ihr spöttisches Lächeln aufzusetzen: „Wenn schon die Warlords ihr Heil in einer demokratischen Legitimierung suchen, kann doch eigentlich nichts mehr schiefgehen.“

          Am Maschinengewehr vorbei: Sicherheitskräfte vor dem Eingang zu der Halle, in der Somalias neuer Präsident gewählt wird.

          Der Weg zu Abdullahi Addou ist beschwerlich. Zehn Kontrollpunkte sind auf dem Weg ins Innere seines palastartigen Anwesens zu passieren, und an jedem einzelnen wird der Besucher nach Waffen und Sprengstoff abgetastet, werden die Schuhe untersucht und selbst der Kugelschreiber auseinandergeschraubt. „Nicht böse sein, Al Shabaab sehr gefährlich, du verstehst“, murmelt einer der schwer bewaffneten Posten in gebrochenem Englisch. Abdullahi Addou war einst Botschafter der Volksrepublik Somalia in Amerika, anschließend Chef der Zentralbank unter Siad Barre. Er ist einer von 25 Kandidaten für das Amt des neuen Präsidenten - sein dritter Anlauf nach 2000, als er in Djibouti nur knapp gegen Abdikassim Salat Hussein verlor und 2004 in Nairobi gegen Abdullahi Yusuf Ahmed unterlag. Gegen Sharif Sheikh Ahmed war er 2009 erst gar nicht angetreten.

          Abdullahi Addou empfängt in seinem mit erlesenen Antiquitäten geschmücktem Wohnzimmer, den Couchtisch ziert ein wunderschöner 400 Jahre alter Koranband. „Der war mit mir im Exil, jetzt ist er heimgekehrt, genau wie ich“, sagt der Hausherr. 76 Jahre ist der Wirtschaftswissenschaftler mit dem italienischen Doktortitel inzwischen alt. Er hört nicht mehr so gut und das Gehen fällt ihm langsam ein bisschen schwer. Er hat einen amerikanische Pass, mehr als genug Geld für seinen Lebensabend und zudem 25 Enkelkinder von seinen sechs Töchtern und drei Söhnen. Warum springt so jemand noch einmal in ein Haifischbecken? „Es hat sich etwas verändert in diesem Land“, sagt er. „Dieses Taktieren der Clans, diese unglaubliche Korruption der Übergangsregierung, alles das wollen die Menschen nicht mehr“. Tatsächlich sind mehr als 70 Prozent der über viele Jahre als Hilfe an die somalische Übergangsregierung gezahlten Gelder verschwunden. Der scheidende Präsident Sharif Sheikh Ahmed sagt, er wisse nichts davon. Sein scheidender Ministerpräsident Abdiweli Mohamed Ali, der ebenfalls für das Präsidentenamt kandidiert hatte, sagt, er sei kein Dieb. Das behauptet auch niemand, der Mann ist schließlich ordentlicher Professor für Wirtschaftswissenschaften an einer amerikanischen Universität. Aber Sharif Ahmed musste genauso wie Abdiweli Ali Gefolgschaft kaufen. So ist das in Somalia. Genauso wie Addou Gefolgschaft kaufen musste, auch wenn er das bestreitet.

          „Ich hasse Korruption“, sagt er, „ich hasse sie wirklich“. Deshalb war er bei der Präsidentenwahl auch von Anfang an chancenlos. Immerhin bleibt ihm noch die Aussicht auf einen Ministerposten in der neuen Regierung. Schließlich ist er ein Hawiye aus dem Subclan der Habar Gedir, das wiegt schwer in der somalischen Clanwirtschaft. Und seine Vergangenheit als einer der prominentesten Repräsentanten des blutrünstigen Siad Barre? „Das war wirklich nicht alles gut unter Barre“, gibt Addou zu. „Aber es war immer noch hundertmal besser als alles, was wir seither gesehen haben“.

          Heimweh nach Mogadischu

          Mohamed Abdi quittiert solche Aussagen mit verächtlichem Schnauben. „Wir brauchen Sicherheit und wir brauchen Demokratie. Und wenn die neue Regierung nicht spurt, dann machen wir ihr Beine“, verspricht er. Wer „wir“? „Die Geschäftswelt von Mogadischu, die Steuerzahler“. Dann wiederholt er den Begriff und dehnt dabei jede Silbe: „Tax payers money“. Mohamed hat es ein wenig eilig. Das Verkaufsgespräch mit dem Clan-Chef der semiautonomen Region Himan und Heeb, dem ehrwürdigen Mohamed „Tiicey“ Aden, dem gerade der Sinn nach einem schicken Stadtpalais steht, hat länger gedauert als geplant. Dabei haben sich drei Damen für eine Besichtigungstour nach Jazeera angemeldet, einem Strand rund 20 Kilometer südlich von Mogadischu. Vor einem Jahr war Jazeera noch fest in den Händen von Al Shabaab, heute ist Jazeera fest in der Hand von Mohamed Abdi, dem Immobilienmakler aus Georgia, Alabama. Er hat den tongebenden Clan davon überzeugen können, ihm die Vermarktung der Grundstücke zu übertragen. 50 auf 60 Meter groß sind sie, kosten rund 50.000 Dollar und liegen direkt an einem märchenhaft schönen Strand, der aussieht wie aus einem Luxus-Reiseprospekt.

          Eine von Mohameds Kundinnen ist Khadra Bulhan, eine lebenslustige Endsechzigerin, die im Gespräch mühelos zwischen Englisch, Italienisch und Französisch wechselt. Die Familie Bulhan ist bekannt in Somalia, ihr Mann war unter Siad Barre Botschafter im Jemen. Kurz vor dem Sturz des Dikators 1991 waren die Bulhans nach London geflohen. Und seither, erzählt Khadra Bulhan, sei „nicht ein einziger Tag“ vergangen, an dem sie nicht Heimweh nach Mogadischu gehabt habe. Nach dem Abzug von Al Shabaab wollten sie und ihr Mann nicht länger warten. „Unsere fünf Kinder sind aus dem Haus, uns hält nichts mehr in der Ferne“, sagt sie.

          Die Bulhans besitzen bereits ein Grundstück in Jazeera, sie wollen das daneben aber auch noch kaufen. Mohamed steckt beflissen das neue, größere Terrain mit Stöckchen und Steinhaufen ab, doch seine Kundin kann den Blick einfach nicht von dem türkisfarbenen Meer abwenden. Kurzentschlossen streift sie trotz der Anwesenheit von etlichen Männern ihr knöchellanges Gewand ab und ihr Kopftuch dazu, und als Mohamed von seinen Stöckchen aufschaut, sieht er eine nur mit T-Shirt und langer Hose angetane Khadra Bulhan mit lautem Jauchzer und einem perfekten Kopfsprung in der Brandung verschwinden. Dem sonst nie um Worte verlegenen Mohamed Abdi klappt der Unterkiefer herunter. „Wow“, stammelt er schließlich, „das ändert sich hier noch schneller, als ich dachte“.

          Weitere Themen

          Merz will die Quote abwenden

          F.A.S. exklusiv : Merz will die Quote abwenden

          Friedrich Merz arbeitet bereits an einem Gegenvorschlag zu einer verbindlichen Frauenquote in der CDU. Und auch die Basis der Partei ist skeptisch. Merz’ Konkurrent Armin Laschet will sich nicht dazu äußern.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz (CDU)

          F.A.S. exklusiv : Merz will die Quote abwenden

          Friedrich Merz arbeitet bereits an einem Gegenvorschlag zu einer verbindlichen Frauenquote in der CDU. Und auch die Basis der Partei ist skeptisch. Merz’ Konkurrent Armin Laschet will sich nicht dazu äußern.
          Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

          Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

          Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.