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Somalia : Kopfüber ins Haifischbecken

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„Ich hasse Korruption“, sagt er, „ich hasse sie wirklich“. Deshalb war er bei der Präsidentenwahl auch von Anfang an chancenlos. Immerhin bleibt ihm noch die Aussicht auf einen Ministerposten in der neuen Regierung. Schließlich ist er ein Hawiye aus dem Subclan der Habar Gedir, das wiegt schwer in der somalischen Clanwirtschaft. Und seine Vergangenheit als einer der prominentesten Repräsentanten des blutrünstigen Siad Barre? „Das war wirklich nicht alles gut unter Barre“, gibt Addou zu. „Aber es war immer noch hundertmal besser als alles, was wir seither gesehen haben“.

Heimweh nach Mogadischu

Mohamed Abdi quittiert solche Aussagen mit verächtlichem Schnauben. „Wir brauchen Sicherheit und wir brauchen Demokratie. Und wenn die neue Regierung nicht spurt, dann machen wir ihr Beine“, verspricht er. Wer „wir“? „Die Geschäftswelt von Mogadischu, die Steuerzahler“. Dann wiederholt er den Begriff und dehnt dabei jede Silbe: „Tax payers money“. Mohamed hat es ein wenig eilig. Das Verkaufsgespräch mit dem Clan-Chef der semiautonomen Region Himan und Heeb, dem ehrwürdigen Mohamed „Tiicey“ Aden, dem gerade der Sinn nach einem schicken Stadtpalais steht, hat länger gedauert als geplant. Dabei haben sich drei Damen für eine Besichtigungstour nach Jazeera angemeldet, einem Strand rund 20 Kilometer südlich von Mogadischu. Vor einem Jahr war Jazeera noch fest in den Händen von Al Shabaab, heute ist Jazeera fest in der Hand von Mohamed Abdi, dem Immobilienmakler aus Georgia, Alabama. Er hat den tongebenden Clan davon überzeugen können, ihm die Vermarktung der Grundstücke zu übertragen. 50 auf 60 Meter groß sind sie, kosten rund 50.000 Dollar und liegen direkt an einem märchenhaft schönen Strand, der aussieht wie aus einem Luxus-Reiseprospekt.

Eine von Mohameds Kundinnen ist Khadra Bulhan, eine lebenslustige Endsechzigerin, die im Gespräch mühelos zwischen Englisch, Italienisch und Französisch wechselt. Die Familie Bulhan ist bekannt in Somalia, ihr Mann war unter Siad Barre Botschafter im Jemen. Kurz vor dem Sturz des Dikators 1991 waren die Bulhans nach London geflohen. Und seither, erzählt Khadra Bulhan, sei „nicht ein einziger Tag“ vergangen, an dem sie nicht Heimweh nach Mogadischu gehabt habe. Nach dem Abzug von Al Shabaab wollten sie und ihr Mann nicht länger warten. „Unsere fünf Kinder sind aus dem Haus, uns hält nichts mehr in der Ferne“, sagt sie.

Die Bulhans besitzen bereits ein Grundstück in Jazeera, sie wollen das daneben aber auch noch kaufen. Mohamed steckt beflissen das neue, größere Terrain mit Stöckchen und Steinhaufen ab, doch seine Kundin kann den Blick einfach nicht von dem türkisfarbenen Meer abwenden. Kurzentschlossen streift sie trotz der Anwesenheit von etlichen Männern ihr knöchellanges Gewand ab und ihr Kopftuch dazu, und als Mohamed von seinen Stöckchen aufschaut, sieht er eine nur mit T-Shirt und langer Hose angetane Khadra Bulhan mit lautem Jauchzer und einem perfekten Kopfsprung in der Brandung verschwinden. Dem sonst nie um Worte verlegenen Mohamed Abdi klappt der Unterkiefer herunter. „Wow“, stammelt er schließlich, „das ändert sich hier noch schneller, als ich dachte“.

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