https://www.faz.net/-gpf-72qtb

Somalia : Kopfüber ins Haifischbecken

  • -Aktualisiert am

Parlamentsanwärter zum Diktat

Monatelang hat sie sich über die Listen der Clans gebeugt, hat potentielle Kandidaten für das Parlament zum Gespräch gebeten und ihnen mitunter wie Achtklässlern ein Diktat abverlangt. „Speziell die männlichen Kandidaten fanden das nicht lustig“, erzählt sie grinsend. Der eine Clan wollte keine Frauen nominieren, obwohl die Quote im neuen Parlament bei 30 Prozent liegen soll. Der andere Clan empfahl sich mit der geballten Feuerkraft seiner Miliz, und als das nicht funktionierte, wollte er von Hamina Ibrahim wissen, was so ein Mandat denn koste, bar und unter Freunden. Zum Schluss musste sie das Bildungskriterium massiv senken, weil es einfach zu wenig Alphabeten im Land gibt. Danach war jeder qualifiziert, der „Erfahrung“ im geschäftlichen Bereich vorweisen konnte. Trotzdem machten 17 Kandidaten, die von Frau Ibrahim und ihrem Team abgelehnt worden waren, den Richter eines lediglich auf dem Papier existierenden Obersten Gerichtshofes ausfindig und schenkten ihm einen neuen Geländewagen im Austausch für ein gewogenes Urteil. „Das sind immer die gleichen Typen“, sagt Frau Ibrahim dazu: „Die haben schon in der Übergangsregierung Ärger gemacht, und die machen jetzt wieder Ärger“. Was für Typen? „Na, die alten Warlords“, schimpft sie, um gleich darauf wieder ihr spöttisches Lächeln aufzusetzen: „Wenn schon die Warlords ihr Heil in einer demokratischen Legitimierung suchen, kann doch eigentlich nichts mehr schiefgehen.“

Am Maschinengewehr vorbei: Sicherheitskräfte vor dem Eingang zu der Halle, in der Somalias neuer Präsident gewählt wird.

Der Weg zu Abdullahi Addou ist beschwerlich. Zehn Kontrollpunkte sind auf dem Weg ins Innere seines palastartigen Anwesens zu passieren, und an jedem einzelnen wird der Besucher nach Waffen und Sprengstoff abgetastet, werden die Schuhe untersucht und selbst der Kugelschreiber auseinandergeschraubt. „Nicht böse sein, Al Shabaab sehr gefährlich, du verstehst“, murmelt einer der schwer bewaffneten Posten in gebrochenem Englisch. Abdullahi Addou war einst Botschafter der Volksrepublik Somalia in Amerika, anschließend Chef der Zentralbank unter Siad Barre. Er ist einer von 25 Kandidaten für das Amt des neuen Präsidenten - sein dritter Anlauf nach 2000, als er in Djibouti nur knapp gegen Abdikassim Salat Hussein verlor und 2004 in Nairobi gegen Abdullahi Yusuf Ahmed unterlag. Gegen Sharif Sheikh Ahmed war er 2009 erst gar nicht angetreten.

Abdullahi Addou empfängt in seinem mit erlesenen Antiquitäten geschmücktem Wohnzimmer, den Couchtisch ziert ein wunderschöner 400 Jahre alter Koranband. „Der war mit mir im Exil, jetzt ist er heimgekehrt, genau wie ich“, sagt der Hausherr. 76 Jahre ist der Wirtschaftswissenschaftler mit dem italienischen Doktortitel inzwischen alt. Er hört nicht mehr so gut und das Gehen fällt ihm langsam ein bisschen schwer. Er hat einen amerikanische Pass, mehr als genug Geld für seinen Lebensabend und zudem 25 Enkelkinder von seinen sechs Töchtern und drei Söhnen. Warum springt so jemand noch einmal in ein Haifischbecken? „Es hat sich etwas verändert in diesem Land“, sagt er. „Dieses Taktieren der Clans, diese unglaubliche Korruption der Übergangsregierung, alles das wollen die Menschen nicht mehr“. Tatsächlich sind mehr als 70 Prozent der über viele Jahre als Hilfe an die somalische Übergangsregierung gezahlten Gelder verschwunden. Der scheidende Präsident Sharif Sheikh Ahmed sagt, er wisse nichts davon. Sein scheidender Ministerpräsident Abdiweli Mohamed Ali, der ebenfalls für das Präsidentenamt kandidiert hatte, sagt, er sei kein Dieb. Das behauptet auch niemand, der Mann ist schließlich ordentlicher Professor für Wirtschaftswissenschaften an einer amerikanischen Universität. Aber Sharif Ahmed musste genauso wie Abdiweli Ali Gefolgschaft kaufen. So ist das in Somalia. Genauso wie Addou Gefolgschaft kaufen musste, auch wenn er das bestreitet.

Weitere Themen

Hat Netanjahu die Kontrolle verloren?

Israels Corona-Politik : Hat Netanjahu die Kontrolle verloren?

Israel hat die Corona-Beschränkungen frühzeitig wieder aufgehoben – und damit seine Erfolge im Kampf gegen das Virus zunichte gemacht. Der Unmut darüber befeuert den Protest gegen den Ministerpräsidenten.

Videokonferenz mit der Queen Video-Seite öffnen

„Nice to meet you“ : Videokonferenz mit der Queen

Königin Elizabeth hat sich per Videoschalte mit Angehörigen der britischen Streitkräfte im Ausland unterhalten. Auch das Königshaus nutzt in Coronazeiten zunehmend Videoschalten, um Termine wahrnehmen zu können.

Topmeldungen

Gesperrter Grenzübergang zwischen Luxemburg und Deutschland in Echternach, fotografiert Anfang Mai.

Corona-Risikogebiet : Wird Luxemburg fürs fleißige Testen bestraft?

In Luxemburg stecken sich vermehrt Jüngere mit Corona an, die deutsche Regierung hat das Land zum Risikogebiet erklärt. Auf beiden Seiten der Grenze wächst die Angst, dass sich die Schlagbäume senken könnten. Schon wieder.
Lauthals gegen Biden: Trump bei der Pressekonferenz im Rosengarten.

Trumps Ersatz-Wahlkampf : Noch konfuser als sonst

Wegen Corona kann Donald Trump keine Kundgebungen abhalten. Ersatzweise lädt er Journalisten ins Weiße Haus. Der Vorwand? Die neue China-Politik. Das tatsächliche Thema? Joe Biden. Denn der wolle alle Fenster abschaffen!
Reiche Gegend: Frauen sitzen am Ufer des Starnberger Sees.

Hohe Vermögen : Reiche besitzen mehr als gedacht

Bislang ließ sich nicht messen, wie viel Vermögen Reiche in Deutschland haben. Darunter litt auch die Verteilungsforschung. Nun ist es DIW-Forschern gelungen, durch eine neue Stichprobe mehr Erkenntnisse zu gewinnen.
Sturmumtost: das Gebäude der „New York Times“ in New York

„New York Times“ in der Kritik : Ein Forum für alle?

Von Kollegen gemobbt, von Twitter bevormundet: Meinungsredakteurin Bari Weiss verlässt die „New York Times“ – und erklärt in einem gepfefferten Kündigungsbrief, warum sie dort nicht mehr arbeiten möchte.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.