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Somalia : Erinnerung an ein amerikanisches Fiasko

  • -Aktualisiert am

„Das konnten wir nicht länger zulassen” Bild: AP

Erstmals seit 1994 haben die Vereinigten Staaten militärisch in Somalia eingegriffen, Erinnerungen an die missglückte Kommandoaktion in Mogadischu werden wach. Washington bereitet sich auf ein längeres Engagement in Ostafrika vor.

          Die Vereinigten Staaten sind wieder in Somalia - mit Waffen und mit Worten. Schon die Erwähnung des Namens der Hauptstadt Mogadischu weckt schlimme Erinnerungen an die missglückte Kommandoaktion vom Oktober 1993 zur Ergreifung von Rädelsführern der Milizen des damals bestimmenden „Kriegsfürsten“ Muhammad Farah Aidid. Bei der - später von Ridley Scott unter dem Titel „Black Hawk Down“ verfilmten - Operation kamen 18 Soldaten ums Leben, der Mob schleifte ihre Leichen durch die Straßen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach den Luftangriffen auf mutmaßliche Lager von Al-Qaida-Zellen im Süden Somalias und der Verlegung des Flugzeugträgers USS Eisenhower vom Persischen Golf vor das Horn von Afrika beschäftigt sich die amerikanische Öffentlichkeit abermals mit der Frage, was die Vereinigten Staaten in Ostafrika eigentlich verloren haben. Nach Angaben des Verteidigungs- und des Außenministeriums waren drei mutmaßliche Führer einer ostafrikanischen Al-Qaida-Zelle die Hauptziele der Angriffe in der Nacht zum Dienstag.

          Amerika bereitet sich auf ein längeres Engagement vor

          Offenbar in zwei Wellen wurde in Badmadow, einer Insel vor der Südspitze Somalias sowie östlich des Orts Afmadow angegriffen. In beiden Fällen sollen amerikanische Geheimdienste über Informationen verfügt haben, wonach sich zwei gesuchte Terroristen dort aufhielten: Der von den Komoren stammende Fazul Abdullah Mohammed gilt als der mutmaßliche Drahtzieher der Bombenanschläge auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi in Kenia und in Daressalam in Tansania von 1998 mit mehr als 250 Toten. Saleh Ali Saleh Nabhan aus Kenia und der aus Sudan stammende Abu Talha al Sudani werden zu den weiteren Rädelsführern gerechnet. Ob die Männer bei den gezielten Angriffen getötet oder verletzt wurden, konnten die amerikanischen Streitkräfte nicht sagen.

          Der Angriff wurde mit einer AC-130 Hercules geflogen

          Gegen Mohammed liegt eine Anklage eines Bundesgerichts in New York wegen der Anschläge in Kenia und Tansania vor, im Falle einer Verurteilung droht ihm die Todesstrafe. Der Kenianer Nabhan wird wegen des Bombenanschlags auf ein israelisches Hotel und wegen des versuchten Raketenangriffs auf ein israelisches Charterflugzeug in Kenia im Jahr 2002 von der amerikanischen Bundespolizei FBI gesucht. Sudani ist nach Überzeugung amerikanischer Geheimdienste der Anführer der Al-Qaida-Zelle in Ostafrika. Der Umstand, dass Usama Bin Ladins Stellvertreter Zawahiri die Muslime in Somalia jüngst zu Selbstmordattentaten gegen die äthiopischen Truppen aufgerufen hat, sowie die Verlegung des Flugzeugträgers USS Eisenhower vor das Horn von Afrika zeigen, dass sich Washington auf ein verstärktes und längeres Engagement in Ostafrika einstellt.

          Neben den Militärschlägen, dem ersten seit dem Anfang 1994 beendeten Einsatz, hat Washington die diplomatischen Bemühungen zur Stabilisierung der Übergangsregierung verstärkt; mit äthiopischer Unterstützung hatte sie in den vergangenen Tagen die Kontrolle über das Land übernommen. Die für Afrika zuständige Abteilungsleiterin im State Department, Jendayi Frazer, hält sich seit Sonntag in Mogadischu auf - sie ist die erste ranghohe Diplomatin, die seit dem Abzug aller amerikanischen Regierungsvertreter aus Somalia im Jahre 1994 das Land besucht.

          Ziel: Die Gemäßigten einbinden

          Ziel ihrer Mission ist es, die von Präsident Yusuf und Ministerpräsident Gedi geführte Übergangsregierung davon zu überzeugen, Angehörige des gemäßigten Flügels der bis vor kurzem in Mogadischu herrschenden Scharia-Gerichtshöfe in die Regierung aufzunehmen. Frau Frazer hob in einer Stellungnahme vom Sonntag ausdrücklich hervor, dass die Herrschaft der Scharia-Gerichtshöfe der von Jahrzehnten des Bürgerkriegs gezeichneten Hauptstadt immerhin ein gewisses Maß an Ruhe und Ordnung gebracht hätten.

          Washington versucht offenbar, die Scharia-Gerichtshöfe gleichsam aus der Geiselhaft der Al-Qaida-Zellen zu befreien und zudem den Stamm der derzeit nicht an der Macht beteiligten, in Mogadischu aber sehr einflussreichen Stamm der Hawije in die Regierung einzubinden. Auch unabhängige Beobachter wie John Prendergast, der unter Präsident Clinton für Afrika zuständige Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates und heutige Berater der „International Crisis Group“, sehen in der Aufnahme der Scharia-Gerichtshöfe und von Stämmen wie der Hawije in die Übergangsregierung in Mogadischu den Schlüssel zur Stabilisierung Somalias.

          „Das konnten wir nicht länger zulassen“

          Washington hat der Regierung Gedi Soforthilfe in Höhe von 40 Millionen Dollar zugesagt; dazu gehören auch 14 Millionen Dollar für die Aufstellung einer geplanten afrikanischen Friedenstruppe mit etwa 8000 Mann, deren erste Soldaten bis Ende Januar in Somalia eintreffen sollen. Bisher hat aber nur Uganda die Entsendung von Soldaten zugesagt.

          Grund für den amerikanischen Angriff zum jetzigen Zeitpunkt und vorausgehende Duldung und Ermunterung der äthiopischen Offensive gegen die Scharia-Gerichtshöfe dürfte die Erkenntnis der Geheimdienste und Streitkräfte gewesen sein, dass das Risiko höher gewesen wäre, die von Al Qaida unterwanderten Scharia-Gerichtshöfe weiter gewähren zu lassen als gegen sie vorzugehen. Vom benachbarten Djibouti aus überwacht die 1500 Mann starke „Combined Joint Task Force - Horn of Africa“ die Entwicklungen in Somalia. Die Al-Qaida-Zelle in Somalia habe mit Geld aus dem Nahen Osten Waffen und Ausrüstung von osteuropäischen Waffenhändlern gekauft und weitere Anschläge vorbereitet. „Das konnten wir einfach nicht länger zulassen“, wird ein amerikanischer Offizier zitiert.

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