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Somalia : Die Frucht des Hungers

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Mogadischu – ein lebensfeindlicher Ort: Amisom-Truppentransporter fahren entlang der Grünen Linie Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Im Stadion schulte die Shabaab-Miliz ihre Kämpfer und köpfte ihre Feinde. Von hier aus behielt sie den Überblick über die Straßen Mogadischus. Jetzt wurde sie von den Amisom-Truppen in die Flucht geschlagen. Der Hunger begünstigte diesen wichtigen Sieg.

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          Der Casspir rumpelt langsam über die unbefestigte Straße, kurvt um Panzersperren herum, schaukelt bedrohlich. Die drei schweren Maschinenwaffen auf dem Dach des aus Südafrika stammenden gepanzerten Truppentransporters sind alle bemannt. Die Schützen, Soldaten der ugandischen Armee, haben die Finger am Abzug. Immer tiefer dringt das Fahrzeug in die ehedem von der radikalislamischen Shabaab-Miliz besetzten Stadtteile Mogadischus vor. Die Besatzung ist sichtlich angespannt, aus dem Funkgerät schnarren unablässig nervöse Befehle. Nur der Fahrer hat die Ruhe weg; er trägt weder Schutzweste noch Helm und sein Armaturenbrett hat er mit einem Plastikgesteck dekoriert. Sonnenblumen gegen Kalaschnikows.

          Es ist Samstag, 6. August, 14.30 Uhr und der Casspir ist unterwegs, um eine sensationelle Information auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Al Shabaab, die somalischen Islamisten mit den guten Verbindungen zu Al Qaida, sollen in der Nacht zum Samstag nach schweren Kämpfen mit der Friedenstruppe der Afrikanischen Union für Somalia (Amisom) alle ihre Stellungen in Mogadischu aufgegeben haben, darunter das strategisch wichtige Stadion im Stadtteil Yaadshiid und den Baraka-Markt im Stadtteil Hawl Wadaag. Wenn das stimmt, steht die Lage in Somalia vor einer entscheidenden Wende.

          Ausmaß der Zerstörung spottet jeder Beschreibung

          Ein befreites Mogadischu kann theoretisch zu einem sicheren Hafen für die von Hunger bedrohte Bevölkerung werden, die somalische Übergangsregierung hätte politisch endlich ein wenig Luft, weil sie nicht mehr belagert wird, und es wäre der Beweis, dass sich das vom Westen gerne belächelte militärische Engagement der Afrikanischen Union mit den 9000 Soldaten aus Uganda und Burundi gelohnt hat.

          Nach ihrem Erfolg erkunden ugandische Amisom-Soldaten den Innenraum...

          Der Casspir rollt nach Yaadshiid hinein. Noch zwei Kilometer bis zum Stadion. Seit drei Jahren hat hierhin keiner den Fuß gesetzt, der der Shabaab-Miliz nicht genehm war. Das Ausmaß der Zerstörung, die wie ein schlechter Film an den dicken Panzerscheiben vorbeizieht, spottet jeder Beschreibung. Bilder aus dem kroatischen Vukovar und dem tschetschenischen Grosnyj kommen einen in den Sinn. Haus um Haus ist zerstört, über die Straßen und durch die Gassen verlaufen Schützengräben, grotesk verdrehte Stahlträger zeugen von der tödlichen Wucht panzerbrechender Waffen und schwerer Artillerie. Auf der Zufahrtsstraße zum Stadion steht ein alter T-55-Panzer der ugandischen Armee. Der Motor läuft, die Kanone ist geladen und schussbereit. Hinter dem Fahrzeug ist Infanterie in Deckung gegangen. Vereinzelt knallen noch Schüsse, Einzelfeuer aus Kalaschnikows, kein Dauerfeuer mehr. „Das sind Rückzugsgefechte, nichts ernsthaftes“, sagt Major Paul Lokesh, der jungenhafte Kommandeur der ugandischen „Battle Group“, die zusammen mit Soldaten der somalischen Übergangsregierung in der Nacht zum Samstag das Gebiet um das Stadium eingenommen hatte, nachdem die Shabaab-Miliz zuvor mit einem Angriff auf die Ugander in Yaadshiid als auch auf Stellungen des burundischen Amisom-Kontingents in Hawl Wadaag gescheitert war.

          Auftakt für „neue militärische Strategie“

          Es war mutmaßlich ein Entlastungsangriff, um den eigenen Rückzug zu decken. Mit Lastwagen hatten die Kämpfer der Shabaab-Miliz noch in der Nacht ihre schweren Waffen abtransportiert. Ihr Sprecher Ali Mohamed Rage verkündete, der Rückzug aus Mogadischu sei der Auftakt für eine „neue militärische Strategie“ und versprach den „Feinden Allahs“ alsbald eine „besondere Überraschung“. Tatsächlich aber ist der Rückzug der Shabaab-Miliz aus Mogadischu das Eingeständnis, militärisch gescheitert zu sein. Vom Stadion aus überblickt man die Industrial Road, die 30th Road, die Upper Juba Road und die National Road und damit alle wichtigen Straßen der Stadt. Hier hatte die Shabaab-Miliz ihre Artilleriestellungen, aus denen heraus sie die ganze Stadt terrorisierten. Hier trainierte die Miliz ihre Kämpfer und köpfte ihre Gegner. Eine Woche lang haben die Ugander das Viertel belagert, hatten einen Kilometer weiter südlich Stellungen bezogen, hatten sich über die Dächer vorgearbeitet, Gräben ausgehoben und den Shabaab keine Minute Kampfpause gegönnt.

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