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Solidaritätsmarsch von Paris : Trotzig und fast heiter

„Wir haben keine Angst“: Bis zu anderthalb Millionen Demonstranten verkündeten am Sonntag in Paris ihre Antwort auf die Terroranschläge aus der vergangenen Woche. Bild: AFP

Im Trauermarsch für die Opfer der Terroranschläge in Paris kommen die Massen kaum voran. Die Stimmung ist trotzdem erleichtert. Dass so viele Menschen gekommen sind, gilt den meisten als Zeichen der Hoffnung.

          Schon vor dem offiziellen Beginn des „republikanischen Marsches“ ist es kein Marsch mehr. Gegen 14 Uhr 15 herrscht in der Rue Turbigo mehrere hundert Meter vor dem Place de la République nur noch Stillstand. Die zehn Meter hohe Statue der Marianne auf der Mitte des Platzes ist nur als kleine Silhouette zu erkennen. Doch das stört die Leute nicht. Die Stimmung ist fast heiter, die Leute wirken zwar auch gefasst und ernst, doch Erleichterung darüber, dass so viele gekommen sind, ist überall spürbar. Immer wieder ziehen sich Klatsch-Salven und Sprechchöre durch die Menge. Ein Sanitätswagen bahnt sich seinen Weg durch die Menschenmassen. Die Leute formen höflich ein Spalier. Ein junge Französin lächelt einen Gendarmen durch das heruntergekurbelte Fenster seines Mannschaftswagen an: „Vielen Dank für Ihre Arbeit“, sagt sie. „Ist doch klar, dafür sind wir da“, gibt der Mann gerne zurück.

          Größter Solidaritätsmarsch seit dem Ende des 2. Weltkriegs

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Hunderttausende von Franzosen – die Schätzungen reichen bis zu 1,5 Millionen -  haben sich an diesem Sonntag auf den Weg gemacht, um den Opfern des Terrorismus zu gedenken und ein Zeichen für Meinungsfreiheit und Demokratie zu setzen. Viele kommen schon früh. Die Züge aus den Vorstädten füllen sich gegen Mittag. In der Metro herrscht mächtiges Gedränge, doch der Menschenfluss wird dadurch erleichtert, dass niemand an den Kontrollschranken halten muss – der öffentliche Transport ist an diesem Tag kostenlos. Die Mienen sind nicht genervt wie an Werktagen nach Feierabendschluss. Wo man sich sonst gegenseitig anschweigt, herrscht jetzt Gesprächsbedarf.

          Frankreichs Präsident Hollande empfängt Kanzlerin Merkel, die wie dutzende andere Staatschefs nach Paris gereist ist, um der Opfer der Anschläge zu gedenken. Bilderstrecke

          El Mekki, ein 47 Jahre alter Chemiker, der bei einem großen französischen Pharmaunternehmen arbeitet, diskutiert mit einer dunkelhäutigen Frau neben ihm. Die Dame berichtet davon, dass ihr bei der Arbeit Vorwürfe wegen ihres muslimischen Glaubens gemacht wurden. „Ja, ich weiß, was Sie meinen, doch heute sind wir vereint gegen die Extremisten. Die schweigende Mehrheit schweigt nicht mehr“, sagt der Franzose, der in Marokko geboren ist und mit fünf Jahren nach Frankreich kam. Seine Frau wollte mit ihren drei Kindern lieber zuhause bleiben, „sie hat Angst“. Doch der Vater hat sich für demonstrative Präsenz entschieden. Als Angehöriger der linksgerichteten Gewerkschaft CGT geht er oft zur „manif“ - den in Frankreich eher routinemäßig organisierten Demonstrationen in Arbeits- oder politischen Konflikten. Doch heute ist es anders: „Es geht um unsere Werte, welche die Muslime hier in Frankreich mit allen anderen teilen“, sagt Mekki und fügt hinzu, dass er die Anwesenheit des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, den er ablehnt, auf der Demonstration „heute lieber vergisst und verdrängt“.

          Alle Schichten, alle Nationalitäten, alle friedlich

          In den Demonstrationszügen sind alle Generationen, Hautfarben und soziale Schichten vertreten. Auch der zwischenzeitlich einsetzende Regen hält die Leute nicht ab. Viele tragen Aufkleber, Anstecker und Transparente – nicht nur die Parole „Je suis Charlie“ ist zu lesen: „Not afraid“, „nous sommes Liberté“, „tous contre le racisme“, „Musulmanes en France – vivons ensemble en paix“, „pour le respect et les valeurs de la République“.  Auch die Trikolore weht an vielen Stellen. „Lange Zeit wurde unsere Nationalflagge als Symbol der politischen Rechten angesehen, sie symbolisiert aber auch unsere Werte, vor allem die der Freiheit“, sagt ein junger Student.

          Auch in der schwedischen Hauptstadt Stockholm haben die Menschen für „Frieden und Respekt“ demonstriert, wie es in dem Aufruf zur Versammlung heißt.

          Ein Gendarm berichtet, dass die Stimmung „bon enfant“ sei – sehr freundlich. Die Leute bringen Geduld mit und nehmen längere Fußmärsche in Kauf. Zehn U-Bahn-Stationen sind in der Gegend entlang der zwei Demonstrationswege zwischen dem Place de la République und dem Place de la Nation  geschlossen. An einem italienischen Restaurant in der Rue Turbigo setzt der Ober durch ein Fenster im zweiten Stock zu einer Arie an: „Cantare…volare“ und immer wieder „Je suis Charlie“ – die Demonstranten stimmen ein und klatschen.
          Sie vertreiben sich die Zeit, zumal sich die Massen kaum nach vorne bewegen. Die Gespräche bleiben aber ernst.

          Mohamed Azeroual, ein in Marokko geborenen Vater dreier Kinder, beklagt die zunehmende „Ghettoisierung“ Frankreichs. „Es wird jetzt bei uns wie in Großbritannien. Die Leute leben getrennt voneinander“. In den achtziger Jahren sei das noch nicht so gewesen. Woran liegt das? Der Mann macht dafür die Politik verantwortlich. „Man hat den benachteiligten Gegenden hohe Subventionen zukommen lassen. Die Lokalpolitiker hatten kein Interesse daran, dass es besser wird, denn sonst wären die Subventionen weggefallen“. Sein Freund El Mekki zeigt sich aber auch selbstkritisch. „Wir Muslime in Frankreich sind nicht gut organisiert. Die Moscheen, wo die Radikalen predigen, sind ja bekannt. Wir müssen etwas dagegen tun“.

          Was konkret – darauf hatte er an diesem Sonntag keine Antwort. Doch auf dem Solidaritätsmarsch war Hoffnung zu spüren; Hoffnung, dass das beeindruckende Zeichen der massenhaften Solidarität aus Paris auch einen Aufbruch symbolisiert.

          Dass die schweigende Mehrheit der Franzosen den Radikalen künftig entschlossener die Stirn zeigt.

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