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Kim Jong-un nach dem Gipfel : So sieht ein Sieger aus

Gerade die freien Märkte sind auch Austausch von Ideen und Orte der Kommunikation – und werden deshalb mit Argusaugen überwacht und streng aus dem Touristenprogramm für Nordkorea-Reisende herausgehalten. Um voranzukommen, braucht Kim aber auch mittelfristig Investoren aus dem Ausland. Seit mehreren Jahren liegt die Sonderwirtschaftszone bei Kaesong brach, wo südkoreanische Unternehmen mit nordkoreanischen Arbeitern produzierten. In andere Sonderwirtschaftszonen sind die Geschäfte nie so richtig in Gang gekommen.

Mit seinem Atom- und Raketenprogramm ist es Kim nun gelungen, sich an Trumps Verhandlungstisch zu drohen – vorausgegangen waren dem Monate mit gegenseitigen Verbal-Scharmützeln und Zerstörungsphantasien, sozusagen als Humus für den Boden, auf dem Kim nun pflanzt: Als nächstes wird er anstreben, das Sanktionsregime abzumildern, den Warenverkehr mit dem größten Handelspartner China wieder ins Rollen zu bekommen.

Wer weiß, welche Möglichkeiten sich da weiter bieten? Nachdem er seinem Regime die nötigen Machtmittel verschafft hat, nutzt er die günstige politische Konstellation: In Südkorea regiert der liberale Staatspräsident Moon Jae-in, der fast alles zu tun bereit ist, um den Friedensprozess am Leben zu erhalten. China ist interessiert an Ruhe im Unruheherd Nordkorea – der widerspenstige kleine Nachbar sorgt seit Jahren für Verdruss in Peking. Und mit Donald Trump sitzt ein unkonventioneller Präsident im Weißen Haus, der auf eingeübte Routinen eher allergisch reagiert.

„Die Vereinbarung hat keinen Wert“

So weit, so logisch. Kim Jong-un hat an diesem Dienstag das Beste für sich herausgeholt. Und Amerika? Die Vereinbarung habe aus der Sicht Amerikas „keinen Wert“, sagt Andrej Lankow, Professor an der südkoreanischen Kookmin-Universität. Amerika hätte „ernsthafte Zugeständnisse gewinnen können. Aber es wurde nicht getan.“ Stattdessen sei „Nordkorea ermutigt“ worden. Hannes Mosler, Korea-Forscher an der Freien Universität Berlin, sieht den Gipfel hingegen als Erfolg für beide, für Kim und für Trump: „Ich finde, das ist insgesamt ein beträchtliches Ergebnis, erst recht, wenn man die Umstände in Rechnung stellt. Es geht ja darum, einen Prozess anzustoßen und erst einmal für eine gute Atmosphäre zu sorgen – und für ein Sprungbrett für die weiteren Verhandlungen.“

Allerdings wartet auf Kim die richtige Bewährungsprobe erst noch: In den Verhandlungen, die Amerikas Außenminister Mike Pompeo laut Trump in der nächsten Woche starten soll, wird es darauf ankommen, einen detaillierten Abrüstungsplan für das nordkoreanische Atomprogramm auszuarbeiten. In der Logik Kims würde das bedeuten, dass er seine wichtigste Waffe aus der Hand gibt. Zu welchem Preis?

Oder wird er nach den guten Absichtserklärungen vom Dienstag den Status quo in wenigen Tagen oder in drei Wochen oder erst in zwei Jahren wieder aufkündigen, um den alten Kreislauf von Drohung, Annäherung und neuerlicher Drohung wieder aufzunehmen? Das kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand vorhersehen, außer Kim Jong-un selbst. Und der wird sich nun erst einmal in seinem Gipfel-Erfolg sonnen – und warten, was sich herausverhandeln lässt. Ende offen. Wie freundlich Trump dann noch über ihn spricht, werden wir via Twitter erfahren. Oder in einem neuen Buch von John Bolton.

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