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Virtueller Stresstest : So eklatant sind die Lücken in der europäischen Verteidigung

Die Forscher unterziehen diese Ambitionen in ihrer Studie einem virtuellen Stresstest, den sie für das Jahr 2020 ansetzen. Dabei bestechen die von ihnen ausformulierten Szenarien durch ihre Detailreiche, etwa im Falle einer EU-Kampftruppe im Kaukasus, die dort nach dem Ende eines Krieges zwischen Aserbaidschan und Armenien zum Einsatz kommen soll. „Sehr erfreut zu sehen, dass Europa seine militärischen Schulden begleicht“, heißt es in Großbuchstaben in einem Tweet eines namentlich nicht genannten amerikanischen Präsidenten. Wichtiger als solche Schmankerl aber sind die militärischen Anforderungen, die im Falle dieser Szenarien auf die Europäer zukämen. Sie werden von den Forschern bis auf den letzten Panzer, das letzte U-Boot und die letzte Drohne genau angegeben. Und es ist gerade diese Detailtiefe, mit der die Forscher im zweiten Schritt so drastisch vor Augen führen, wie weit die Europäer den selbst gesteckten Zielen hinterherhinken.

Das gilt noch am wenigsten für eine humanitäre Hilfsaktion, die im konkreten Fall von den Forschern in Bangladesch, in Folge einer Flutkatastrophe, verortet wird. So etwas können die Europäer offenkundig selbst dann leisten, wenn sich Großbritannien nach dem Brexit in der EU nicht weiter militärisch engagieren würde. Auch Rettungs- oder Evakuierungsmissionen in Südafrika, so heißt es, könnten die EU-Staaten bewältigen. Bei Anti-Pirateriemissionen am Horn von Afrika werden die Probleme aber offenkundig größer. Es fehlt an Patrouillen- und Spionageflugzeugen, aber auch an amphibischen Schiffen.

Es gibt auch Fortschritte

Wirklich eklatant werden die Probleme, sobald es um Stabilisierungsmissionen und robuste Einsätze geht. Solche also, bei denen über Wochen mit Gefechten zu rechnen ist, die aus der Luft und von See aus unterstützt werden müssen. Dutzende Lücken identifizieren die Forscher in beiden Fällen. Es fehlt an Sanitätern, Minenräumern und Militärpolizei. An Drohnen und strategischem Lufttransport. An Flugzeugträgern. Die Probleme wachsen noch einmal signifikant, sobald die EU-Staaten ohne die Unterstützung der Briten agieren müssen oder sie mehrere Operationen zur selben Zeit stemmen wollen, die auf ähnliche Ressourcen zurückgreifen. Hinzu kommt schließlich noch eine unzureichende europäische Kommandostruktur, die kaum dazu geeignet wäre, die an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen.

Vor allem mehrere kleinere Operationen über einen längeren Zeitraum parallel zu führen, so die Forscher, liege einfach außerhalb der Reichweite der Europäer. Ihre Fähigkeitslücken würden in diesen Fällen so groß, dass sie kaum noch ein Drittel der benötigten Kräfte bereitstellen könnten. Zu wenig, um solche Einsätze auch nur kurze Zeit durchzuhalten.

Zwar weisen die Forscher auch darauf hin, dass die europäische Verteidigungspolitik angesichts diverser Initiativen zu stärkerer Zusammenarbeit und steigenden Militärausgaben Fortschritte mache. So sei etwa damit zu rechnen, dass manche Fähigkeitslücke bis 2030 geschlossen werde. Die Aussichten auf entscheidende Änderungen aber bleiben in ihren Augen bis auf Weiteres bescheiden.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich IISS und DGAP nicht mit dem denkbar weitreichendsten Szenario befassen, in dem die EU-Staaten einen konventionellen Angriff Russlands auf die baltischen Staaten abwehren müssten. Das sieht kein Dokument der EU-Staaten vor und ist schon für die Nato heute kaum zu leisten. Für die EU aber wäre so eine Aufgabe einfach bar jeder Vorstellungskraft. Es war Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg, der jüngst darauf hinwies, dass nach dem Brexit 80 Prozent der Militärausgaben im transatlantischen Bündnis von Nicht-EU-Staaten getätigt würden. Die eklatante Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik lässt somit nur einen Schluss zu: Die Europäer werden auf lange Sicht hin ihre Ziele nur im Verbund mit den transatlantischen Partnern verwirklichen können, vor allem mit den Vereinigten Staaten. Oder überhaupt nicht. Allen Sonntagsreden zum Trotz.

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