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Bildungssystem Singapurs : Kleine Mathesoldaten

Dreieinhalb Stunden verbringen die Kinder am Tag in der Mathe-Arena, und das eine ganze Ferienwoche lang. Bild: David McLain /Aurora/laif

Singapur hat die besten Schüler. Selbst in den großen Ferien wird gebüffelt. Ein Besuch in einer Arena für Pisa-Gladiatoren.

          6 Min.

          Eine Kaderschmiede für die Bildungselite stellt man sich anders vor. Schon die Umgebung, in der die „Mathe-Arena“ liegt, entspricht nicht dem Klischee des hochmodernen Stadtstaats Singapur. Der Stadtteil Tampines im Osten wurde auf ehemaligem Sumpfgelände gebaut. Bis in die achtziger Jahre übte hier das Militär. Heute ragen eintönige Hochhausblocks in die Höhe. Die Straßen tragen keine Namen, sondern sind durchnummeriert. So ähnlich, nur viel ärmer und grauer, müssen auch die Wohnstädte in Pjöngjang aussehen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die Mathe-Arena liegt im Wohnblock 488B. Der Eingang lässt sich durch eine etwa zwanzig Zentimeter dicke Stahltür verschließen. Die kleine Nachmittagsschule ist in einem Luftschutzbunker untergebracht. Einen solchen Bunker muss in Singapur jede größere Wohneinheit haben. Gründervater Lee Kuan Yew war der Ansicht, dass ein Kleinstaat mit Nachbarn wie Indonesien, Indien und China wehrhaft sein müsste.

          Deshalb gibt Singapur auch jedes Jahr das meiste Geld für sein Militär aus. Gleich danach kommt aber schon das Erziehungssystem. Die hohen Investitionen in den Bildungssektor sind einer der Gründe, die für den Erfolg der Singapurer Schüler im diesjährigen Pisa-Vergleich angeführt werden. Die 15 Jahre alten Jugendlichen des Stadtstaats sind laut der Studie Schülern aus anderen Ländern in Mathe, Naturwissenschaften und Leseverständnis um Jahre voraus. Auch das glaubte Patriarch Lee: Ein kleines Land ohne Rohstoffe ist auf die Köpfe seiner Bewohner angewiesen.

          Mehrere Meter unter der Erde wird ein Teil der Mathe-Elite geschult

          Das exzellente Abschneiden der Singapurer Schüler ist auch Anlass für den Besuch in Tampines. Mal sehen, was die in einer „Mathe-Arena“ so machen. Über dem Eingang hängt ein gelbes Warndreieck mit dem Hinweis „Schutzraum“. An der geöffneten grauen Stahltür lädt ein zaghaftes „Willkommen“ aus ausgeschnittenen Papierbuchstaben zum Eintreten ein. Im Flur stehen Kinderschuhe, Flip-Flops und Sandalen vor den Gemeinschaftstoiletten, mit denen der zur Schule zweckentfremdete Bunker ausgestattet ist.

          Dahinter führt ein mit Teppich ausgelegtes Treppenhaus tief in den Untergrund hinein. Die Atmosphäre in dem Bunker ist freundlicher, als es der Eingang vermuten lässt. Die gelben Wände sind mit kleinen gemalten Bildchen von Heißluftballons und Schoßhunden verziert. Unten geht es an einem Empfangstresen vorbei in die Klassenräume. Auf dem Weg können die Kinder für ein paar Cents Bonbons erwerben.

          Hier, mehrere Meter unter der Erde, wird gerade ein Teil der weltweiten Mathe-Elite geschult. Die Mathe-Arena ist nicht in erster Linie für schlechte Schüler gedacht, die Nachhilfe brauchen. Hier schicken die Eltern ihre begabten Kinder hin, damit sie noch besser werden. Und so kommt es, dass in der Nachmittagsschule auch jetzt viel Betrieb herrscht, obwohl die Schulen in Singapur eigentlich gerade große Ferien haben.

          In einem der fensterlosen Klassenräume sitzen vier Jungen um einen ovalen Tisch herum. Sie schauen auf die weiße Tafel an der Wand, auf die mit dem Beamer eine Matheaufgabe projiziert ist. Sie lautet: „Ein Lieferwagen startet um 12 Uhr mittags in Stadt B mit einer konstanten Geschwindigkeit von 50 km/h. Zwei Stunden später fährt ein Auto von dem gleichen Ort los, in gleicher Richtung und auf der gleichen Strecke wie der Lieferwagen, mit einer konstanten Geschwindigkeit von 75 km/h. Um wieviel Uhr wird das Auto den Lieferwagen überholen?“

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