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Berlusconis Comeback : Er ist wieder da

  • -Aktualisiert am

Wieder im Rampenlicht: Silvio Berlusconi beim Trauerakt für Helmut Kohl in Straßburg Bild: Reuters

Fast scheinen all die Skandale vergessen: Silvio Berlusconi ist wieder ein Machtfaktor in der italienischen Politik – und bietet sich als Stabilitätsgarant an.

          Silvio Berlusconi ist zurück: Der frühere Ministerpräsident und ehemalige Senator herrscht wieder unumschränkt über seine Bewegung, die Forza Italia (FI). Darüber hinaus verfügt der 80 Jahre alte Mann über so viel Einfluss im Senat und im Abgeordnetenhaus, dass er – gemeinsam mit der populistischen „Bewegung Fünf Sterne“ – theoretisch die Regierung stürzen könnte.

          Derzeit dürfte Berlusconi allerdings kein Interesse haben, die Amtszeit von Paolo Gentiloni vom sozialdemokratischen Partito Democratico (PD), dem Nachfolger des nach dem gescheiterten Referendum Ende 2016 zurückgetretenen Matteo Renzi, vor ihrem Auslaufen Anfang 2018 zu beenden.

          Berlusconi, der Heilsbringer?

          Bei der Lösung der wieder akut gewordenen Flüchtlingskrise – angesichts des Ansturms von schon bald 100 000 Migranten in diesem Jahr sieht sich Italien von der EU im Stich gelassen – bietet er Gentiloni gar Unterstützung an. Und auch wenn Berlusconi davon spricht, dass er nach nationalen Wahlen nicht an ein Bündnis mit dem PD denke, so wird in der Berlusconi-nahen Presse derzeit doch oft daran erinnert, wie fruchtbar dessen Zusammenarbeit mit dem Sozialisten Bettino Craxi einst gewesen sei.

          Es scheint vergessen, dass der viermalige Regierungschef Berlusconi Italien fast in die Staatskrise geführt hatte und dass Craxi bis zu seinem Tod im Jahr 2000 nicht mehr aus dem tunesischen Exil heimkehrte, weil ihn die Gerichte wegen Korruption ins Gefängnis gesteckt hätten.

          In diesem Sommer fallen um Berlusconi alte Geschichten und neue Wirklichkeit zusammen: Kürzlich bot der selbstverliebte „Cavaliere“ seine Prachtvilla Certosa bei Olbia auf Sardinien dem Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino als Kulisse an. Sorrentino will Berlusconis Aufstieg verfilmen. „Loro“ (jene) soll der Streifen heißen.

          Es ist nicht Sorrentinos erster politischer Film. Der Regisseur drehte auch „Il Divo“, eine Filmbiographie des einzigen Regierungschefs neben Berlusconi, der Italien jahrzehntelang geprägt hat: Giulio Andreotti. Das war 2008 und das Thema schon damals nur noch Geschichte. Heute aber kann sich Sorrentino für das Drehbuch aus der Gegenwart bedienen. Dafür muss er nur zum Drehort Certosa fahren, wo Berlusconi in seiner Sommerresidenz nach den Worten seiner Freunde „wie jung und erfrischt“ sein neues Netz von Beziehungen spinnt.

          Schon Berlusconis Ankunft im Hafen von Olbia war triumphal – wie einst baten Passanten ihn um Autogramme. Anwesend ist dabei meist Berlusconis wichtigster Ratgeber: Gianni Letta. Der frühere Staatssekretär, der sich politisch immer eine gewisse Distanz zu Berlusconi bewahrt hatte, spielt wieder das Vorzimmer des Patriarchen.

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          Wie stets gegen Ende einer Legislaturperiode suchen die Senatoren und Abgeordneten Absicherung für die nächste Amtszeit als Volksvertreter. Seitdem sich bei den vergangenen Lokalwahlen gezeigt hat, dass die FI wieder Mehrheiten beschaffen kann – wenn auch meist im Bündnis mit der rechtsradikalen Lega Nord –, drängt es viele Abtrünnige aus der Partei zurück zum Vorsitzenden.

          Während der frühere Vertraute Berlusconis und sein späterer Herausforderer Gianfranco Fini aus der Politik verschwunden ist und Berlusconis einstweiliger politischer Erbe, Angelino Alfano, weiter versucht, eine eigene Partei der christlich-liberalen Mitte aufzubauen, kehrt Berlusconis früherer Sprecher Paolo Bonaiuti, der 2014 nach bald 20 Jahren an der Seite zu Alfano umgeschwenkt war, zu seinem ehemaligen Chef zurück.

          Noch ist die Heimkehr nicht öffentlich, aber dass ihm Berlusconi die Untreue verzieh und jüngst telefonisch zum Geburtstag gratulierte, rührte den 77 Jahre alten Bonaiuti der italienischen Presse zufolge zu Tränen. Auch der 57 Jahre alte Politologe Gaetano Quagliariello will zurück. Er werde 25 Senatoren aus Alfanos Gruppe zur FI mitbringen, berichtete „La Stampa“ kürzlich. Und der „Corriere“ schrieb jüngst, viele säumige Abgeordnete, die mit dem Absprung geliebäugelt hatten, zahlten nun ihre 800 Euro Monatsbeitrag für die FI nach.

          Einheit unter Berlusconi?

          Bei dem zerstrittenen sozialdemokratischen PD, den Matteo Renzi nicht einen kann, und den Populisten der „Bewegung Fünf Sterne“, die die meisten Italiener nicht für regierungsfähig halten, gilt Berlusconi seither als die einzige politische Kraft, die die traditionelle Rechte und die christlich-liberale Mitte zusammenführen kann. Allenthalben bietet sich Berlusconi als Retter an; selbst mit Blick auf die vielen Migranten. Habe er nicht 2010 dafür gesorgt, dass quasi kein Schiff mehr übersetzen konnte? Damals schloss Berlusconi ein Bündnis mit Gaddafi. Den gibt es nicht mehr; Libyen steckt im Bürgerkrieg, und so bliebe jene Szene der Männerfreundschaft auf Sorrentinos Film beschränkt. Aber das scheint vielen Italienern zu genügen.

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