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Gabriel in Amerika : „Wir sind die New Kids on the Block“

  • -Aktualisiert am

Novizen im Amt: Sigmar Gabriel besucht seinen amerikanischen Kollegen Tillerson in Washington. Bild: EPA

Auf seiner ersten Reise nach Amerika ist Außenminister Gabriel bemüht, das Eis gegenüber der neuen Trump-Regierung zu brechen. Das versucht er mit einer Nachhilfestunde in amerikanischen Werten.

          5 Min.

          Sigmar Gabriel ist gerade mal zwei Stunden in Washington, da rührt er schon an die Grundfesten der amerikanischen Demokratie – und das im Wortsinn. Gerade hat er zum Auftakt seiner Reise im Kongress die Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Senats getroffen, es ging um die Nato, den Freihandel, um Amerikas Richtung unter Trump. Ein Vorgeschmack auf die Gespräche mit Außenminister Rex Tillerson und Vizepräsident Mike Pence am Nachmittag. Doch der wichtigste Termin des Tages, zumindest, was die Symbolik angeht, findet nicht im Kongress statt, sondern gegenüber in der Kongressbibliothek.

          Oliver Georgi
          (oge.), Politik

          Also eilt Gabriel mit seiner Delegation hinüber, in einen Raum, in dem hinter Glas eine deutsche Übersetzung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1789 ausgestellt ist. Gabriel liest den Anfang laut vor, er hat sich das lange überlegt: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“ Gabriel macht eine Pause, dann schiebt er hinterher: „Gerade in diesen Tagen ist es wichtig, an die universelle Gültigkeit dieser Werte zu erinnern. Die Amerikaner sollten sich an sie erinnern.“

          Nachhilfe in amerikanischen Werten

          Auch wenn er den Namen Donald Trump nicht nennt, ist offensichtlich, wen er damit vor allem meint. Kurz darauf, in einem Saal, in dem der Amtseinführungen von Jefferson, Lincoln und Washington gedacht wird, ruht Gabriels Blick auffallend lange auf der Lincoln-Bibel, auf die Trump am 20. Januar – neben der seiner Mutter – seinen Amtseid abgelegt hat. Auch dieses Verharren ist gezielt gesetzt: Ein deutscher Außenminister gibt der neuen Regierung Nachhilfe in amerikanischen Werten, und das noch dazu an einem der symbolträchtigsten Orte der Hauptstadt – eine ungewöhnliche, aber dezente Lehrstunde und zugleich Gabriels wichtigste Botschaft auf seiner Reise: Wir Deutsche und Europäer stehen weiter an Eurer Seite – wenn Ihr die Werte, derentwegen wir Euch lieben, nicht verratet.

          Mehrfach erzählt Gabriel an diesem Tag, wie seine Generation in den 60er und 70er Jahren gegen den Vietnam-Krieg und Amerikas Interventionen in Nicaragua oder Chile protestiert habe und die amerikanischen Werte ihre Anziehungskraft trotzdem nie verloren hätten. „Kraft und Legitimacy“, nennt Gabriel das nach Henry Kissinger, ein Wechselspiel von Macht und den unverbrüchlichen, universellen Werten, die seit jeher weit über Amerika hinausreichen  und es damit erst so groß gemacht haben.

          Es ist eine heikle Reise für Gabriel, und das nicht nur, weil er, wie sein amerikanischer Kollege Rex Tillerson, erst seit kurzem Außenminister ist. „Ich habe zu ihm gesagt: Wir sind die New Kids on the Block“, scherzt Gabriel am Donnerstagabend – doch so unbefangen, wie es klingt, dürfte dieser Besuch in Washington nicht gewesen sein. Gabriel weiß durchaus um den außenpolitischen Ruf, der ihm aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister vorauseilt, als er in Saudi-Arabien oder Iran mit unbedachten Äußerungen mehr oder minder große Eklats provozierte. Als Gabriel sich vor wenigen Wochen im Zuge der SPD-Rochade selbst zum Außenminister erklärte, fragten sich deshalb nicht wenige: Kann er das, sich zurücknehmen, kann er ausgleichend sein und diplomatisch?

          Diplomat Gabriel

          Doch in Washington, seiner zweiten Auslandsreise, nachdem ihn die erste nach Paris geführt hatte, zeigt sich Gabriel der neuen Rolle durchaus gewachsen – und auffallend um diplomatische Zurückhaltung bemüht.  Er habe „außergewöhnlich gute Gespräche„ mit Tillerson und Pence geführt, die gezeigt hätten, dass es auch in der neuen Administration ein „großes Interesse am Ausbau der transatlantischen Beziehungen nicht nur zu Deutschland und Europa, sondern auch zur Nato“ gebe, sagt Gabriel am Donnerstagabend. Gleichzeitig habe er  seinen Gesprächspartnern aber auch deutlich gemacht, wo die deutschen und europäischen Interessen liegen. Für Gabriel heißt das vor allem: Europa hat trotz der Drohgebärden von Trump, der die EU wie die Nato je nach Tagesform und Interviewpartner mal „obsolet“ und abwrackbereit, mal „unersetzlich“ findet und für „eine gute Sache“ hält, keinen Grund zu verzagen. Im Gegenteil: Der SPD-Politiker ist davon überzeugt, dass nur ein stärkeres, geeintes Europa dem neuen amerikanischen Isolationismus Paroli bieten kann.

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