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Sicherheitsberatungsfirmen : Gute Geschäfte mit Geiseln

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Bundeswehrsoldaten auf Nachtpatrouille in Kundus. Immer wieder sollten mit Geiselnahmen der Truppenabzug in Afghanistan erpresst werden. Bild: ddp

Wenn es bei Entführungen um richtig viel Geld geht, nehmen professionelle Unterhändler die Fäden in die Hand. Sicherheitsberatungsfirmen treten in diesem Fall auf den Plan. Einer der Sicherheitsberater erzählt, worauf es ankommt.

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          Am 25. Oktober 2011 überfielen neun Bewaffnete in Zentralsomalia einen Konvoi der dänischen Hilfsorganisation Danish Refugee Council. In einem der Fahrzeuge saßen die Amerikanerin Jessica Buchanan und der Däne Poul Hagen Thisted, zwei Mitarbeiter. Die Entführer nahmen ihnen die Mobiltelefone ab und fuhren mit ihnen einen Tag lang durch die Wüste. Noch am Abend wurde ein Krisenstab gebildet, der Leiter wählte die Nummer einer Hotline in den Vereinigten Staaten. Die Nummer gehört einem Krisenberatungsunternehmen. „Unser Berater ist morgen früh bei Ihnen“, sagte die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung. Der Berater hieß Chris.

          Chris ist heute Ende 40 und lebt in Bayern. Er war mal Offizier bei den Gebirgsjägern der Bundeswehr. Dann kündigte er, weil er in der Armee keine Perspektive sah. Er kannte ein paar Leute, die in der Sicherheitsberatung tätig waren, und wurde Entführungsberater. Er stieg zum richtigen Zeitpunkt ein. Viele europäische Unternehmen expandierten Anfang des Jahrtausends in Märkte auf anderen Kontinenten, die in unsicheren Gebieten liegen, vor allem in der arabischen Welt. Europäer gerieten zunehmend in das Visier von Entführern. Chris hat sich auf Entführungen in Afrika und im Nahen Osten spezialisiert. In den vergangenen Jahren gehörten Somalia und Afghanistan zu den „Hot Spots“ der globalen Entführungsindustrie. Chris ist ein gefragter Mann, er verdient gut. Aber Tausende Dollar am Tag, wie es mitunter behauptet wird, seien es nicht, sagt er.

          Der Däne Poul Hagen Thisted wurde 2012 von amerikanischen FBI-Kräften aus Geiselhaft befreit.
          Der Däne Poul Hagen Thisted wurde 2012 von amerikanischen FBI-Kräften aus Geiselhaft befreit. : Bild: dapd

          Noch in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober 2011 packte er seinen Koffer. Er nahm das nächste Flugzeug nach Kopenhagen und fuhr direkt zum Hauptquartier des Danish Refugee Council. Als er den Raum betrat, in dem der Krisenstab eingerichtet worden war, sagte er: „Alles wird gut! Wir kriegen das hin.“ Beruhigen, Vertrauen und Zuversicht ausstrahlen, darauf kam es zunächst an. Dann machte Chris sich an die Arbeit. Zum einen beriet er die Geschäftsführung der Organisation, die für alle Entscheidungen in dem Entführungsfall juristisch verantwortlich ist. Zum anderen wählte er den Verhandler aus.

          Nur der Verhandler spricht mit den Entführern. Das ist grundsätzlich so. Chris, der „Commander“, bleibt im Hintergrund und schreibt auf, was der Verhandler sagen soll. Beim Danish Refugee Council in Kopenhagen kannten sie das schon. Es war nicht die erste Entführung eines Mitarbeiters. Die Hilfsorganisation war gut vorbereitet.

          Ganz im Unterschied zu den Entführern von Buchanan und Thisted. Sie waren neu im Geschäft, und das machte sie gefährlich. Amateure neigen zu unberechenbaren Handlungen. Sie erschießen schnell mal eine Geisel, um sich bei der Gegenseite Respekt zu verschaffen. Die Lösegeldforderung war utopisch: zehn Millionen Dollar. Profis wüssten, sagt Chris, dass sie diese Summe für zwei Mitarbeiter einer westlichen Hilfsorganisation in Somalia niemals bekämen. Entführungen sind ein Geschäft, und wie bei jedem Geschäft hat die Ware einen bestimmten Marktwert. Weil er sich, wie in der Wirtschaft, in bestimmten Abständen ändert, wird dieser Wert in der Branche als „Going Rate“ bezeichnet - ein Tageskurs für ein Menschenleben.

          Die „Going Rate“ richtet sich nach mehreren Faktoren: dem Land der Entführung, wie hoch die Lösegeldsumme in einem ähnlichen Fall lag, woher die Geisel stammt und wer sie gefangen hält. Für ein deutsches Entführungsopfer in Somalia, sagt Chris, könnten zurzeit eine Million Dollar angesetzt werden. Für einen Somali seien es nur einige tausend. Wenn die Kidnapper Profis sind, dann kennen sie die „Going Rate“. Sie beobachten den lokalen Entführungsmarkt genauso wie Chris und seine Kollegen und wissen den Wert einer Geisel realistisch einzuschätzen. Unerfahrene Kriminelle, wie die Entführer von Jessica Buchanan und Poul Thisted, erwarten dagegen meist unrealistische Summen.

          Chris führt über jeden ihm bekannten Lösegeldfall in der Welt Buch, notiert den Entführungsort, die Lösegeldsumme, den Namen der Entführergruppe und die Herkunft des Opfers. So kann er seinen Kunden nachweisen, dass die von ihm ausgehandelte Summe „marktüblichen Preisen“ entspricht. Es sei schon vorgekommen, berichtet er, dass Entführungsberater verdächtigt wurden, einen Teil des Lösegelds einbehalten zu haben, weil ihren Kunden die Summe zu hoch erschien.

          Entführungen sind ein globales Geschäft

          Entführungen sind ein globales Geschäft. Die britische Sicherheitsberatungsfirma red24, für die Chris heute arbeitet, hat allein im Jahr 2011 weltweit etwa 65 000 Entführungen gezählt. Bei einem Drittel davon wurde Lösegeld gezahlt. Die meisten Geiselnahmen fanden in Indien statt, hauptsächlich, um die Opfer auszurauben, zwangszuverheiraten oder zu versklaven. Europäer oder Amerikaner werden vergleichsweise selten entführt, bringen aber sowohl Entführern als auch Lösegeldverhandlern das meiste Geld. Je länger eine Geiselnahme dauert, desto mehr verdient ein Krisenberater.

          Thisted war zusammen mit der Amerikanerin Jessica Buchanan verschleppt worden
          Thisted war zusammen mit der Amerikanerin Jessica Buchanan verschleppt worden : Bild: dapd

          Chris lässt sich in Tagessätzen bezahlen. Immer öfter erhalten Krisenberater wie er ihr Geld von Versicherungen, die Unternehmen, Organisationen und Privatleuten „Kidnap and Ransom“-Policen, abgekürzt: K+R, verkaufen. Eine solche Police kostet zwischen 3000 Euro für eine einzelne Vorsorgeberatung und 250 000 Euro pro Jahr für das Rundumpaket mit Lösegeldversicherung und Verhandlungsteam. Die Sicherheitsberater, die am besten im Geschäft sind, arbeiten für Beratungsfirmen, die exklusive Verträge mit Versicherungen abgeschlossen haben. Chris gehört dazu.

          Die Versicherungen kommen im Entführungsfall für alle Kosten auf, die dem Versicherten für die Lösung des Falls entstehen. Je nach Ausgestaltung der Police gehören dazu das Honorar für den Krisenberater, das Lösegeld und der Rücktransport der Geisel sowie ein Ausgleich für ein Unternehmen, das auf seinen Mitarbeiter verzichten muss. Die Deckungssummen dieser Policen reichen von mindestens drei bis maximal 50 Millionen Euro pro Versicherungsfall.

          Lösegeldzahlungen erhöhen das Entführungsrisiko

          Professionelle Entführer wissen, dass immer mehr westliche Unternehmen und Organisationen solche Versicherungen abschließen. Das führt dazu, dass eine gut gemeinte Maßnahme ins Gegenteil umschlagen kann: K+R-Versicherungen sollen helfen, Entführungsopfer schnell freizubekommen, bergen aber das Risiko, dass die Kidnapper immer mehr Geld wollen und die Verhandlungen extrem lange dauern, wenn sie davon Wind bekommen.

          Und es führt zu einem weiteren Dilemma: Lösegeldzahlungen nutzen den Opfern, können aber das Entführungsrisiko für andere erhöhen. Deshalb werden Lösegeldzahlungen fast immer mit einer Legende versehen. Eine lautet so: Nicht die Organisation hat das Lösegeld gezahlt, sondern die Familie des Opfers.

          Schon kurz nach der Entführung von Buchanan wurden Agenten der amerikanischen Bundespolizei FBI im Krisenstab des Danish Refugee Council vorstellig. Sie forderten, kein Lösegeld zu zahlen. Buchanan sei Amerikanerin, und Amerika lasse sich nicht erpressen. So geht das FBI bei jeder Entführung eines amerikanischen Staatsbürgers vor. Doch dieser Fall lag anders. Buchanan arbeitete für eine dänische Organisation, die Verhandlungsführung lag beim Danish Refugee Council und nicht beim FBI. Dennoch arbeiteten beide Seiten zusammen. Der Krisenstab veranlasste, dass das FBI nach jedem Telefonat mit den Kidnappern eine Kopie der Tonbandaufnahmen bekam und immer über den Stand der Verhandlungen informiert war. Schon bald hatten die Amerikaner mit Hilfe von Satelliten das Mobiltelefon geortet, mit dem die Entführer aus der Wüste regelmäßig den Krisenstab vom Danish Refugee Council anriefen.

          Staatliche und private Sicherheitsdienstleister arbeiten zusammen

          Auch das Bundeskriminalamt hält engen Kontakt zu Krisenstäben und Lösegeldverhandlern, wenn deutsche Staatsbürger entführt worden sind. Meist arbeiten staatliche und private Sicherheitsdienstleister gut zusammen. Doch gebe es immer wieder Fälle, berichtet Chris, in denen sich Regierungen in laufende Verhandlungen mit Kidnappern einmischen und auf eine schnelle Zahlung von Lösegeld dringen. Dann wird aus dem Geschäft schnell Politik. Und die Politik verdirbt die Preise, sagt Chris, weil sie unbedingt rasche Erfolge erzielen will. Sie zahle meist Summen, die weit über Marktwert liegen, und erschwere so die Verhandlungen im nächsten Fall.

          Chris hat viele Fälle verhandelt, meistens als Berater der betroffenen Unternehmen oder Familien. Nur einmal, als die Schiffsentführungen vor Somalia rapide zugenommen hatten, griff er aktiv ein. Um den Frachter „Amiya Scan“ einer Reederei aus Leer auszulösen, brachte er das Geld selbst von der Bank in Dubai auf ein Schiff in Mombasa. Dort händigte er es einem Vertrauten aus, der es den Piraten sieben Tage später auf offener See übergab. Damals wurden Lösegeldübergaben noch nicht so professionell gehandhabt wie heute.

          Inzwischen gibt es Firmen, die darauf spezialisiert sind, Geldkoffer an einem Fallschirm aus einem Flugzeug exakt dort abzusetzen, wo es die Entführer hinhaben wollen. Sie orientieren sich an GPS-Koordinaten, die ihnen die Entführer oft erst kurz vorher per Funk oder per E-Mail übermitteln. Seit es diese „Drop-Teams“ gibt, wird Lösegeld kaum noch in klassischer Weise übergeben. Bei Schiffsentführungen vor Somalia wird es ins Meer geworfen, bei Geiselnahmen in der Wüste in einem Wadi oder an einer Wasserstelle deponiert.

          Die meisten Entführungsfälle sind geplant

          Die meisten Entführungsfälle sind nicht spontan, sondern geplant: Sie folgen einem einfachen Schema. Das Opfer wird ausgespäht, überfallen, verschleppt und nach der Zahlung einer Lösegeldsumme freigelassen. In manchen Fällen vergehen Jahre bis zur Freilassung, einige Geiseln werden nie ausgelöst. In Somalia halten Piraten seit mehr als sechs Jahren philippinische Seeleute fest, deren Reeder nicht zahlen will. Chris sagt, er habe bisher jede Geisel freibekommen. Sein Verhandlungsrekord liege bei zwei Wochen. Es ging um einen afghanischen Geschäftsmann, der in Kabul entführt worden war. Die Geiselnehmer ließen sich mit 5000 Dollar abspeisen.

          Jessica Buchanan und Poul Thisted wurden den Kidnappern von ihren eigenen Sicherheitsleuten ausgeliefert. Die somalischen Personenschützer, die den Konvoi begleiten sollten, hatten Fahrtzeit und Route verraten und setzten sich ab, als der Überfall stattfand. Es dauerte gut acht Wochen, ehe Chris die Geiselnehmer von zehn auf drei Millionen Dollar heruntergehandelt hatte. Er war zufrieden. „Diese Art von Verhandlungen sind wie ein Ritt auf der Rasierklinge“, sagt er. Man dürfe sich von den Entführern nicht unter Druck setzen lassen, müsse ihnen aber das Gefühl geben, ernst genommen zu werden. Wie er das im Fall von Jessica Buchanan gemacht hat, will Chris nicht sagen. Überhaupt redet er nicht gern über Verhandlungstaktik, denn das würde nur potentiellen Kidnappern nützen. Zu groß sei die Gefahr, dass etwas schiefläuft. Anderen Verhandlern sei das schon passiert. So hätten somalische Piraten mehrfach Besatzungsmitglieder entführter Schiffe erschossen, um den Verhandlungsdruck zu erhöhen. Kidnapper, die nur eine Person in ihren Händen halten, haben dieses Drohmittel nicht. Sie schneiden der Geisel bisweilen einen Finger ab, sagt Chris, ermorden sie aber nicht. Mit einer toten Geisel ist kein Geld zu verdienen.

          Globale Geschäft von zwei Unternehmen beherrscht

          Das globale Geschäft mit den Lösegeldverhandlungen wird von zwei britischen Unternehmen beherrscht. Platzhirsch ist das 1975 gegründete Control Risks, gefolgt von red24, das seit 15 Jahren auf dem Markt ist. Control Risks und red24 arbeiten für die weltgrößten Anbieter von Lösegeldversicherungen, für Hiscox aus Großbritannien, AIG und Chubb aus den Vereinigten Staaten, Allianz, HDI Gerling und Ergo aus Deutschland. Seit den Enthauptungsvideos aus dem Irak ist das weltweite Interesse an Lösegeldversicherungen stark gestiegen, die wiederum auf erfahrene Sicherheitsberater angewiesen sind. Immer mehr ehemalige Bundeswehrsoldaten, pensionierte Polizisten und frühere Söldner drängen in die Beratungsbranche und hoffen auf das schnelle Geld. Chris sieht darin einen gefährlichen Trend. „Nur weil jemand mal Polizist war, weiß er noch lange nicht, wie man mit Geiselnehmern verhandelt“, sagt er. Er musste seinen Chef drei Jahre lang begleiten, ehe er seinen ersten Fall übernehmen durfte.

          Drei Monate nach der Entführung von Jessica Buchanan und Poul Thisted spitzte sich die Lage zu. Buchanan war lebensgefährlich erkrankt. Die drei Millionen Dollar Lösegeld mussten schnellstens nach Somalia geschafft werden. Doch es kam anders. Als Chris am Morgen des 25. Januar 2012 im Badezimmer seines Hotels stand, rief der Leiter des Krisenstabs an. „Chris, sie sind frei“, sagte er. Chris war nicht überrascht. Die FBI-Agenten, mit denen der Krisenstab zusammenarbeitete, hatten angedeutet, dass hinter den Kulissen eine Befreiungsaktion vorbereitet werden könnte. Und so war es auch: In der Nacht hatten Navy Seals die Geiseln befreit und die Leichname der neun Kidnapper demonstrativ in der Wüste zurückgelassen.

          Die Amerikaner hatten den Entführungsfall gewaltsam gelöst, und Chris hatte mit Informationen dabei geholfen. Für ihn ist das kein Problem. Das gehöre zu seinem Geschäft, in dem er sich seine Partner nicht immer aussuchen könne. Sein Job war erledigt, ohne dass Lösegeld geflossen war. Ein seltener Fall, in 90 Prozent aller Entführungen werde gezahlt, sagt er. Sein Honorar hat Chris natürlich trotzdem bekommen.

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