https://www.faz.net/-gpf-975mt

Luftverschmutzung in Russland : Wo Städte für den Sex von Oligarchen sterben

Ist mit Rohstoffunternehmen reich geworden: Oleg Deripaska Bild: Reuters

Alle reden gerade über Oleg Deripaska – wegen eines Escort-Mädchens. In Sibirien, wo seine Fabriken stehen, haben die Menschen aus anderen Gründen genug von dem Milliardär.

          Für die sibirische Stadt Krasnojarsk wird die Luft dünn. So dünn, dass sich am Montag etwas mehr als 100 Menschen vor dem Gebäude der Regionalverwaltung des gleichnamigen Kreises versammelten und dabei zum Teil demonstrativ Atemschutzmasken trugen. Sie protestierten damit gegen die ökologische Situation, die sich in der Millionenstadt vor allem während der Wintermonate dramatisch verschärft hat.

          Christoph Strauch

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Laut AirVisual, einer Internetanwendung zur Veranschaulichung der Luftqualität in Großstädten, war Krasnojarsk Anfang Februar gleich mehrmals Spitzenreiter unter den Städten mit der dreckigsten Luft – und das weltweit. Teilweise setzte es sich in der Auflistung sogar deutlich ab von seinen „Verfolgern“, ausnahmslos Städten in asiatischen Entwicklungsländern. Bürger von Krasnojarsk haben in den vergangenen Jahren auf eigene Faust Messgeräte installiert, die Feinstaubpartikel mit einer Größe von unter 2,5 Mikrometern erfassen. Diese gelten als besonders gesundheitsschädlich, da sie tiefer in die Atemwege eindringen und länger darin verbleiben. Auf einer Seite werden die Daten gesammelt und anschließend zur Auswertung an AirVisual weitergeleitet.

          Wie ernst die Lage zur Zeit ist, zeigt aber nicht nur der Blick in die App, sondern auch die Tatsache, dass seit Anfang des Jahres schon sieben Mal der Zustand „ungünstiger Wetterbedingungen“ ausgerufen wurde. Bürger werden auf der Seite der Stadtverwaltung von Krasnojarsk aufgefordert, in diesen Zeiten auf das Auto zu verzichten, mit Kindern die Nähe von Straßen zu meiden und nach Möglichkeit öfter zur Datsche oder in die Natur zu reisen; Unternehmen sollen den Ausstoß von Schadstoffen minimieren.

          Blauer Himmel bei Putins Besuch

          Als einen wesentlichen Grund für die Luftverschmutzung in ihrer Stadt sehen viele Einwohner von Krasnojarsk zwei örtliche Großbetriebe, die namhaften Milliardären gehören: die Kohlekraftwerke von Andrej Melnitschenko und die Aluminiumfabrik von Oleg Deripaska. Deripaskas Werk in Krasnojarsk ist die größte Aluminiumfabrik der Welt. Dementsprechend richtete sich der Protest der Demonstranten vor der Regionalverwaltung gegen diese beiden Hauptluftverschmutzer.

          „Sibirische Antwort auf Deripaska“ lautete am Dienstag eine Schlagzeile: „Eine Ehefrau und Mutter mobilisiert die Krasnojarsker zu Kundgebung gegen Oligarchen“. Gemeint war die Krasnojarskerin Tatjana Prozykowa, die sich auf „Instagram“ bescheiden als „Ehefrau und Mutter“ bezeichnet und zu der von den Behörden nicht genehmigten Veranstaltung aufgerufen hatte. In dem Aufruf, der auch in dem russischen Facebook-Pendant Vkontakte auftauchte, schrieb Prozykowa über ihre Heimatstadt: „Deine sterbenden Lungen müssen gerettet werden! Krasnojarsk, du sollst leben! Atmen!“ – und fügte ein Video hinzu, das die Stadt unter einer Smogdecke begraben zeigt.

          Es sei seltsam, dass man plötzlich blauen Himmel habe und alles wunderbar sei, sobald der Präsident oder hochrangige Beamte nach Krasnojarsk kämen, sagte Pozylowa während der Zusammenkunft unter dem Motto „Für einen sauberen Himmel“. „Und nach ihrer Abfahrt erzählen unsere Politiker, wie toll sie mit ihnen über die Regulierung unserer ökologischen Probleme geredet haben.“

          So geschah es, als Wladimir Putin – dem Deripaska sehr nahe steht – in der vergangenen Woche Krasnojarsk einen Besuch abstattete und auf Aleksandr Uss traf, den kommissarischen Gouverneur der Region. Auf einer gemeinsamen Sitzung beklagte Putin die hohe Emission durch die beiden größten Firmen und beauftragte seinen Vertreter, den „Übergang zu den bestmöglichen erreichbaren ökologischen Technologien“ fortzusetzen. Gleichwohl bemühte er sich zu betonen, dass der Autoverkehr mit einem Anteil von 36 Prozent an allen Emissionen vor der Aluminiumfabrik mit 29 Prozent stehe. 60 Prozent aller Fahrzeuge seien zudem veraltet, schob Uss eifrig nach – und überhaupt sei Krasnojarsk die Stadt mit dem größten Verkehrsaufkommen nach Moskau und Sankt Petersburg.

          Deripaska hat zur Zeit andere Sorgen

          Doch auch unabhängige russische Medien sehen den Hauptgrund für die Verschmutzung in Krasnojarsk in den Großbetrieben Melnitschenkos und Deripaskas. Seit Letzterer vor 18 Jahren wenige Tage nach Putins Wahl zum Präsidenten die Aluminiumfabrik übernommen habe, sei die Metallgewinnung von 800 Tonnen pro Jahr auf etwa eine Million angestiegen, schreibt etwa die „Nowaja Gazeta“. In diesem Zeitraum, so das Blatt, habe sich auch die Krebserkrankungsrate stark erhöht. Ein direkter Zusammenhang sei bislang nicht belegt, Nowaja Gazeta verweist aber auf mehrere Studien, die einen solchen nahelegen.

          Aluminiummagnat Deripaska hat derweil andere Sorgen: Der verhinderte Präsidentschaftskandidat und Korruptionsgegner Alexej Nawalnyj hat vergangene Woche eine Enthüllung auf seinem Wahlkampfblog präsentiert hat, die den Milliardär in einem äußerst schlechten Licht erscheinen lässt. Im vergangenen Jahr hatte eine Handvoll Damen in aufreizender Latexkleidung Nawalnyjs Wahlkampfstab einen Besuch abgestattet, um die dortigen Mitarbeiter vor den Kameras eines regierungsnahen Senders vorzuführen.

          Nawalnyj begann daraufhin zu recherchieren, wer seine Helfer da besucht hatte, und entdeckte dabei noch viel mehr: auf dem Instagram-Account von Anastasija Waschukewitsch, die unter dem Pseudonym Nastja Rybka („Fischlein“) in Erscheinung tritt und dem Trupp in Nawalnyjs Wahlkampfbüro angehörte, fand sich ein Video, das einen Ausflug Deripaskas mit dem hochrangigen russischen Regierungsvertreter Sergej Prichodko und mehreren mutmaßlichen Prostitutierten, darunter Nastja Rybka, zeigen soll.

          Rybka, die den Ausflug auch in einem Buch detailgetreu beschreibt, sieht ihre Veröffentlichungen als Gebrauchsanweisung zur Verführung von Oligarchen. Für Nawalny aber sind Buch und Video über die Tour auf Deripaskas Luxusjacht vor allem ein abermaliger Beleg für die auf Bestechlichkeit beruhenden Verbindungen zwischen Kreml und Oligarchie. Seine Schlussfolgerung: „Ein Oligarch kutschiert einen Staatsbeamten höchsten Ranges auf der eigenen Yacht – das ist Bestechung. Der Oligarch bezahlt für das ganze Fest, die Mädchen von der Escort-Agentur inklusive – auch das Bestechung.“

          Deripaska ist inzwischen zum Gegenangriff übergegangen: Nach der Veröffentlichung des Materials klagte er gegen Anastasija Waschukewitsch alias Nastja Rybka und ihren Bekannten Aleksandr Kirillow alias Alex Lesley wegen der illegalen Verbreitung von Informationen über sein Privatleben. Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor hat derweil auf Anordnung eines Gerichts in Deripaskas Heimatstadt Ust-Labinsk Seiten blockiert, die Informationen über die Recherche von Nawalnys Antikorruptionsstiftung verbreiten.

          Medienbehörde macht Druck

          Am Mittwoch meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf einen Sprecher der Behörde, dass knapp 30 Quellen, darunter alle größeren Medien, das entsprechende Material gelöscht hätten. Das Video ist nach wie vor auf YouTube zugänglich, Nawalny freute sich erst am Donnerstagvormittag über bislang mehr als fünf Millionen Aufrufe. Instagram dagegen löschte die Beiträge von Nastja Rybka über Deripaska in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Nawalnys Seite wurde am Donnerstag auf Geheiß der Roskomnadzor teilweise blockiert.

          Für die Menschen in Krasnojarsk dürfte es ein zusätzliches Ärgernis sein, dass gerade jetzt, wo die ökologischen Probleme in ihrer Stadt Überhand nehmen, andere Aspekte rund um Deripaska in den Vordergrund rücken als seine umweltschädigenden Aluminiumfabriken. Auch die Nowaja Gazeta empört sich darüber, „dass in Moskau die Diskussion wichtiger ist, ob erwachsene Jungs das Recht auf käuflichen Sex haben, als die, warum die sibirischen Städte sterben müssen, um für diesen Sex zu bezahlen.“

          Solche Aussagen sind vor dem Hintergrund zu sehen, dass der asiatische Teil Russlands mit seinen reichen Bodenschätzen den Großteil der Rohstoffe liefert, von deren Export das Land stark abhängig ist. In den Wirren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelangten Geschäftsleute wie Deripaska zu Reichtümern, indem sie sich die dortigen Betriebe in der Rohstoffindustrie sicherten.

          Heute ist Deripaska unter anderem Hauptanteilseigner des weltweit zweitgrößten Aluminiumkonzerns UC Rusal. Neben der Fabrik in Krasnojarsk gehören in Russland noch Fabriken in Bratsk, Irkutsk, Sajanogorsk und Bogutschany sowie das noch im Bau befindliche Werk in Tajschet zu dem Konzern – allesamt im asiatischen Teil des Landes gelegen, der laut einer jährlichen Erhebung des russischen Umweltministeriums die 20 Städte mit der am meisten verschmutzten Luft beheimatet. Die Kontrolle über UC Rusal wie auch über den Stromkonzern EuroSibEnergo übt Deripaska über die von ihm geleitete Holding En+ aus.

          Weitere Themen

          Salvini behält seine Immunität

          Abstimmung beendet : Salvini behält seine Immunität

          Gegen Matteo Salvini, den Vorsitzenden der rechtsnationalistischen Lega, wird wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung ermittelt. Doch die Fünf Sterne verhindern einen Prozess gegen den Lega-Chef.

          Topmeldungen

          Der Innenraum der Ditib-Merkez-Moschee in Duisburg

          Konflikt mit Verbänden : Islamunterricht am Limit

          Was darf im Religionsunterricht an Schulen über Schwule und Lesben gesagt werden? Und steht die Antwort darauf wirklich im Koran? Die Bundesländer stecken in der Klemme. Irgendwie müssen sie den Islam integrieren – das gestaltet sich allerdings zunehmend schwieriger.
          Wie geht es weiter im Verfahren gegen Matteo Salvini?

          Abstimmung beendet : Salvini behält seine Immunität

          Gegen Matteo Salvini, den Vorsitzenden der rechtsnationalistischen Lega, wird wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung ermittelt. Doch die Fünf Sterne verhindern einen Prozess gegen den Lega-Chef.

          0:0 in Nürnberg : Für den BVB wird es ungemütlich

          Das Tabellenschlusslicht trotzt dem Tabellenführer ein torloses Unentschieden ab. Borussia Dortmund hat nach dem nächsten Rückschlag nur noch drei Punkte Vorsprung auf Bayern München. „Club“-Schlussmann Christian Mathenia hält überragend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.