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Luftverschmutzung in Russland : Wo Städte für den Sex von Oligarchen sterben

  • -Aktualisiert am

Aluminiummagnat Deripaska hat derweil andere Sorgen: Der verhinderte Präsidentschaftskandidat und Korruptionsgegner Alexej Nawalnyj hat vergangene Woche eine Enthüllung auf seinem Wahlkampfblog präsentiert hat, die den Milliardär in einem äußerst schlechten Licht erscheinen lässt. Im vergangenen Jahr hatte eine Handvoll Damen in aufreizender Latexkleidung Nawalnyjs Wahlkampfstab einen Besuch abgestattet, um die dortigen Mitarbeiter vor den Kameras eines regierungsnahen Senders vorzuführen.

Nawalnyj begann daraufhin zu recherchieren, wer seine Helfer da besucht hatte, und entdeckte dabei noch viel mehr: auf dem Instagram-Account von Anastasija Waschukewitsch, die unter dem Pseudonym Nastja Rybka („Fischlein“) in Erscheinung tritt und dem Trupp in Nawalnyjs Wahlkampfbüro angehörte, fand sich ein Video, das einen Ausflug Deripaskas mit dem hochrangigen russischen Regierungsvertreter Sergej Prichodko und mehreren mutmaßlichen Prostitutierten, darunter Nastja Rybka, zeigen soll.

Rybka, die den Ausflug auch in einem Buch detailgetreu beschreibt, sieht ihre Veröffentlichungen als Gebrauchsanweisung zur Verführung von Oligarchen. Für Nawalny aber sind Buch und Video über die Tour auf Deripaskas Luxusjacht vor allem ein abermaliger Beleg für die auf Bestechlichkeit beruhenden Verbindungen zwischen Kreml und Oligarchie. Seine Schlussfolgerung: „Ein Oligarch kutschiert einen Staatsbeamten höchsten Ranges auf der eigenen Yacht – das ist Bestechung. Der Oligarch bezahlt für das ganze Fest, die Mädchen von der Escort-Agentur inklusive – auch das Bestechung.“

Deripaska ist inzwischen zum Gegenangriff übergegangen: Nach der Veröffentlichung des Materials klagte er gegen Anastasija Waschukewitsch alias Nastja Rybka und ihren Bekannten Aleksandr Kirillow alias Alex Lesley wegen der illegalen Verbreitung von Informationen über sein Privatleben. Die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor hat derweil auf Anordnung eines Gerichts in Deripaskas Heimatstadt Ust-Labinsk Seiten blockiert, die Informationen über die Recherche von Nawalnys Antikorruptionsstiftung verbreiten.

Medienbehörde macht Druck

Am Mittwoch meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf einen Sprecher der Behörde, dass knapp 30 Quellen, darunter alle größeren Medien, das entsprechende Material gelöscht hätten. Das Video ist nach wie vor auf YouTube zugänglich, Nawalny freute sich erst am Donnerstagvormittag über bislang mehr als fünf Millionen Aufrufe. Instagram dagegen löschte die Beiträge von Nastja Rybka über Deripaska in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Nawalnys Seite wurde am Donnerstag auf Geheiß der Roskomnadzor teilweise blockiert.

Für die Menschen in Krasnojarsk dürfte es ein zusätzliches Ärgernis sein, dass gerade jetzt, wo die ökologischen Probleme in ihrer Stadt Überhand nehmen, andere Aspekte rund um Deripaska in den Vordergrund rücken als seine umweltschädigenden Aluminiumfabriken. Auch die Nowaja Gazeta empört sich darüber, „dass in Moskau die Diskussion wichtiger ist, ob erwachsene Jungs das Recht auf käuflichen Sex haben, als die, warum die sibirischen Städte sterben müssen, um für diesen Sex zu bezahlen.“

Solche Aussagen sind vor dem Hintergrund zu sehen, dass der asiatische Teil Russlands mit seinen reichen Bodenschätzen den Großteil der Rohstoffe liefert, von deren Export das Land stark abhängig ist. In den Wirren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelangten Geschäftsleute wie Deripaska zu Reichtümern, indem sie sich die dortigen Betriebe in der Rohstoffindustrie sicherten.

Heute ist Deripaska unter anderem Hauptanteilseigner des weltweit zweitgrößten Aluminiumkonzerns UC Rusal. Neben der Fabrik in Krasnojarsk gehören in Russland noch Fabriken in Bratsk, Irkutsk, Sajanogorsk und Bogutschany sowie das noch im Bau befindliche Werk in Tajschet zu dem Konzern – allesamt im asiatischen Teil des Landes gelegen, der laut einer jährlichen Erhebung des russischen Umweltministeriums die 20 Städte mit der am meisten verschmutzten Luft beheimatet. Die Kontrolle über UC Rusal wie auch über den Stromkonzern EuroSibEnergo übt Deripaska über die von ihm geleitete Holding En+ aus.

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