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Sexueller Missbrauch : Moralische Kehrtwende in Paris

Bild: afp

Frankreichs Präsident Sarkozy zeigt Härte: Kaum waren Missbrauchsvorwürfe gegen Staatssekretär Tron publik geworden, drängte er ihn zum Rücktritt. Das Vorgehen ist Teil der moralischen Kehrtwende im Zuge der Affäre Strauss-Kahn.

          Unter dem Eindruck der Vergewaltigungsvorwürfe gegen Dominique Strauss-Kahn versucht der französische Präsident, eine moralische Kehrtwende in der Politik einzuleiten. Erstes Beispiel für die schwindende Nachsicht bei mutmaßlichem sexuellen Missbrauch ist die Affäre Georges Tron. Obwohl die Justiz gegen den Staatssekretär für den öffentlichen Dienst bislang kein Strafverfahren eingeleitet hat, zeigte Staatspräsident Sarkozy umgehend Härte: Kaum waren Missbrauchsvorwürfe publik geworden, machte er dem Kabinettsmitglied klar, dass es zurücktreten müsse. Tron bleibt aber Bürgermeister der Vorstadt Draveil bei Paris.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Sarkozy hatte unter dem Eindruck der Festnahme des Sozialisten Strauss-Kahn in New York wegen versuchter Vergewaltigung und sechs anderer Straftatbestände die französische Politik zu „mehr Würde“ aufgerufen. Der Präsident wandte die neue Maxime im Fall Tron umgehend an. Zwei Frauen, 34 und 36 Jahre alt, die früher in der Kommunalverwaltung des von Georges Tron geleiteten Rathauses in Draveil tätig waren, hatten ihn wegen sexueller Aggression und Vergewaltigung angezeigt. Tron habe an ihnen Fußreflexzonenmassagen praktiziert und sie sexuell missbraucht, so der Vorwurf der Klägerinnen.

          In einem Radiogespräch sagte eine der Klägerinnen, sie habe durch „den Mut des New Yorker Zimmermädchens“ neue Kraft gefunden, gegen Tron gerichtlich vorzugehen. Die Frau hatte sich schon im November 2010 einem Frauenschutzverein anvertraut, aber keine rechtlichen Schritte unternommen. Laut Presseberichten muss Tron mit einer dritten Klage rechnen, die von einer früheren Polizeikommissarin von Draveil angestrengt werde. Bürgermeister Tron soll der jungen Polizeibeamtin wochenlang nachgestellt und durch unpassende sexuelle Gesten aufgefallen sein, schrieb die Zeitung „Journal du Dimanche“. Die Polizeikommissarin beantragte daraufhin ihre Versetzung in eine andere Kommune. Ihre Vorgesetzten, die angeblich Kenntnis von dem Verhalten des Bürgermeisters hatten, beschleunigten das Versetzungsverfahren.

          Fußreflexzonenmassagen ja, aber ohne sexuellen Charakter

          Die Staatsanwaltschaft in Evry hat eine Voruntersuchung eingeleitet. Trons Anwalt wies alle Vorwürfe zurück; sein Mandant werde seine Unschuld beweisen. Tron hat eingestanden, Fußreflexzonenmassagen vorzunehmen, diese seien jedoch ohne jeglichen sexuellen Charakter. Er sieht in den Vorwürfen ein Komplott der Vorsitzenden des rechtsextremen Front National, Marine Le Pen. Tron bezichtigte die FN-Vorsitzende, weil sich die beiden Klägerinnen von dem Staranwalt Gilbert Collard verteidigen lassen, der seine Sympathien für Marine Le Pen öffentlich bekundet hat. Marine Le Pen sagte, sie habe mit der Angelegenheit nichts zu tun, und drohte mit einer Diffamierungsklage. Frau Le Pens Schwager und Schwester wohnen in Draveil.

          In den Reihen der Präsidentenpartei UMP herrschte am Montag weitgehend Erleichterung über den schnellen Rücktritt Trons. Nur Arbeitsminister Xavier Bertrand kritisierte, dass „die Unschuldsvermutung in der Politik nicht mehr gilt“. Der UMP-Vorsitzende Jean-François Copé hingegen begrüßte die Vorgaben Präsident Sarkozys. „Wir müssen uns in der Frage der Moral künftig keine Lektionen mehr von der Linken erteilen lassen“, sagte er.

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