https://www.faz.net/-gpf-9iep5

Missbrauch in der Kirche : Ein weiterer Wegbegleiter unter Verdacht

Dichter Nebel umhüllt den Petersdom im Vatikan Bild: dpa

Gustavo Óscar Zanchetta soll sich an Untergebenen sexuell vergangen haben. Die argentinische Justiz ermittelt bereits. Was wusste sein Förderer Franziskus davon?

          Gustavo Óscar Zanchetta verdankt seinen Aufstieg zum Bischof im Norden Argentiniens und später einen schönen Posten im Vatikan seinem Landsmann Jorge Mario Bergoglio. Die beiden Gottesmänner kennen sich seit vielen Jahren. Von 2005 bis 2011 war Bergoglio Vorsitzender der argentinischen Bischofskonferenz, und während seiner Amtsperiode in Buenos Aires war Zanchetta die meiste Zeit Geschäftsführer im Generalsekretariat der Bischofskonferenz.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Aufstieg Bergoglios auf den Petersthron in Rom 2013 sollte auch für Zanchetta bald einen Karrieresprung bringen: Am 23. Juli 2013 ernannte Franziskus den damals 49 Jahre alten Zanchetta zum Bischof von Orán. Es war eine der ersten Personalentscheidungen des neuen Papstes für sein Heimatland.

          Die Diözese Orán liegt im tropischen Norden Argentiniens in der Provinz Salta. Die Provinz grenzt an Bolivien, Paraguay und Chile, sie ist konservativ geprägt und wirtschaftlich unterentwickelt. Transnationale Rauschgiftbanden treiben dort ihr Unwesen.

          Die Stadt Orán und die Provinz Salta mögen keine Traumziele für eine Laufbahn in der katholischen Kirche sein – und auch in keiner anderen Berufskarriere. Aber als Bischof hat man in Orán große Bedeutung. Man kann schalten und walten. Man gehört zu den mächtigen Leuten am Ort. Dem peronistischen Langzeitgouverneur der Provinz, Juan Manuel Urtubey, begegnete Bischof Zanchetta stets auf Augenhöhe.

          Gerade einmal drei Tage

          Zanchetta gründete schon bald nach der Übersiedlung von Buenos Aires nach Orán ein Priesterseminar. Er benannte es nach Papst Johannes XXIII., der die Suffragandiözese Orán 1961 hatte errichten lassen. Dem ersten Jahrgang des Seminars gehörten sechs Priesterschüler an. Seither ist das Priesterseminar „San Juan XXIII“ stetig gewachsen. Doch nun soll es plötzlich geschlossen werden, nur fünf Jahre nach der Gründung.

          Gustavo Óscar Zanchetta

          Schon am 29. Juli 2017 hatte Bischof Zanchetta den gut 320.000 Seelen seines Bistums schriftlich mitgeteilt, dass er beim Vatikan seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung eingereicht habe. Zur Begründung hieß es, ein „gesundheitliches Problem“ erfordere dringend eine auswärtige Behandlung. Angesichts der Ausdehnung des Bistums – es ist etwa so groß wie Niedersachsen – könne er seinen Hirtendienst nicht mehr erfüllen, ließ Zanchetta in der dürren Mitteilung wissen. Der Bischof zelebrierte nicht einmal die übliche Abschiedsmesse.

          Gewöhnlich lässt sich der Vatikan Wochen, mitunter Monate Zeit mit der Annahme von Rücktrittsgesuchen. Im Fall Zanchetta dauerte es gerade einmal drei Tage, bis Papst Franziskus am 1. August 2017 die Demission des erst vier Jahre zuvor von ihm selbst ernannten Bischofs annahm. Die Nachricht aus dem Vatikan erreichte Zanchetta jedoch nicht in einer Klinik, sondern als Gast von Erzbischof Andrés Stanovnik in dessen Diözese Corrientes, fast 900 Kilometer südöstlich von Orán.

          Stanovnik, der dem Kapuzinerorden angehört, hatte seinem Ordensbruder Zanchetta im August 2013 die Bischofsweihe erteilt. Von Corrientes ging Zanchetta nach Spanien. Dort wurde er im Oktober 2017 bei der Eröffnung des Akademischen Jahres an der kirchlichen Universität „San Damaso“ in Madrid gesichtet – „ohne erkennbare gesundheitliche Probleme“, wie spanische und italienische Medien damals berichteten. Sonst blieb es still um den offenbar wundersam genesenen einstigen Bischof.

          Argentinische Justiz ermittelt

          Bis am 19. Dezember 2017 dessen Berufung durch Papst Franziskus nach Rom erfolgte: auf den eigens geschaffenen Posten eines Assessors bei der Güterverwaltung des Vatikans (Apsa). Wegen Zanchettas „Managementfähigkeiten“, wie es zur Begründung hieß. Die Behörde verwaltet die mehr als 5000 Liegenschaften des Vatikans, die nach Schätzungen der italienischen Tageszeitung „Il Sole 24 Ore“ rund acht Milliarden Euro wert sind; hinzu kommen Anlagepapiere im Wert von fünf Milliarden Euro.

          Das stattliche Vermögen des Vatikans wird vom Wirtschaftssekretariat verwaltet, dem der australische Kardinal George Pell vorsteht. Pell wurde am 18. Dezember in Melbourne von einem Geschworenengericht in erster Instanz des sexuellen Missbrauchs von Ministranten für schuldig befunden. Pell hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Sein Amt an der Spitze des Wirtschaftssekretariats lässt Pell wegen des Prozesses seit Juni 2017 ruhen und ist nach Australien zurückgekehrt.

          Auch Aspa-Assessor Zanchetta muss sein Amt nun ruhen lassen, wie Vatikansprecher Alessandro Gisotti am Wochenende mitteilte. Grund seien „Vorermittlungen“ gegen den früheren Bischof durch dessen einstige Diözese Orán wegen sexueller Übergriffe und wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten. Ausgelöst wurden die Ermittlungen der Diözese durch argentinische Presseberichte, zumal der Zeitung „El Tribuno“. Danach hat Zanchetta mehrere ehemalige Schüler seines Priesterseminars im Alter von 20 bis 25 Jahren sexuell belästigt. In den Berichten ist von „Masturbation, Begrapschen und psychologischem Druck“ die Rede. Zanchetta soll seine Opfer mit Drohungen, aber auch mit teuren Geschenken und Geld zum Schweigen gebracht haben.

          Die argentinische Justiz hat Ermittlungen aufgenommen. Im Vatikan werde sich nun die Bischofskongregation mit der Angelegenheit befassen, teilte Sprecher Gisotti mit; das Bistum in Orán sei aufgefordert worden, die dort gesammelten Dokumente und Zeugenaussagen nach Rom zu übermitteln. Sollte sich der Verdacht erhärten, werde der Fall an die zuständige Sonderkommission für Bischöfe übergeben. Ob Zanchetta im Falle einer Anklage der argentinischen Justiz in seine Heimat zurückkehren werde, teilte Gisotti nicht mit.

          Der Papstsprecher hebt in seiner Mitteilung vom Wochenende hervor, zum Zeitpunkt des Rücktritts Zanchettas Ende Juli 2017 habe es lediglich „Vorwürfe wegen autoritären Verhaltens gegen ihn gegeben, aber nicht wegen sexuellen Missbrauchs“. Von dem seinerzeit von Zanchetta erwähnten „gesundheitlichen Problem“ ist jetzt gar nicht mehr die Rede. Weiter betont Gisotti, der seinen Posten erst nach dem abrupten Rücktritt des Vatikansprechers Greg Burke an Silvester übernommen hat, dass „zum Zeitpunkt der Berufung (an die Apsa) keine Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs“ gegen Zanchetta bekannt gewesen seien; diese seien erst „im letzten Herbst“, also vor wenigen Wochen, ans Licht gekommen.

          Dem widersprechen zwei Priester aus Orán, die in der Sonntagsausgabe von „El Tribuno“ zitiert werden, aber ihre Namen nicht nennen wollten. Danach sind Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen Bischof Zanchetta schon 2015 erhoben worden und auch dem damaligen – inzwischen nach Rom zurückbeorderten – päpstlichen Nuntius Emil Paul Tscherrig in Buenos Aires bekannt gewesen.

          Wie im Fall des inzwischen geschassten amerikanischen Kardinals Theodore McCarrick und des ebenfalls entlassenen chilenischen Bischofs Juan Barros will Franziskus auch von den Vorwürfen gegen seinen Landsmann Zanchetta sozusagen als Letzter im Vatikan erfahren haben. An McCarrick und Barros hielt Franziskus so lange fest, bis der Druck der Fakten und die Empörung der örtlichen „Herde“ über die Fehltritte ihrer Hirten zu groß geworden waren. Keine guten Aussichten für Assessor Zanchetta.

          Weitere Themen

          Hilfe für Investoren in Afrika

          Vereinte Nationen in Bonn : Hilfe für Investoren in Afrika

          Die Vereinten Nationen sind mit 20 Organisationen in Bonn vertreten. Vor zwei Jahren hat die für industrielle Entwicklung zuständige UNIDO hier die Arbeit aufgenommen. Ihr Investitions- und Technologieförderungsbüro nimmt vor allem Afrika in den Fokus.

          Topmeldungen

          Fast-Fashion-Tracht : Dirndl für alle

          Eine große Modekette entdeckt das Oktoberfest für sich – mit günstigen Trachten für die Massen. In München kommt das nicht gut an.
          Die meisten Manager finden ihren Job heute schwerer als früher (Symbolbild).

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.