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Sex-Skandal in Amerika : Die Bombe Foley

  • -Aktualisiert am

Der Skandal um den Abgeordneten Foley gefährdet den Wahlkampf der Republikaner Bild: AP

Er sei homosexuell, Alkoholiker und als Jugendlicher Opfer sexueller Zudringlichkeiten eines Priesters gewesen. Das Geständnis des Republikaners Mark Foley und die Vorwürfe eines früheren Praktikanten beherrschen den Wahlkampf um das amerikanische Repräsentantenhaus.

          Über die sexuelle Orientierung des Abgeordneten Mark Foley aus Florida wußten im Kapitol zu Washington viele Bescheid. Aber man sprach nicht darüber, weil Foley selbst darüber nicht sprechen wollte. Jedenfalls nicht bis zum 3. Oktober, als er seinen Anwalt David Roth in West Palm Beach seinem Heimatwahlkreis endlich mitteilen ließ, er, Foley, sei homosexuell.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zuvor hatte Foley, der am 29. September nach der Enthüllung seiner sexuell eindeutigen E-Mails an minderjährige Kongreßpraktikanten zurückgetreten war, durch seinen Anwalt außerdem wissen lassen, er sei Alkoholiker und zudem selbst als Jugendlicher Opfer sexueller Zudringlichkeiten eines katholischen Priesters gewesen.

          „Übermäßig freundliche“ Bemühungen

          Mag sein, daß der 52 Jahre alte Politiker, der erstmals 1994 ins Repräsentantenhaus gewählt worden war und als umgänglich und zugleich sehr ehrgeizig galt, nach dem Bekanntwerden seines anstößigen und möglicherweise strafbaren Mailverkehrs mit Jugendlichen reinen Tisch machen wollte. Doch sogleich meldeten sich Interessenverbände von Alkoholikern, Opfern sexueller Gewalt und Homosexuellen mit dem schlagenden Argument zu Wort, die bedauernswerten persönlichen Erfahrungen und die sexuelle Orientierung des ehemaligen Abgeordneten, der in einer Entzugsklinik an unbekanntem Ort untergetaucht ist, erklärten und entschuldigten überhaupt nichts. Schon gar nicht, daß ein Erwachsener schutzbefohlenen Jugendlichen gegenüber sexuelle Avancen mache und in einem Fall das Versprechen von künftiger Unterstützung eines Gymnasiasten auf dessen Karriereweg anscheinend unzweideutig an die Bedingung der Gewährung von Intimitäten geknüpft hatte.

          Ehemaliger Praktikant Vivyan: Behauptet, intime E-Mails von Foley bekommen zu haben

          Die Frage, mit der sich der Ethikausschuß des Repräsentantenhauses, die Ermittler der Bundespolizei FBI und des Justizministeriums sowie vor allem die amerikanische Öffentlichkeit vier Wochen vor den Kongreßwahlen vom 7. November befassen, ist vielmehr die, wer was wann von den Machenschaften Foleys wußte. Der republikanische „Sprecher“ des Repräsentantenhauses Dennis Hastert (Illinois), der angesichts wachsenden Drucks auch in der eigenen Partei um sein politisches Überleben kämpft, bleibt bei seiner Darstellung, er habe von dem unzweideutigen Mailverkehr zwischen Foley und einem Jugendlichen aus dem Jahre 2003 erst am 28. September durch den Fernsehsender ABC erfahren. Zuvor habe es allenfalls Berichte von „übermäßig freundlichen“ Bemühungen des Abgeordneten um jugendliche Praktikanten gegeben, die Foley aber glaubwürdig als Ausdruck eines sozusagen patenhaften Interesses am Werdegang der jungen Menschen erklärt habe.

          Zum gesetzwidrigen Alkoholkonsum überredet?

          Daß das eine tumbe Notlüge war, wenn Foley sich ihrer tatsächlich bedient haben sollte, weiß inzwischen jeder. ABC hat seitenweise die dem Sender zugespielten Mitschriften von E-Mails, Chat-Mitteilungen und SMS zwischen Foley (Web-Codename „Maf54“) und jugendlichen Praktikanten veröffentlicht. Darin gibt es völlig eindeutige und offene Äußerungen über sexuelle Themen.

          Solch ein Austausch zieht in den Vereinigten Staaten keine Strafverfolgung nach sich, sofern er zwischen Erwachsenen erfolgt oder wenigstens der beteiligte Jugendliche nach geltendem Gesetz des betreffenden Bundesstaates alt genug für „einvernehmliche sexuelle Handlungen“ ist. Da diese Altersgrenze in der Hauptstadt Washington bei 16 Jahren liegt, dürfte sich Foley in strafrechtlicher Hinsicht nichts zuschulden haben kommen lassen, und Foleys Anwalt Roth beteuert denn auch immer wieder, es sei nie zu „illegalen sexuellen Handlungen“ gekommen. Die Behörden müssen aber der Frage nachgehen, ob Foley einen Jugendlichen zum gesetzwidrigen Alkoholkonsum in seiner Wohnung überredet hat und ihn damit gefügig gemacht hat.

          E-Mails als Wahlkampfproblem

          Politisch brisant aber ist die Frage, ob die Fühung des Repräsentantenhauses schon 1997 von dem damaligen Praktikanten Tyson Vivyan auf sexuell eindeutige Mails von Foley hingewiesen wurde; ob es im Herbst 2005 schließlich unzweifelhafte Indizien für ein fortgesetztes Fehlverhalten Foleys gab und ob man in Hasterts Büro wissen mußte, daß sich Praktikanten gegenseitig vor dem Abgeordneten Foley und vor dessen Avancen warnten; ob schließlich die Fraktionsführung der Republikaner die Sache zu verschleiern suchte statt die Praktikanten zu schützen - oder ob vielmehr Verbündete der Demokraten die „Bombe“ Foley rechtzeitig vor den Wahlen platzen ließen.

          Händeringend versuchen unterdessen das Weiße Haus und die Parteiführung der Republikaner, die politische Debatte wieder auf Themen wie nationale Sicherheit und Krieg gegen den Terrorismus zu lenken. Doch alle Welt redet über Foleys Mails statt über Al Qaidas Pläne. Viel Zeit bleibt den Republikanern nicht mehr, um die Debattenhoheit wiederzuerlangen, und die jüngsten Umfragen zeigen einen für die Regierungspartei bedrohlichen Überdruß der Wähler am republikanisch kontrollierten Kongreß.

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