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Serbien : Referendum über die Einführung der Normalität

Serbischer Jubel: Nikolic im Kreise seiner Getreuen

Serbischer Jubel: Nikolic im Kreise seiner Getreuen Bild: REUTERS

Nach der Wahl in Serbien kursieren wilde Verschwörungstheorien: Doch der Ausgang der Wahl ist weniger ein Sieg Nikolićs als eine Niederlage des ehemaligen Präsidenten Tadić.

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          Seit Sonntag hat Serbien nicht nur einen neuen Präsidenten, sondern auch eine neue Verschwörungstheorie: Demnach hat die Europäische Union die Abwahl des serbischen Staatsoberhauptes Boris Tadić betrieben - und sogar schon Stunden vor Schließung der Wahllokale gewusst, dass ihr Wunschkandidat Tomislav Nikolić den Stichentscheid gegen den Amtsinhaber gewinnen werde.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Ganz unbeteiligt war die EU nicht am Aufkommen solcher Gedanken. Die serbischen Medien erwähnten am Montag die Glückwünsche der Europäischen Kommission an Nikolić, die seltsamerweise schon mehrere Stunden vor Schließung der serbischen Wahllokale veröffentlicht wurden. Zwar sei der Fehler rasch bemerkt und der Text von der Internetseite wieder entfernt worden, doch da hallte die Überzeugung, die EU habe Tadićs Sturz betrieben, längst unwiderruflich durch die Gossen des Internets.

          Serbien : Nationalist Nikolic zum serbischen Präsidenten gewählt

          Die offizielle deutsche Reaktion kam erst später in der Nacht zum Montag, als zweifelsfrei feststand, was viele Serben - und nicht zuletzt ihr erster politischer Repräsentant - kaum glauben konnten: Boris Tadić, der in allen Umfragen vor Nikolić gelegen hatte und sich schon siegesgewiss als alter und neuer Präsident gerierte, war tatsächlich abgewählt worden.

          Der Kommentar von Außenminister Westerwelle „zu dem sich abzeichnenden Wahlergebnis“ in Serbien hatte allerdings eher den Charakter einer Mahnung als einer Gratulation: „Entscheidend ist, dass Serbien auf einem proeuropäischen Kurs bleibt. Ich sehe den mutmaßlichen Wahlsieger hier in einer großen Verantwortung. Boris Tadić danken wir für sein unermüdliches Wirken für den serbischen Weg nach Europa.“

          Als wäre er schon immer Staatsmann

          In Belgrad gab sich der Wahlsieger in der Stunde seines größten Triumphes dagegen schon so staatsmännisch, als sei er immer schon Präsident gewesen. Nikolić dankte nicht nur seinen eigenen Wählern, sondern auch jenen, die für Tadić gestimmt hatten. Selbstverständlich werde das Land weiter Kurs auf Europa halten, sagte der neue Kapitän und schlug versöhnliche Töne an: Er wolle keine neuen Feindschaften in Serbien und werde, um ein Präsident aller Serben sein zu können, seinen Posten als Vorsitzender der von ihm gegründeten Serbischen Fortschrittspartei (SNS) niederlegen.

          Dieses Versprechen Nikolićs enthielt allerdings einen kräftigen Seitenhieb gegen seinen Vorgänger, denn Tadić war in all den Jahren nicht nur Staatsoberhaupt, sondern auch Vorsitzender der regierenden Demokratischen Partei (DS) und griff auf verfassungsrechtlich fragwürdige Weise kräftig in die Tagespolitik ein. De facto war Tadić Präsident, Regierungschef und Außenminister Serbiens in einem.

          Nikolić hat versprochen, alles anders zu machen. Am Wahlabend ging er sogar so weit, seine künftige Abwahl zu einem potentiell begrüßenswerten Vorgang zu erklären: „Ich will ein normales Serbien, in dem die SNS und ich irgendwann einmal von jemandem besiegt werden, der besser ist.“ In der Belgrader Fin-de-siècle-Villa unweit der türkischen Botschaft, die das Hauptquartier der DS und daher künftig wohl auch wieder das Büro Tadićs beherbergt, versuchte der abgewählte Noch-Präsident unterdessen so gut wie möglich, den anständigen Verlierer zu geben. Er gratulierte Nikolić zu dessen Erfolg und wünschte ihm Glück bei der Verrichtung der „schwierigen Pflichten“, die nun auf ihn zukämen.

          Zu seinen eigenen Plänen sagte Tadić kaum etwas, abgesehen von der Ankündigung, er wolle keinesfalls Regierungschef werden. Außerdem erteilte Tadić einer Kohabitation eine klare Absage. Das gab es schon einmal mit Tadić als Präsident und dem Nationalisten Vojislav Koštunica als Regierungschef - und ein Versuch dieser Art sei genug für ein Leben, sagte Tadić sarkastisch. Er wolle nun erst einmal überlegen, wie es weitergehe, sinnierte Tadić. Das dürfte schwierig genug werden. Der Präsident könne eigentlich nur Präsident, hieß es am Montag aus seiner Umgebung. Tadić verabschiedete sich, nun erstmals schon im postpräsidialen Plauderton, mit der Bemerkung, man sehe sich nun eben „in einem anderen Film“ wieder.

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