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Serbien nach der Wahl : „Niederträchtig und heimtückisch“

Nikolic und Tadic (r.) im Amtssitz des Präsidenten in Belgrad Bild: REUTERS

Aussagen von Serbiens neuem Präsidenten Tomislav Nikolic im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung führen zu Verwicklungen zwischen Zagreb und Belgrad.

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          Serbiens künftiger Präsident Tomislav Nikolic ist noch nicht einmal offiziell im Amt, da zieht schon das erste politische Unwetter über sein Haupt hinweg. Den Anlass dazu gab ein ausführliches Interview, das Nikolic wenige Tage vor dem Stichentscheid der Präsidentenwahl, in dem er gegen den bisherigen Amtsinhaber Boris Tadic antrat, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gegeben hatte. Das Interview war voll von Aussagen, deren Eignung, in Serbiens Nachbarstaaten auf schroffe Ablehnung zu stoßen, unübersehbar war. Wie zu erwarten, wurden Nikolics Aussagen in kroatischen, bosnischen, montenegrinischen und auch serbischen Medien ausführlich zitiert.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          In Kroatien war die Entrüstung groß. Sie entzündete sich an einer Aussage Nikolics über die kroatische Donaustadt Vukovar, die 1991, im ersten Jahr der jugoslawischen Zerfallskriege, von der serbischen Armee in Schutt und Asche geschossen und erobert worden war, woraufhin alle nichtserbischen Einwohner vertrieben, andere ermordet wurden. Dem Hinweis, dass in Vukovar inzwischen, nachdem die Stadt wieder Teil Kroatiens ist, mehr Serben leben als noch vor zehn Jahren, begegnete Nikolic im Interview mit den Sätzen: „Weil Vukovar eine serbische Stadt war. Dorthin haben Kroaten nicht zurückzukehren.“

          Großserbien ein alter „Wunsch“

          Nikolic war bis 2008 stellvertretender Vorsitzender der extrem nationalistischen „Serbischen Radikalen Partei“. Er hat sich nie unmissverständlich von seiner früheren Forderung distanziert, Kroatien zugunsten der Bildung eines „Großserbiens“ zu zerschlagen. Dass er im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wieder davon sprach, Großserbien sei ein alter „Wunsch“ und „Traum“ von ihm, der sich „leider“ nicht habe verwirklichen lassen, trug in Kroatien (und Bosnien) ebenfalls nicht zur Beruhigung bei, im Gegenteil: Nikolics Interviewaussagen haben zu einem Zerwürfnis zwischen Belgrad und Zagreb geführt, das einen Vorgeschmack davon vermittelt, welche Schwierigkeiten Serbien unter einem Präsidenten Nikolic bei der Zusammenarbeit mit seinem Nachbarn zu erwarten hat.

          Nachdem Nikolics Aussagen in kroatischer Übersetzung verbreitet worden waren, trat zunächst Kroatiens Staatspräsident Ivo Josipovic an die Öffentlichkeit: „Wenn die Aussage von Herrn Nikolic die Rückkehr zu irgendwelchen Ideen der neunziger Jahre bedeutet, kann ich hier wohl im Namen von uns allen in Kroatien sagen: Solche Ideen werden und können nicht verwirklicht werden.“ So wie Kroatien früher seine Souveränität zu verteidigen gewusst habe, sei es auch heute dazu in der Lage, fügte Josipovic hinzu. Dabei fiel auf, dass Kroatiens Präsident seinem künftigen Gegenpart in Belgrad bewusst die Tür zur Kooperation offen ließ: „Von der Politik, die Herr Nikolic führen wird, hängt es ab, ob es eine Zusammenarbeit geben wird.“ Er hoffe, dass Nikolic seinen Standpunkt revidieren werde, so Josipovic.

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