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Serbien : „Mladic wird bis Ende August verhaftet“

  • Aktualisiert am

Die Zeit läuft aus: Mladic und Karadzic 1993 in Bosnien Bild: AFP

Nach der Verhaftung Karadzics soll auch die Festnahme seines früheren Militärchefs unmittelbar bevorstehen. Noch diesen Monat, so berichten Belgrader Zeitungen unter Berufung auf „Quellen in der Regierungsspitze“, könnte Ratko Mladic gefasst werden. Die EU würde das eventuell mit dem EU-Beitrittsstatus belohnen.

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          Die Verhaftung des seit über einem Jahrzehnt flüchtigen mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrechers Ratko Mladic steht nach einem Zeitungsbericht unmittelbar bevor. Der frühere Militärchef der bosnischen Serben werde „bis Ende August“ verhaftet und an das UN-Tribunal in Den Haag ausgeliefert, berichtete die Zeitung „Blic“ am Donnerstag in Belgrad unter Berufung auf „Quellen in der Regierungsspitze“. Damit wolle die Regierung endlich den Weg frei machen für eine schnelle Annäherung an die EU.

          Die Regierung wolle die Sommerferien ausnutzen, um Mladic dingfest zu machen, schrieb das Blatt. Die nationalistische Opposition habe wegen der Parlamentspause und der Ferien deutlich weniger Chancen, „Demonstrationen und Straßenunruhen“ zu organisieren.

          Bei Verhaftung grünes Licht der EU Mitte September

          Die Verhaftung von Mladic, dem schwerste Verbrechen im Bosnien-Krieg (1992-1995) zur Last gelegt werden, dürfte der Chefankläger des UN-Tribunals, Serge Brammertz, als „vollständige Kooperation“ Belgrads mit dem Tribunal werten. Das sei die Voraussetzung, dass die EU-Außenminister am 15. September grünes Licht für das schon verabredete vorläufige Wirtschaftsabkommen mit Brüssel geben.

          Gesucht: Der frühere serbische Militärchef in Kroatien, Hadzic, und Mladic

          Der zivile und der militärische Geheimdienst (BIA und VBA) wüssten sicher, wo sich Mladic versteckt halte, sagte der frühere General Ninoslav Krstic der Zeitung „Press“ „Ich glaube, dass sie ihn bald verhaften.“ Die Aufforderung von zwei serbischen Ministern am Vortag, Mladic solle sich freiwillig stellen, sei vermutlich als Vorbereitung der Öffentlichkeit auf einen solchen Schritt zu verstehen, sagte der frühere General weiter.

          Demgegenüber behauptete der Mladic-Neffe Goran, sein Onkel werde sich niemals stellen. „Ich weiß, wie er denkt und bin sicher, dass er sich umbringen wird, bevor er verhaftet wird“, sagte er der Zeitung „Press“.

          „Das ganze Land als Geisel“

          Die serbische Regierung hatte die beiden noch flüchtigen Angeklagten des UN-Tribunals für das ehemalige Jugoslawien am Mittwoch aufgefordert, sich dem Gericht zu stellen. Der ehemalige General der bosnischen Serbenarmee und der einstige Führer der Serben in Kroatien, Goran Hadzic, müssten dies „sehr schnell“ tun, denn „das ganze Land ist ihre Geisel“, wurde der serbische Verteidigungsminister Dragan Sutanovac am Mittwoch von dem Belgrader Sender B92 zitiert. Eine Überstellung Mladics an das Haager Tribunal liege im Interesse Serbiens und seiner Bürger, aber auch Mladics.

          Sutanovac wandte sich aber gegen die Darstellung, der mutmaßliche Hauptverantwortliche für den Massenmord an fast 8000 Muslimen in der sogenannten UN-Schutzzone Srebrenica im Jahr 1995 halte sich auf jeden Fall in Serbien auf und werde vom Militärgeheimdienst geschützt: Auch der Chefankläger des UN-Tribunals, Brammertz, behaupte so etwas nicht. Allerdings deutete der Minister an, es sei nicht auszuschließen, dass einige wenige von insgesamt 37.000 Angehörigen der Armee Serbiens mit Mladics Flucht etwas zu tun haben könnten. „Aber er hat mit Sicherheit nicht die Unterstützung des Systems“, so Sutanovac.

          Als „verantwortungslos“ bezeichnete er laut B92 die in der serbischen Hauptstadt immer wieder gestellte Frage, welche Rolle der Militärgeheimdienst bei der Verhaftung des ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik Radovan Karadzic gespielt habe. Derlei Details würden nirgends auf der Welt öffentlich gemacht, und Fragen danach führten zu einer „Destabilisierung“ der Dienste und der Polizei.

          Kannte Amerika Karadzics Versteck?

          Es gehe darum, die Sicherheit der an der Verhaftung beteiligten Kräfte und ihrer Familien zu schützen. Bemerkenswert ist indes der von dem Minister nicht erwähnte Umstand, dass der amerikanische Botschafter in Serbien am 10. Juli in sehr kleinem Kreise angekündigt hat, einer der beiden „großen“ Angeklagten des Tribunals, also Mladic oder Karadzic, werde noch im Laufe des Monats verhaftet werden.

          Am 18. Juli kam es dann tatsächlich zu der Festnahme Karadzics, die aus innenpolitischen Gründen allerdings erst in der Nacht zum 21. Juli öffentlich gemacht wurde. Von staatlichen Stellen in Serbien wird heftig bestritten, dass ausländische Geheimdienste an der Lokalisierung und Verhaftung Karadzics beteiligt gewesen seien.

          Sutanovac ist Mitglied der Demokratischen Partei (DS) von Staatspräsident Tadic. Tadic und die DS als stärkste Kraft der neuen Belgrader Regierung wollen Serbien möglichst schnell an die EU heranführen. Einige Politiker der DS äußern gar die Ansicht, Serbien werde schon zum Ende dieses Jahres den Status eines Beitrittskandidaten erhalten.

          Mladic nicht unbedingt in Serbien

          Der in der serbischen Regierung für die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal zuständige Minister Rasim Ljajic, ein Muslim, äußerte sich in einem am Mittwoch veröffentlichten Zeitungsinterview ähnlich wie der Verteidigungsminister. Die Annahme, dass Mladic sich in Serbien aufhalte, lasse sich weder bestätigen noch entkräften, doch sei es „ein schwerer Fehler“ der Staatengemeinschaft, aus Karadzics Verhaftung in Belgrad den Schluss zu ziehen, dass sich zweifellos auch Mladic in Serbien aufhalte, so Ljajic sinngemäß.

          Die serbische Regierung behaupte nicht, dass Mladic nicht in Serbien sei, „aber um solch eine Behauptung aufzustellen, muss man gewisse Spuren haben“, sagte Ljajic.

          Nach offiziellen Angaben ist es noch zu früh, der Öffentlichkeit mitzuteilen, ob einige der Personen, die von Karadzics Leben als „Dr. Dabic“ in Belgrad wussten, auch Kenntnis von Mladics Aufenthaltsort haben. Mitgeteilt wird nur, dass die Ermittler anhand des in Karadzics Wohnung aufgefundenen Materials zu dessen Fluchtbewegungen schon viele Erkenntnisse gewonnen hätten.

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