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Serbien : Bei Anruf Kriegsverbrecher

Eine Million Euro gibt es für Hinweise, die zur Ergreifung von Ratko Mladic führen Bild: AFP

Mit einer Telefonhotline und einer saftigen Belohnung von einer Million Euro will die serbische Regierung den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic finden. Aber so richtig ernsthaft wird die Suche anscheinend nicht betrieben. Aus Belgrad berichtet Michael Martens.

          4 Min.

          Wer den General sieht, soll 9191 wählen. Unter dieser Telefonnummer hat die serbische Regierung unlängst eine Kriegsverbrecherhotline eingerichtet. Dort können anonym Hinweise auf den Verbleib von Ratko Mladic gegeben werden, den ehemaligen Befehlshaber der Armee der bosnischen Serben, der seit 1995 vor dem UN-Tribunal für das frühere Jugoslawien angeklagt ist. Ein Anruf kann einträglich sein, denn die Regierung hat auch eine Million Euro Belohnung ausgesetzt für Angaben, die zur Ergreifung des flüchtigen Militärs führen.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Carla Del Ponte, die Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals, die an diesem Donnerstag und am Freitag zum wohl vorletzten Mal vor dem Ende ihrer Amtszeit Gespräche mit der politischen Führung in Belgrad führen wird, zeigte sich angetan von diesem Vorstoß. In einer weitgehend ungünstigen Bewertung von Belgrads Kooperation mit dem Tribunal lobte sie das Kopfgeld auf Mladic jüngst als „ermutigendes Zeichen“.

          „Ich würde spurlos verschwinden“

          Dragoljub Zarkovic, Herausgeber von „Vreme“, des führenden serbischen Wochenmagazins, glaubt allerdings nicht daran, dass der Staat seinen Finderlohn je wird zahlen müssen. Man stelle sich vor, schrieb der Journalist unlängst, ihm sei das Versteck Mladics bekannt und er gebe sein Wissen unter der Nummer 9191 weiter: „Ich würde innerhalb von einer halben Stunde spurlos verschwinden, denn diejenigen, die 500 Euro im Monat verdienen, kannten seinen Aufenthaltsort bis vor kurzen und haben nicht zum Telefon gegriffen.“

          Auch mit Hotline geht die Suche für Carla del Ponte noch zu langsam
          Auch mit Hotline geht die Suche für Carla del Ponte noch zu langsam : Bild: AP

          Mit „denjenigen“ meint Zarkovic die alten Kader der mittleren Ebene des Geheimdienstes, der Polizei und des Militärs, denen eine wichtige Rolle bei der Organisation von Mladics Dauerflucht zugeschrieben wird. Diese Kreise, so jedenfalls lautet die landläufige Annahme, seien gegen eine Überstellung Mladics, weil danach eine weitere Annäherung Serbiens an die EU möglich wäre, was sie verhindern wollen. Laut Zarkovic ist es daher töricht zu glauben, ein ernsthafter Gewährsmann werde die Mladic-Suchnummer wählen und jenen den Aufenthaltsort des mutmaßlichen Kriegsverbrechers verraten, die ihn ohnehin versteckt hielten.

          „Zahlreiche Hindernisse“

          Dass es in den serbischen Sicherheitsbehörden Abteilungen oder zumindest Einzelpersonen gibt, die den Aufenthaltsort Mladics kennen, hat auch Carla Del Ponte behauptet, als sie am 15. Oktober vor den Außenministern der EU Bericht erstattete. Sie sei „absolut überzeugt“ davon, dass Serbiens Regierung die Mittel besitze, um Mladic auszuliefern, behauptete die aus der Schweiz stammende Juristin.

          Für ihre schwer zu beweisende Annahme hat sie öffentlich zwar keine Nachweise erbracht, doch gibt es viele überprüfbare Details, mit denen Frau Del Ponte die mangelnde Bereitschaft der serbischen Regierung zu einer Zusammenarbeit mit dem internationalen Gericht zu dokumentieren versucht. Das betrifft unter anderem die Weitergabe wichtiger Unterlagen aus der Zeit der jugoslawischen Zerfallskriege.

          „Mein Büro hat von den Belgrader Behörden mehrere wichtige Dokumente angefordert, die für die Vorbereitung von Prozessen bedeutsam sind. Die meisten dieser Bitten sind vor fast einem Jahr ergangen“, sagt Frau Del Ponte. Seither sei man bei den Versuchen, die Papiere zu erhalten, „auf zahlreiche Hindernisse“ gestoßen. Mitarbeiter des Tribunals berichten, ihnen werde mitgeteilt, die gewünschten Akten seien unauffindbar oder 1999, während der Bombardierung Belgrads durch die Nato, zerstört worden. In vielen Fällen stuft man diese Aussagen in Den Haag als unglaubwürdig ein, was angesichts der geringen Zerstörungen, die Belgrad durch den Krieg erlitten hat, durchaus überzeugend ist, zumal schon häufiger angeblich verschollene Schriftstücke auf wundersame Weise wieder ans Tageslicht kamen.

          Schwerer Zugang zu den Archiven

          Besondere Schwierigkeiten scheint den Haager Ermittlern der Zugang zu den Archiven des Geheimdienstes zu bereiten. Überraschen kann das nicht - der Geheimdienst unter Führung von Jovica Stanisic spielte bei den serbischen Vertreibungskriegen der neunziger Jahre eine wichtige Rolle. Zahlreiche der im Kriege für ihre besondere Grausamkeit berüchtigten Freischärlertruppen, wie die „Roten Barette“, die „Skorpione“ oder die „Tiger“ unter dem Befehl des Berufskriminellen Arkan Raznjatovic wurden von diesem Dienst aufgebaut oder ausgerüstet, zum Teil auch finanziert und in die Kampfgebiete in Kroatien und Bosnien delegiert. Plündernd und mordend erledigten sie dort die Schmutzarbeit der Vertreibung, nachdem die Artillerie der „jugoslawischen“ (lies: serbischen) Armee die Orte zuvor sturmreif geschossen hatte.

          „Es ist womöglich kein reiner Zufall, dass einer der Fälle, die im nächsten Jahr vor Gericht verhandelt werden, jener gegen Stanisic ist, den früheren Chef desselben Geheimdienstes, auf dessen Archive wir keinen Zugriff haben“, stellte Frau Del Ponte in ihrem Bericht an die EU-Außenminister fest. Es ist außerdem nicht ausgeschlossen, dass Stanisic sich in dieser Angelegenheit auf seine Weise nützlich macht. Denn er wurde zwar im März 2003 von den serbischen Behörden verhaftet und später nach Den Haag überstellt. Im Dezember 2004 wurde er aber gegen den Widerstand der Anklagebehörde bis zum Beginn seines Prozesses auf freien Fuß gesetzt und hält sich seither in Belgrad auf.

          „Völlige Hingabe keine Garantie für Erfolg“

          Unlängst hat Serbiens stellvertretender Ministerpräsident Bozidar Djelic seine Regierung gegen die Kritik von Frau Del Ponte in Schutz genommen. Serbien sei sich bewusst, dass die Überstellung Mladics eine Bedingung für den EU-Beitritt bleiben werde, und die Regierung unternehme alles, um sie zu erfüllen, äußerte der Politiker. „Die Staatengemeinschaft weiß aber, dass selbst die völlige Hingabe an dieses Ziel keine Garantie für einen Erfolg ist.“ Dies sehe man auch an den seit zwölf Jahren erfolglosen Versuchen, den in Bosnien-Hercegovina vermuteten ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik, Karadzic, ausfindig zu machen.

          „Wie die Verhaftung und Überstellung von zwei flüchtigen Angeklagten im Laufe der ersten hundert Tage unserer Regierung bewiesen hat, ist Serbien entschlossen dazu, mit dem Tribunal zusammenzuarbeiten. Zudem hat das Tribunal einen Verbindungsmann in der serbischen Operationsgruppe, die Flüchtige ausfindig zu machen versucht. Das Haager Tribunal erhält auf diese Weise alle Informationen umgehend“, sagt Djelic weiter.

          Bei Anruf besetzt

          Tatsächlich haben ihre Mitarbeiter fast drei Monate lang die Suche nach den Flüchtigen in Serbien eng verfolgt, bestätigt Frau Del Ponte. Doch obwohl man in dieser Zeit einige Versuche beobachtet habe, Flüchtige zu lokalisieren und die sie schützenden Seilschaften zu identifizieren, sei dies nur „langsam, unentschlossen und unsystematisch“ geschehen, stellt sie fest.

          Der heiße Draht zu den Mladic-Fahndern scheint immerhin populär zu sein. Als „Vreme“-Herausgeber Zarkovic unlängst die 9191 anwählte, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wurde er von einer Computerstimme begrüßt. Die habe ihm gesagt, dass alle Leitungen besetzt seien und er sich etwas gedulden müsse.

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