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Serbien : Bei Anruf Kriegsverbrecher

Schwerer Zugang zu den Archiven

Besondere Schwierigkeiten scheint den Haager Ermittlern der Zugang zu den Archiven des Geheimdienstes zu bereiten. Überraschen kann das nicht - der Geheimdienst unter Führung von Jovica Stanisic spielte bei den serbischen Vertreibungskriegen der neunziger Jahre eine wichtige Rolle. Zahlreiche der im Kriege für ihre besondere Grausamkeit berüchtigten Freischärlertruppen, wie die „Roten Barette“, die „Skorpione“ oder die „Tiger“ unter dem Befehl des Berufskriminellen Arkan Raznjatovic wurden von diesem Dienst aufgebaut oder ausgerüstet, zum Teil auch finanziert und in die Kampfgebiete in Kroatien und Bosnien delegiert. Plündernd und mordend erledigten sie dort die Schmutzarbeit der Vertreibung, nachdem die Artillerie der „jugoslawischen“ (lies: serbischen) Armee die Orte zuvor sturmreif geschossen hatte.

„Es ist womöglich kein reiner Zufall, dass einer der Fälle, die im nächsten Jahr vor Gericht verhandelt werden, jener gegen Stanisic ist, den früheren Chef desselben Geheimdienstes, auf dessen Archive wir keinen Zugriff haben“, stellte Frau Del Ponte in ihrem Bericht an die EU-Außenminister fest. Es ist außerdem nicht ausgeschlossen, dass Stanisic sich in dieser Angelegenheit auf seine Weise nützlich macht. Denn er wurde zwar im März 2003 von den serbischen Behörden verhaftet und später nach Den Haag überstellt. Im Dezember 2004 wurde er aber gegen den Widerstand der Anklagebehörde bis zum Beginn seines Prozesses auf freien Fuß gesetzt und hält sich seither in Belgrad auf.

„Völlige Hingabe keine Garantie für Erfolg“

Unlängst hat Serbiens stellvertretender Ministerpräsident Bozidar Djelic seine Regierung gegen die Kritik von Frau Del Ponte in Schutz genommen. Serbien sei sich bewusst, dass die Überstellung Mladics eine Bedingung für den EU-Beitritt bleiben werde, und die Regierung unternehme alles, um sie zu erfüllen, äußerte der Politiker. „Die Staatengemeinschaft weiß aber, dass selbst die völlige Hingabe an dieses Ziel keine Garantie für einen Erfolg ist.“ Dies sehe man auch an den seit zwölf Jahren erfolglosen Versuchen, den in Bosnien-Hercegovina vermuteten ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik, Karadzic, ausfindig zu machen.

„Wie die Verhaftung und Überstellung von zwei flüchtigen Angeklagten im Laufe der ersten hundert Tage unserer Regierung bewiesen hat, ist Serbien entschlossen dazu, mit dem Tribunal zusammenzuarbeiten. Zudem hat das Tribunal einen Verbindungsmann in der serbischen Operationsgruppe, die Flüchtige ausfindig zu machen versucht. Das Haager Tribunal erhält auf diese Weise alle Informationen umgehend“, sagt Djelic weiter.

Bei Anruf besetzt

Tatsächlich haben ihre Mitarbeiter fast drei Monate lang die Suche nach den Flüchtigen in Serbien eng verfolgt, bestätigt Frau Del Ponte. Doch obwohl man in dieser Zeit einige Versuche beobachtet habe, Flüchtige zu lokalisieren und die sie schützenden Seilschaften zu identifizieren, sei dies nur „langsam, unentschlossen und unsystematisch“ geschehen, stellt sie fest.

Der heiße Draht zu den Mladic-Fahndern scheint immerhin populär zu sein. Als „Vreme“-Herausgeber Zarkovic unlängst die 9191 anwählte, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wurde er von einer Computerstimme begrüßt. Die habe ihm gesagt, dass alle Leitungen besetzt seien und er sich etwas gedulden müsse.

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