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UN-Kriegsverbrechertribunal : 40 Jahre Haft für Karadžić

Radovan Karadžić am Donnerstag vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag Bild: dpa

Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadžić ist vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Die Richter schlossen sich zwar nicht in allen, jedoch in vielen Punkten der Anklagebehörde an.

          Das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien hat den früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadžić zu 40 Jahren Haft verurteilt. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Karadžić sich mehrerer Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig gemacht hat.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das Tribunal mit Sitz in Den Haag hatte bereits im Juli 1995, noch während des Krieges in Bosnien-Hercegovina, Anklage gegen Karadžić erhoben. Der 2009 begonnene Prozess gegen den ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serbenrepublik gehört zu den aufwendigsten, die das Tribunal in seiner schon fast ein Vierteljahrhundert währenden Geschichte geführt hat. An knapp 500 Prozesstagen wurden fast 590 Zeugen vernommen, nahezu 340 für die Anklage und etwa 250 für die Verteidigung. Die Anklagebehörde brauchte länger als zwei Jahre, von April 2010 bis Mai 2012, um ihre Beweise vorzubringen. Die Verteidigung reagierte darauf vom Herbst 2012 bis zum Frühjahr 2014. Karadžić verteidigte sich selbst.

          Karadžić war jahrelang in Belgrad untergetaucht und tarnte sich als Arzt mit dem Namen „Dr. Dragan Dabić– mit langem Bart und dicker Brille (undatierte Aufnahme)

          Der Prozess konnte erst 14 Jahre nach der Anklageerhebung beginnen, da Karadžić in Bosnien zunächst nicht festgenommen wurde und später, als sich die Stimmung in Bosnien und Serbien zumindest auf Regierungsebene zum Teil gegen ihn gekehrt hatte, in den Untergrund ging. Erst im Juli 2008 konnte er verhaftet werden. Er hatte zuletzt unter dem Namen „Dr. Dragan Dabić“ als Heilpraktiker in Belgrad gearbeitet und in einem anonymen Plattenbaustadtteil gelebt, wo niemand seine wahre Identität kannte.

          Allerdings gilt es als sicher, dass zumindest Teile des serbischen Geheimdienstes jederzeit wussten, wo sich der Gesuchte aufhielt. Karadžić hatte sich einen langen Bart wachsen lassen und lebte zurückgezogen in der Juri-Gagarin-Straße 267, dritter Stock. Er hielt Vorträge auf Konferenzen über alternative Medizin und besuchte manchmal die nahegelegene Kneipe „Irrenhaus“, wo er Gespräche über Politik jedoch stets gemieden habe, wie sich Stammgäste später erinnerten. Gleichzeitig schrieb Karadžić, der sich als Dichter sieht, unter seinem wahren Namen weiterhin Kinderbücher, Dramen und Romane, die er mit der Post seinem Belgrader Verleger Miroslav Toholj zukommen ließ, der sie veröffentlichte und vorgab, nicht zu wissen, wo sich der Autor aufhielt.

          Flüchtlinge aus Srebrenica am 14. Juli 1995 vor der UN-Basis am Flughafen in Tuzla.

          Laut der mehrfach überarbeiteten Anklageschrift hat sich Karadžić des Völkermords und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Er sei unter anderem verantwortlich für Verfolgungen, Ausrottung, Mord, Deportation, Terror gegen Zivilisten und Geiselnahmen von Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen, um sie als „menschliche Schutzschilde“ gegen Luftangriffe der Nato einzusetzen. Karadžić habe von spätestens Oktober 1991 bis Ende November 1995 an einer kriminellen Politik teilgehabt, deren Ziel es gewesen sei, bosnische Muslime und Kroaten aus jenen Gebieten Bosniens zu vertreiben, die von den bosnischen Serben beansprucht wurden. So trage Karadžić maßgebliche Verantwortung für die Belagerung und den Beschuss der bosnischen Hauptstadt Sarajevo zwischen April 1992 und November 1995.

          Ermittler des Internationalen Kriegsverbrechertribunals sichern am 18. September 1996 bei Pilica, 55 Kilometer nordöstlich von Tusla, ein Massengrab mit Srebrenica-Opfern.

          Ebenfalls habe Karadžić, Präsident der bosnischen Serbenrepublik von 1992 bis 1996, an einer „gemeinsamen kriminellen Unternehmung“ teilgenommen, bei der im 11. Juli 1995 mehrere tausend bosnische Muslime erschossen wurden. So wurden allein in zwei Lagerhallen in dem Dorf Kravica mehr als 1000 muslimische Gefangene erschossen, und weitere 1000 in der Nähe einer Schule in dem Ort Orahovac.

          Tausende unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten

          Als Präsident der bosnischen Serbenrepublik und damit Oberbefehlshaber ihrer Streitkräfte habe Karadžić gewusst oder hätte Grund gehabt zu wissen, dass ihm unterstehende Truppenteile solche Verbrechen begangen haben, heißt es in der Anklageschrift. Er habe aber nichts dagegen unternommen und Täter auch nachher nicht bestraft. Zur Last gelegt wurde Karadžić auch die Existenz von Lagern und Gefängnissen, in denen tausende bosnische Muslime und Kroaten unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten wurden. Die Lebensbedingungen in diesen Lagern seien auf die „physische Zerstörung“ ihrer Insassen ausgerichtet gewesen. Als Beispiele werden unter anderem das Lager Manjaca bei Banja Luka, die besonders berüchtigten Lager Omarska, Keraterm and Trnopolje bei Prijedor sowie das Gefängnis in Foca genannt. Beschuldigt wurde Karadžić zudem der willkürlichen Zerstörung von Kulturdenkmälern und Moscheen in Bosnien.

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