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Separatisten in der Ukraine : Geschwächt und doch gefährlich

Die Ruhe vor dem Sturm? Ein prorussischer Kämpfer in Donezk Bild: AP

Die prorussischen Kämpfer sind aus Slawjansk vertrieben, jetzt verbarrikadieren sie sich in Donezk. Die Lage in der Region ist gespannt. Sollen die ukrainischen Truppen weiter vorstoßen? Regierungsbeamte warnen vor einer „Katastrophe“.

          Slawjansk, die am Wochenende gefallene Hochburg der prorussischen Separatisten, hat am Sonntag und Montag nach drei Monaten der Belagerung erste Schritte zur Normalisierung getan. Bewohner der Stadt berichteten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung telefonisch, an mehreren Punkten verteile die Regierung Essen an die Menschen, die in den letzten Wochen nicht geflohen, sondern in der Stadt geblieben seien. Der Pfarrer der örtlichen Pfingstlergemeinde, Petro Dudnik, berichtete, viele seiner Mitbürger, die vor den Kämpfen sowie vor den Strapazen eines Lebens ohne Strom, Wasser, Gas und Telefon geflohen seien, kämen zurück nach Hause. Die Straßen in die Stadt seien verstopft von Heimkehrern. In der Zeit der Kämpfe war die Bevölkerung von Slawjansk nach Angaben der Behörden von 116.000 auf etwa 45.000 zurückgegangen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Trotz der Erleichterung über das Ende der Kämpfe blieb die Situation im Donbass allerdings gespannt. Die Regierung bestätigte einerseits, dass außer Slawjansk noch weitere Ortschaften zurückgewonnen worden seien, unter ihnen Artjomowsk und Druschowka. Verteidigungsminister Valerij Heletej verkündete stolz, beim Abzug aus Slawjansk hätten die Einheiten des Rebellenführers Igor Girkin (Kampfname: „Strelkow“) den „Kern“ ihrer Kämpfer und viele schwere Kampffahrzeuge verloren.

          Andererseits schien es, als herrsche in der ukrainischen Führung Unklarheit darüber, ob nach den Erfolgen der vergangenen Tage die „Antiterroristische Aktion“ gegen die Separatisten weiter mit militärischen Mitteln vorangetrieben werden sollte. Der stellvertretende Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, Michailo Kowal, schien so ein „hartes“ Vorgehen zu befürworten, als er am Sonntag verlangte, nach der Einnahme von Slawjansk nun auch die viel größeren Rebellenhochburgen Donezk und Luhansk durch eine „komplette“ Blockade zur Aufgabe zu zwingen.

          Achmetow wirbt für den Frieden

          Die Gegenmeinung wurde in den Regionalbehörden des Gebiets Donezk vertreten, wo hochgestellte Regierungsbeamte der F.A.Z. sagten, eine Fortsetzung des militärischen Vorstoßes werde zu einer „Katastrophe“ führen. Die „Terroristen“, die seit Monaten die Millionenstadt Donezk beherrschten, seien durch die aus Slawjansk entkommenen Kämpfer verstärkt worden. Ein Kampf um ein Ballungsgebiet dieser Größe werde unabsehbare Folgen haben.

          Am Wochenende setzte sich der mächtigste Oligarch des Donbass, der Multimilliardär Rinat Achmetow, an die Spitze dieser „Friedenspartei“. In einem Interview mit seinem eigenen Fernsehsender „Ukraina“ warnte er: „Donezk darf nicht zerbombt werden! Das Donbass darf nicht zerbombt werden!“ Die jetzige Krise könne nur durch Verhandlungen gelöst werden. Achmetows Rolle ist zuletzt umstritten gewesen. Öffentlich tritt er für die Einheit der Ukraine ein, aber seine Kritiker glauben, er unterstütze einen Teil der Separatisten, um die Regierung in Kiew unter Druck setzen zu können. Er selbst hat das mehrmals bestritten.

          Die Rebellen signalisierten unterdessen Kampfbereitschaft. In Donezk, wo sie unumschränkt herrschen, hingen Großplakate mit der Losung „Russischer Krieger, rette uns!“. Auf anderen Plakatwänden erschien das Gesicht des Kommandeurs „Strelkow“ in der Aufmachung des populären Films „300“, in dem es um den Opfertod des Spartaners Leonidas und seiner Krieger im Kampf der Griechen gegen die Perser geht. „Strelkow“ selbst sagte in einem Interview, anders als von der Regierung dargestellt sei es ihm beim Abzug aus Slawjansk gelungen „90 Prozent“ seiner Kämpfer und ihrer Ausrüstung nach Donezk durchzubringen. Der Kampf gehe weiter. „Donezk ist im Augenblick relativ stark, und es ist viel leichter zu verteidigen, als das kleine Slawjansk“.

          Nervosität aber kein Panik

          Unter den Bewohnern der besetzten Grubenmetropole war am Montag zwar Nervosität, aber keine Panik zu spüren. Gespräche kreisten um die Frage, ob es ratsam sei, die Stadt zu verlassen. Am Bahnhof herrschte am Montag zwar starker Andrang an den Zügen aus der Stadt hinaus, und die Schlangen an den Kassen waren länger als üblich. Andererseits war es am Vormittag aber noch möglich, für denselben Tag Fahrkarten zu kaufen.

          Im Slawjansk verteilte die Regierung unterdessen Brot, Zucker, Speiseöl, Kartoffeln und andere Lebensmittel aus Militärlastwagen. Innenminister Arsen Awakow versprach, bis Mittwoch werde die Strom- und Wasserversorgung wieder hergestellt. Die Polizei, die in den Wochen der Rebellenherrschaft verschwunden war, werde auf die Straßen zurückkehren. Der Sicherheits- und Verteidigungsrat ließ am Montag wissen, mittlerweile seien an den Häusern, Brücken und Straßen der Stadt 700 Minen entschärft worden, und die Finanzverwaltung verkündete, sehr bald würden die Renten und Sozialleistungen wieder ausgezahlt.

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