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Senzow-Schwester im Interview : „Sein Zustand ist instabil“

  • -Aktualisiert am

Fordert Freiheit: Natalja Kaplan, Schwester von Oleg Senzow, vor einem Bild ihres Bruders in Kiew im Juli Bild: AFP

Der ukrainische Regisseur Oleg Senzow ist seit Wochen in der Haft in Russland im Hungerstreik. Im Gespräch mit FAZ.NET sagt seine Schwester, sie wisse nicht, wie lange er noch durchhält.

          Am 13. Juli hat ihre Mutter Wladimir Putin um Amnestie für Ihren Bruder gebeten. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Petition für eine Begnadigung Erfolg hat?

          Es ist schwierig, die Chancen einzuschätzen, aber im vierten Jahr seiner Haft habe ich immer noch Hoffnung. Die Petition wurde von einer Gruppe solidarischer Filmschaffender initiiert. Wir haben uns auf der Krim getroffen, unterschrieben und die Liste mit den Unterschriften an Putin geschickt.

          Ihr Bruder hat viele Sympathisanten auf der ganzen Welt. Stärkt ihn die Unterstützung aus dem Ausland?

          Oleg weiß, dass Aufmerksamkeit das einzige Mittel für ihn und seine ukrainischen Mitgefangenen ist, freizukommen. Aber er fühlt sich unwohl als Galionsfigur. Seine Mitgefangenen bekommen seiner Meinung nach zu wenig Anteilnahme. Der Hungerstreik war eine Möglichkeit, den Blick auch auf die anderen zu richten.

          In welchem Zustand befindet sich Ihr Bruder?

          Sein Zustand ist instabil, manchmal fühlt er sich gesund, oft geht es ihm aber sehr schlecht und er kann nur im Bett liegen. Derzeit trinkt er nur warmes Wasser. Außerdem wird er durch Vitamine und Glukose am Leben erhalten. Ihm ist bewusst, dass er ohne den Tropf tot wäre. Zwangsernährungsmaßnahmen wie eine Magensonde werden bislang noch nicht angewendet, aber Oleg schließt nicht aus, dass es dazu kommen wird. Niemand kann sagen, wann sein Körper wieder zusammenbricht. Oleg wurde schon einmal auf die Intensivstation verlegt. Sie haben versucht, ihm Nahrung einzuflößen. Aber es hat nicht funktioniert, weil er sich gewehrt hat.

          Wie sind die Haftbedingungen?

          Im Moment ist er in der Krankenstation des Gefängnisses untergebracht. Dort hat er eine Einzelzelle. Ein Arzt ist 24 Stunden am Tag in seiner Nähe. Oleg beklagt sich nicht über die Bedingungen seiner Haft. Allerdings standen wir während meines Besuches durchgehend unter Beobachtung.

          Senzows Schwester Natalia Kaplan (Mitte) mit Evgeny Chernikov und Olga Afanasyev, Mutter des ehemaligen politischen Gefangenen Gennady Afanasyev.

          Wann werden Sie sich das nächste Mal mit Ihrem Bruder treffen?

          Der nächste Besuchstermin ist erst in drei Monaten. Ich weiß aber noch nicht, ob Oleg bereit sein wird, sich wieder mit mir zu treffen und in welchem Zustand er sich befinden wird.

          Gibt es Ihrer Meinung nach einen Politiker, der bei Putin eine Freilassung Ihres Bruders und der anderen ukrainischen Gefangenen erreichen könnte?

          Wenn ich wüsste, wer die Macht dazu hat, hätte ich ihn schon längst um Hilfe gebeten. Vielleicht Angela Merkel, vielleicht Emmanuel Macron, vielleicht sogar der türkische Präsident Erdogan. Vielleicht ist es jemand, von dem wir nicht einmal annehmen würden, dass er Putin beeinflussen könnte.

          Wenn der Hungerstreik 100 Tage oder länger dauert, kann er von der russischen und internationalen Öffentlichkeit als nicht authentisch eingestuft werden.

          Die Behandlung erlaubt es Oleg nicht zu sterben – das ist der Grund für sein langes Durchhalten. Jeder hat eine andere Toleranzgrenze, aber ein Hungerstreik am Tropf, unter ärztlicher Kontrolle und mit Vitaminpräparaten, kann bis zu 90 Tagen durchgehalten werden. Der eine kann 100 Tage hungern, ein anderer gibt nach einer Woche auf. Oleg hofft, den Juli noch durchzuhalten. Aber niemand weiß, wie sich der Körper nach einem so langen Hungerstreik verhalten wird. Außerdem besteht eine permanente Gefahr. Das Tückische an einem Hungerstreik ist, dass man auch sterben kann, wenn man wieder zu Essen beginnt.

          Die russischen Behörden behandeln Ihren Bruder als russischen Staatsbürger. Wie beurteilt er seine Staatszugehörigkeit?

          Oleg wurde vom (russischen Inlandsgeheimdienst; d. Red.) FSB als russischer Staatsbürger eingestuft, obwohl er nie einer werden wollte. Aber die Regierung in Moskau sieht ihn so, weil ein Gesetz verabschiedet wurde, das Krim-Ukrainer automatisch zu russischen Staatsbürgern macht. Oleg hat sich während einer Gerichtsverhandlung klar dazu geäußert: „Ich bin kein Leibeigener, der mit dem Land übertragen wird.“ Dieses Einbürgerungsgesetz ist aus seiner Sicht nicht rechtskräftig.

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