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Selenskyj reagiert auf Lawrow : „Was Russland hier macht, das ist Nazismus“

n diesem Bild aus einem Video des Pressebüros des ukrainischen Präsidenten spricht Wolodymyr Selenskyj am 26. April 2022 in Kiew. Bild: dpa

Die Ukraine und Israel zeigen sich schockiert über die Äußerungen des russischen Außenministers Lawrow über „jüdische Antisemiten“. Kiew vergleicht das russische Vorgehen mit dem Holocaust.

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          Nach den Aussagen des russischen Außenministers Sergej Lawrow über „jüdische Antisemiten“ und über „Nazismus“ in der politischen Führung der Ukraine, hat sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu Wort gemeldet. Lawrow hatte in einem Fernsehinterview mit Blick auf die Ukraine gesagt: „Das kluge jüdische Volk sagt, dass die eifrigsten Antisemiten in der Regel Juden sind.“ Auch Hitler habe jüdische Wurzeln gehabt.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Selenskyj, der selbst jüdischer Herkunft ist, sagte dazu: „Mir fehlen die Worte.“ Er werte die Aussagen Lawrows, eines „großen Kenners des Hitlerismus“, als Beispiel für den Niedergang der Reputation Russlands. Die russische Führung habe „alle Lektionen des Zweiten Weltkriegs vergessen“, sagte Selenskyj in der Nacht zum Dienstag in einer Videobotschaft. „Oder vielleicht haben sie diese Lektionen nie gelernt.“

          Lawrows Worte bedeuteten, „dass der Spitzendiplomat Russlands die Schuld an den Verbrechen der Nazis auf das jüdische Volk abwälzt“. Selenskyj erinnerte daran, dass russische Angriffe die Holocaust-Gedenkstätten in Kiew und bei Charkiw getroffen hatten. Dass jetzt Ukrainer aus dem russisch besetzten Mariupol in so genannte Filtrationslager gesteckt und andere „als kostenlose Arbeitskraft deportiert“ würden, sei „kein Zufall“, so der Präsident.

          „Klares Manifest der Verlogenheit und Gemeinheit“

          Der Kiewer Oberrabbiner Mosche Asman nannte Lawrows Aussagen im ukrainischen Fernsehen „sehr gefährlich“. Viktor Pintschuk, einer der größten Unternehmer des Landes, nannte die Worte Lawrows „ein klares Manifest der Verlogenheit und Gemeinheit“. Pintschuk, der offenbar aus dem Ausland nach Kiew zurückgekehrt ist, veröffentlichte dazu ein Bild von sich vor dem Haus in der Kiewer Innenstadt, „von dem mein jüdischer Großvater 1941 loszog, um (als Rotarmist) gegen Hitler zu kämpfen“.

          Damals hätten die Nazis einen Genozid an den Juden verübt; heute begingen die „Raschisten“ einen Genozid an den Ukrainern. „Raschisten“ ist eine Wortschöpfung, die an das englische Wort „Russia“ (Russland) anknüpft.

          Die These, in der Ukraine herrsche ein „nazistisches Regime“, soll die Russen davon überzeugen, nicht gegen das ukrainische „Brudervolk“, sondern gegen das absolute Böse zu kämpfen („Entnazifizierung“). Moskau wird entgegengehalten, dass rechtsextreme Parteien in der Ukraine seit 1991 nur eine marginale Rolle spielen und dass es etliche Politiker mit jüdischen Wurzeln gibt. Unter ihnen ist auch der bis 2019 amtierende Regierungschef Wolodymyr Hrojsman. Selenskyj nahm in dem Interview auch Kämpfer des nationalistischen Freiwilligenbataillons „Asow“ in Schutz.

          Sie seien früher gegenüber Russland „sehr radikal“ gewesen. Aber seit der Eingliederung der Einheit in die offizielle Nationalgarde „haben diejenigen, die Politik machen wollten, die Einheit verlassen und machen jetzt Politik“. Kiew nehme „radikale Aufrufe sehr ernst, und wir stoppen solche Dinge. Aber was Russland hier macht, das ist Nazismus.“

          Israels Außenminister Jair Lapid bezeichnete Lawrows Worte am Dienstag als „unverzeihlich und skandalös“ und forderte eine Entschuldigung. „Die Juden haben nicht selbst während des Holocausts gemordet“. Doch Entschuldigungen sind in Moskau nicht üblich. Am Dienstag warf das russische Außenministerium Lapid eine „antirussische Erklärung“ vor und einen „Kurs der Unterstützung des neonazistischen Regime in Kiew“.

          Der Beitrag „Über den Antisemitismus“ hebt hervor, es gebe „tragische Beispiele der Zusammenarbeit von Juden mit den Nazis“. Verwiesen wird auf die von den Deutschen in den von ihnen besetzten Gebieten zwangsweise errichteten Judenräte. Im Zweiten Weltkrieg, so das Ministerium weiter, hätten „einige Juden unter Zwang an Verbrechen mitgewirkt“, aber Selenskyj „tut das völlig bewusst und völlig freiwillig“.

          Während der russischen Offensive sind neben Tausenden Zivilisten, soweit bekannt, auch zwei Holocaust-Überlebende ums Leben gekommen: Im März wurde der 96 Jahre alte Boris Romantschenko beim Beschuss seiner Charkiwer Wohnung getötet, im April starb die die 91 Jahre alte Wanda Objedkowa in einem Keller in Mariupol, in dem sie vor den russischen Belagerern Schutz gesucht hatte. Russland hatte in der Vergangenheit eine recht gute Beziehung zu Israel gepflegt; der frühere Ministerpräsident Benjamin Netanjahu war oft in Moskau zu Gast.

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