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Selbstmordattentat in Nigeria : Westliche Bildung verboten

Bild: F.A.Z.

Die islamistische Gruppe Boko Haram bezichtigte sich des Anschlags auf die UN-Vertretung in Nigerias Hauptstadt Abuja. Sie hat Kontakt zu den somalischen Shabaab und stellt mit ihren Terrorattacken die Regierung Goodluck Jonathans bloß.

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          Am vergangenen Freitag steuerte ein Selbstmordattentäter sein mit Sprengstoff gefülltes Auto in den Empfangsbereich der offenbar nur nachlässig gesicherten Zentrale der Vereinten Nationen (UN) in Nigerias Hauptstadt Abuja. 23 Menschen wurden durch die Explosion getötet, davon etwa die Hälfte Mitarbeiter der UN. Für die Organisation war es einer der schlimmsten Terroranschläge ihrer Geschichte. Für die islamistische Gruppe Boko Haram, die mitteilte, sie habe die Tat begangen, war es der erste gegen eine internationale Organisation gerichtete Anschlag. Seit zwei Jahren verübt die Gruppe Terrorattacken gegen die Regierung Goodluck Jonathans und stellt deren Hilflosigkeit bloß; nun scheint sich Boko Haram auch als internationale Terrorgruppe zu verstehen. Sie kündigte weitere Attentate an, auch gegen die Vereinten Nationen.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          In den vergangenen Monaten hat Boko Haram ihre Anschlagsziele vom Gründungsort Maiduguri im Nordosten Nigerias immer weiter ausgedehnt. Die Gruppe wendet dabei zunehmend Methoden des internationalen Terrors an. Im Juni verübte sie in Abuja einen Anschlag mit einer offenbar ferngezündeten Autobombe auf das Polizeihauptquartier des Landes. Die Gruppe kämpft für eine strenge Anwendung der Scharia, des islamischen Rechts, in allen Landesteilen und wendet sich gegen alles, was westlich ist.

          So auch gegen die politische Elite des Landes und auch gegen jene Muslime, die im Norden Nigerias regieren. Denn dass seit zehn Jahren in nunmehr einem Dutzend der 36 Bundesstaaten Nigerias die Scharia gilt, hat an den korrupten Zuständen des ineffizienten Staatswesens wenig geändert.

          Zeichen der Verhandlungsbereitschaft

          Vor einer Internationale des Terrors in Westafrika hatte nur gut eine Woche vor dem Anschlag der Kommandeur des Afrika-Regionalkommandos der amerikanischen Streitkräfte gewarnt. General Carter Ham sagte bei seinem Besuch in Abuja, dass Boko Haram zunehmend Verbindungen mit Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqmi) sowie mit den Al Shabaab in Somalia knüpfe. So sei ein in derzeit New York angeklagtes Shabaab-Mitglied zuvor schon einmal von der nigerianischen Geheimpolizei verhaftet worden. Grundsätzlichere Verbindungen zu Aqmi oder den Shabaab, die ihre Stützpunkte Hunderte Kilometer von Nigeria entfernt haben, wies er allerdings nicht nach.

          An den Ermittlungen nach dem Abuja-Anschlag beteiligt sich mittlerweile auch das amerikanische FBI.

          Ein Selbstmordattentäter steuerte sein mit Sprengstoff gefülltes Auto in den Empfangsbereich

          Boko Haram heißt auf Hausa, sinngemäß übersetzt, „westliche Bildung ist verboten“. Die Gruppe wurde 2002 von dem muslimischen Prediger Muhammad Yusuf in Maiduguri gegründet, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaats Borno. Im Sommer 2009 zettelte Boko Haram einen Volksaufstand an. Dass im Zuge der Unruhen etwa 800 Menschen ums Leben kamen, lag möglicherweise auch an der harten Reaktion der nigerianischen Sicherheitskräfte. Dabei töteten die Sicherheitskräfte auch Muhammad Yusuf, höchstwahrscheinlich in Polizeigewahrsam. Verantwortliche Polizeioffiziere stehen dafür derzeit vor Gericht. Möglicherweise ist dies als Zeichen der Verhandlungsbereitschaft der Regierung zu verstehen.

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