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Sekte Colonia Dignidad : Der Folterkeller hinter den sieben Bergen

  • -Aktualisiert am

Früher „Colonia Dignidad“, heute heißt die Siedlung in Chile „Villa Baviera“ und ist eine Touristenattraktion. Bild: dpa

Bei Gaucks Besuch in Chile geht es auch um die „Colonia Dignidad“. Freigegebene Akten zeigen, wie deutsche Diplomaten jahrelang ihre schützende Hand über die Sekte hielten.

          Am 17. November 1987 schreibt Dieter Haller, Leiter der Rechts- und Konsularabteilung der deutschen Botschaft in Santiago de Chile, an das Auswärtige Amt in Bonn. Thema seines Drahtberichts sind Dokumente von Hugo Baar und des Ehepaars Georg und Lotti Irene Packmor, denen im Dezember 1984 beziehungsweise im Februar 1985 die Flucht aus der deutschen Sektensiedlung „Colonia Dignidad“ im Süden Chiles gelungen war. „Diese Aufzeichnungen“, so Haller in seinem geheimen Drahtbericht an den Vortragenden Legationsrat Günter Wasserberg im Bonner Amt, „erhellen die Rolle von Paul Schäfer, der die Siedlungsgemeinschaft in brutaler und gleichzeitig sublimer Weise führt und kontrolliert und dabei ein inneres Regime errichtet hat, das in vieler Hinsicht an ein Arbeits- und Konzentrationslager erinnert.“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In einem weiteren Bericht Hallers von Mitte 1987, verfasst unmittelbar nach einem Besuch der rund 350 Kilometer südlich von Santiago gelegenen Kolonie, heißt es: „So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein.“

          Haller kam 1984 im Alter von 30 Jahren nach Santiago, es war sein erster Auslandsposten. Wissenschaftler und Journalisten können Hallers Berichte und Tausende weitere Dokumente im Zusammenhang mit der „Colonia Dignidad“ aus den achtziger und neunziger Jahren seit Ende April im politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin einsehen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat verfügt, dass die Sperrfrist für die Akten um zehn Jahre verkürzt wird. Gewöhnlich beträgt diese 30 Jahre, nun können Dokumente bis Mitte der neunziger Jahre im Zusammenhang mit den verbrecherischen Vorgängen in der „Colonia Dignidad“ eingesehen werden.

          Die unrühmliche Rolle der deutschen Diplomaten

          Die Orientierung in dem jetzt zugänglichen Aktenberg ist nicht leicht. Mehr als 400 dicke Bände füllen die Korrespondenzen und Dokumente. Es sind Drucksachen aus dem Zeitalter vor der Digitalisierung: Drahtberichte auf vergilbtem Papier, Durchschläge von maschinenschriftlichen Aufzeichnungen auf dünnem Seidenpapier, dazwischen Kopien von Artikeln aus deutschen und chilenischen Zeitungen und Zeitschriften. Kein Register, kein Mikrofiche hilft beim Zugang.

          Immerhin erkennt man rasch, dass es sich beim Austausch des jungen Diplomaten Dieter Haller – heute Leiter der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amts – mit seinen Kollegen und Vorgesetzten in Bonn um Schlüsseldokumente zur Aufklärung der unrühmlichen Rolle handelt, die deutsche Diplomaten beim Umgang mit der deutschen Sektenkolonie auf chilenischem Boden spielten.

          Bestenfalls weggeschaut, mit Sicherheit zu wenig getan

          Dieses Verhalten hatte Steinmeier selbst bei einer Veranstaltung zur „Colonia Dignidad“ im Weltsaal des Auswärtigen Amtes im April angeprangert. „Der Umgang mit der ,Colonia Dignidad‘ ist kein Ruhmesblatt, auch nicht in der Geschichte des Auswärtigen Amtes“, sagte Steinmeier. „Von den sechziger bis in die achtziger Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan.“ Den Schutz verweigerten die Diplomaten selbst dann noch, wenn sich geflohene Opfer des Terrorregimes von Paul Schäfer hilfesuchend an die Botschaft in Santiago wandten. Und als der Sektenführer, der seit 1997 untergetaucht war, 2005 in Argentinien festgenommen wurde, habe „das Amt die notwendige Entschlossenheit und Transparenz vermissen lassen, seine Verantwortung zu identifizieren und daraus Lehren zu ziehen“, sagte Steinmeier.

          Schäfer wurde 2005 nach seiner Überstellung aus Argentinien von einem chilenischen Gericht wegen Kindesmissbrauchs und schwerer Menschenrechtsverletzungen zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb 2010 in Haft.

          Viel spricht dafür, dass der Spielfilm „Colonia Dignidad“ des Münchner Regisseurs Florian Gallenberger, der im Februar in die deutschen Kinos kam, ein maßgeblicher Anstoß für die Transparenzoffensive des Auswärtigen Amtes war. Der Film kommt zwar nicht ohne eine fiktive Liebesgeschichte aus, stellt die jahrelange faktische Komplizenschaft deutscher Diplomaten in Santiago mit der Sektenführung um Schäfer aber detailgenau dar. Als das vielleicht unrühmlichste Beispiel dafür muss Erich Strätling (1918 bis 2003) gelten, der von 1976 bis 1979 deutscher Botschafter in Chile war.

          Michael Nyqvist und Emma Watson im Film „Colonia Dignidad“

          Es waren die Anfangsjahre der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet von 1973 bis 1990, als der Heeresgeneral und sein Geheimdienst DINI besonders brutal gegen Oppositionelle und vermeintliche Sozialisten vorgingen. Die UN-Menschenrechtskommission legte 1976 einen Bericht über Pinochets Folterzentren vor, in dem auch die „Colonia Dignidad“ erwähnt wurde. Vom Auswärtigen Amt erging an Botschafter Strätling daraufhin die Weisung, er möge sich selbst ein Bild von den Zuständen in der Kolonie machen.

          So schön wie „hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen“

          Strätlings Drahtbericht nach dem Besuch ist eine schwärmerische Ehrenbezeugung für Schäfer, zu dem der Diplomat schon zuvor freundschaftliche Beziehungen gepflegt hatte. Man habe ihm in der Kolonie einen „herrlichen Empfang, geradezu einen Staatsempfang“ bereitet, schrieb Strätling. Chor und Orchester der Siedlung intonierten zur Begrüßung die Nationalhymne. Der Botschafter fühlte sich nach eigener Auskunft „wie im Märchen bei Schneewittchen“, in der Kolonie sei es so schön wie „hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen“. Misshandlungen, gar Folterkeller gebe es nicht, dafür könne er bürgen, schrieb Strätling, vielmehr sei „alles ordentlich und sauber – bis zu den Schweineställen“.

          Strätlings Berichte aus den siebziger Jahren sind seit längerem im Archiv des Auswärtigen Amtes zugänglich. Aus den jetzt freigegebenen Akten, zumal aus den Berichten Dieter Hallers geht hervor, dass deutsche Diplomaten von der Gründung der Sekte 1961 bis in die achtziger Jahre ein ähnliches Verhalten gegenüber Schäfer und seiner Kolonie zeigten: faktenresistentes Wohlwollen. Wenn es einem Sektenmitglied doch einmal gelungen war, aus der hermetisch abgeriegelten Kolonie zu fliehen, von schlimmen Misshandlungen berichtete und um Hilfe bat, ließ es die Botschaft zu, dass Schäfers Leute die Abtrünnigen so lange beschwatzten, bis diese sich zur Rückkehr bereit zeigten.

          Deutsche Behörden hatten Schäfer zunächst auf dem Radar

          Bei der Durchsicht der internen Akten der Botschaft in Santiago von 1966 an stellt Haller gemäß Drahtbericht vom 25. November 1987 fest: „Das Verwunderliche an dem ganzen Komplex ist, dass damals wie heute in der Tat im Grunde genommen die gleichen Vorwürfe erhoben wurden.“ Und dass diesen Vorwürfen nicht nachgegangen wurde.

          Die Schule der Villa Baviera, fotografiert im Juli 2016. Der Stacheldrahtzaun um die Siedlung steht noch.

          Paul Schäfer, 1921 in Bonn geboren, hatte als Sanitäter am Zweiten Weltkrieg teilgenommen und wanderte 1961 mit den Anhängern seiner Baptistensekte „Private Sociale Mission“ von Siegburg nach Chile aus. Schon die deutschen Behörden waren Vorwürfen gegen den Laienprediger wegen Kindesmissbrauchs nachgegangen. In Schäfers chilenischer „Colonia Dignidad“, einem von Stacheldrahtzaun und Mauern umgebenen Areal von 15.000 Hektar, lebten bis zu 350 Sektenmitglieder völlig abgeschirmt von der Außenwelt.

          Enge Beziehungen zur Militärführung Pinochets

          Schäfer riss Familien auseinander, bestimmte über alle Lebensbereiche, ließ sich Jungen und Jugendliche zuführen, die er missbrauchte. Rentenzahlungen aus Deutschland an seine Sektenmitglieder behielt er für sich und seine Führungsclique. Zur Militärführung unter General Pinochet unterhielt er enge Beziehungen, richtete für den Geheimdienst ein Folterzentrum in der Kolonie ein, half der Junta beim „Verschwindenlassen“ von Oppositionellen und beschaffte Pinochet illegal Waffen und Munition, nachdem die Vereinigten Staaten 1976 ein Waffenembargo verhängt hatten.

          Die Kinder der Colonia Dignidad

          1991 wurde die Kolonie in „Villa Baviera“ (Bayerisches Dorf) umbenannt. Heute betreiben die verbliebenen rund 100 Menschen der einstigen Sekte in der Kolonie eine Art bayerischen Vergnügungspark einschließlich Oktoberfest. Der Landwirtschaftsbetrieb mit Ackerbau und Hühnerfarm blieb erhalten, auch eine Bäckerei gibt es.

          Beim zweitägigen Staatsbesuch von Präsident Joachim Gauck in Santiago ist das Thema „Colonia Dignidad“ ein schweres politisches Gepäckstück. Regisseur Gallenberger gehört zur deutschen Delegation, am Dienstag wurde sein Film im Kulturzentrum des Präsidentenpalasts in Chile uraufgeführt. Auch nach der Teilöffnung des Archivs des Auswärtigen Amtes steht die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der deutsch-chilenischen Beziehungen erst am Anfang. Wissenschaftler fordern die Öffnung auch des Archivs des Bundesnachrichtendienstes (BND), denn der BND-Mitarbeiter und Waffenhändler Gerhard Mertins unterhielt enge Beziehungen zu Schäfer.

          Opfer warten bis heute auf Wiedergutmachung

          Der deutsch-chilenische Rechtsanwalt Winfried Hempel, der selbst in der „Colonia“ aufwuchs und dort gelitten hat, will im Namen von 120 Opfern der Kolonie Sammelklage gegen den deutschen und den chilenischen Staat einreichen und umgerechnet rund 135 Millionen Euro Entschädigung erstreiten.

          Der Arzt Hartmut Hopp, Schäfers faktischer Stellvertreter, lebt seit 2011 unbehelligt in Krefeld, obwohl er in Chile wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Deutschland liefert keine Staatsbürger nach Chile aus, die Justizbehörden prüfen immerhin, ob das Urteil gegen Hopp in einem deutschen Gefängnis vollstreckt werden kann. Weitere Helfershelfer Schäfers sind auf freiem Fuß. Die Opfer seiner „Kolonie der Würde“, deren wahres Gesicht deutsche Diplomaten viel zu lange nicht erkennen wollten, warten bis heute auf Wiedergutmachung.

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