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Sekte Boko Haram : Die Karriere der nigerianischen Koranschüler

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Eine ernste Bedrohung: Die Kirche St. Theresa in Madalla nach dem Boko-Haram-Anschlag an Weihnachten Bild: REUTERS

Die Sekte Boko Haram ist zu einer echten Bedrohung der staatlichen Ordnung in Nigeria geworden. Und sie kann aus einem großen Pool aufgehetzter Muslime schöpfen - mit Hilfe aus Pakistan.

          Der Terror in Nigeria nimmt kein Ende. Am vergangenen Sonntag hatte die radikale islamistische Sekte Boko Haram den Christen im muslimischen Norden ein Ultimatum von drei Tagen gestellt: Sie sollten den Norden verlassen, anderenfalls drohe ihnen die „Rache Allahs“. Seither sind die Sicherheitskräfte in den nördlichen Bundesstaaten in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Offiziell zwar gibt sich die Polizei gelassen, doch die Angst vor weiteren blutigen Anschlägen wie denen an Weihnachten, bei denen 49 Menschen getötet wurden, sitzt tief.

          Nigeria hat den Ausnahmezustand in etlichen nördlichen Bundesstaaten verhängt und die Grenzen nach Niger und nach Kamerun schließen lassen, um die Terroristen an einer Flucht ins Ausland zu hindern. Die Behörden im Nachbarland Niger wiederum haben die Nationalgarde in die Stadt Zinder geschickt, die an der Grenze zu Nigeria liegt und als die Hochburg der Extremisten in Niger gilt.

          „Westliche Bildung verboten“

          Boko Haram, was so viel heißt wie „westliche Bildung ist verboten“, hat sich von einer irrlichternden Sekte zu einer echten Bedrohung der staatlichen Ordnung nicht nur in Nigeria, sondern in der ganzen Region entwickelt. Die Gruppe, über die kaum verlässliche Informationen vorliegen, ist inzwischen so gut organisiert, dass die Nachrichtendienste des Landes sie bislang nicht infiltrieren konnten. Es gibt weder belastbare Angaben über die Zahl der Mitglieder noch über ihre Struktur.

          Fest steht nur, dass die Anhänger der radikalen Islamisten nicht nur in Nigeria zu finden sind, sondern auch in den Nachbarländern Kamerun und Niger und dass sich der Einflussbereich der Sekte mit den alten Grenzen des Kalifats von Sokoto deckt, dessen staatliche Strukturen nach dem Einmarsch der britischen Kolonialtruppen im Jahr 1903 aufhörten zu existieren. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass das Oberhaupt aller nigerianischen Muslime, der Emir von Sokoto, sich bis heute nicht deutlich gegen Boko Haram ausgesprochen hat.

          System der allumfassenden Korruption

          Hinzu kommt, das Usama Bin Ladin im Norden Nigerias als Held verehrt wird. Es ist Mode geworden, einen Jungen nach dem toten Al-Qaida-Führer zu benennen, und T-Shirts mit seinem Konterfei werden überall auf den Straßen zum Kauf angeboten.

          Die Radikalisierung im Norden Nigerias hat unmittelbar mit dem Zustand des Landes zu tun, mit der Korruption und der Unfähigkeit des Staates, seinen Bürgern adäquate Lebensbedingungen zu sichern. Die Gruppe Boko Haram war 2002 von dem Prediger Mohammed Yusuf gegründet worden, der 2009 im Polizeigewahrsam getötet wurde. Zunächst war sie nichts anderes als eine Koranschule, die den Armen ein Mindestmaß an Bildung sichern wollte - also denjenigen, die kein Schulgeld für die staatlichen Einrichtungen zahlen können und folglich auch kein Schmiergeld an die Lehrer, um die Versetzung ihrer Kinder zu sichern. Dieses System der allumfassenden Korruption hat in den Augen der Muslime direkt mit der aus dem Westen importierten Verwaltungsstruktur zu tun und damit mit dem Christentum.

          Arm trotz Reichtum

          50 Jahre nach der Unabhängigkeit von Großbritannien ist Nigeria immer noch bitterarm, obwohl das Land über immense Reichtümer verfügt. Und schuld daran ist aus Sicht der Muslime ein staatliches System, das auf Vorteilnahme und Vetternwirtschaft beruht. Boko Haram predigt eine Form des Islams, die es zur Sünde erklärt, sich in irgendeiner Weise sozial oder politisch zu betätigen, sollte dieses Engagement auch nur am Rande mit westlicher Kultur zu tun haben. Aus dem großen Pool der aufgehetzten Muslime rekrutierte Yusuf dann systematisch Freiwillige für den Kampf gegen das Establishment.

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