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Sechs-Tage-Krieg : Ein Pyrrhus-Sieg vor vierzig Jahren

  • -Aktualisiert am

Jerusalem 1967: Israelische Soldaten salutieren vor der Klagemauer Bild: REUTERS

Die Eroberung von Ost-Jerusalem im Sechs-Tage-Krieg war zweifelsohne ein Triumph für das junge Israel. Doch nach nunmehr 40 Jahren erscheint sie als Pyrrhus-Sieg. Muslime in aller Welt haben sie als unverzeihliche Demütigung erlebt. Ein Kommentar von Wolfgang Günter Lerch.

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          Man erinnert sich noch der Bilder jener Tage: Vor genau vierzig Jahren sah man General Mosche Dajan, umringt von einem Trupp israelischer Soldaten, vor der „Klagemauer“ in Ost-Jerusalem. Sogar der ganz und gar weltlich eingestellte Dajan konnte einen Anflug religiöser Rührung nicht unterdrücken, wusste er doch, dass damals alle Juden das Vordringen seiner Truppen zu diesem letzten Rest des herodianischen Tempels, der bis zu jenem siegreichen Tag zum Königreich Jordanien gehört hatte, geradezu als Wunder preisen würden.

          Die Sehnsüchte aller Zionisten, der religiösen wie der weltlichen, schienen erfüllt zu sein. Soldaten beteten im Scheinwerferlicht der Kameras an der Mauer. Israel sah sich plötzlich imstande, das ihm heilige Jerusalem zu vereinigen - zu seiner „ewigen Hauptstadt“, wie es bis heute pathetisch heißt.

          „Schlagende“ militärische Überlegenheit

          Die Eroberung der „arabischen Altstadt“ war Bestandteil eines Krieges, der unter den Namen „Sechs-Tage-Krieg“ oder „Juni-Krieg“ in die Geschichte eingegangen ist. Der jüdische Staat antwortete auf die Schließung der Straße von Tiran und andere gefährliche Provokationen durch den ägyptischen Präsidenten Nasser. Nicht nur in Israel, auch außerhalb bewunderte man Strategie und Schlagkraft der israelischen Armee.

          Der Sieg bringt die „Wiedervereinigung” der „ewigen Hauptstadt”

          Der Sieg über die arabischen Nachbarn war in kürzester Zeit errungen worden (nach Vernichtung der ägyptischen Luftwaffe am zweiten Tag am Boden war der Waffengang im Grunde schon entschieden), Israel eroberte das Westjordanland, den Golan, den Gaza-Streifen und den gesamten Sinai bis zum Suez-Kanal. Auch dem Westjordanland, dem biblischen „Judäa und Samaria“, hatten religiöse und zionistische Sehnsüchte gegolten.

          Im Triumph des siegreichen Augenblicks gab es kaum jemanden, der die Komplikationen der Zukunft hätte voraussehen können oder gar wollen. Israel, gerade einmal neunzehn Jahre alt, schien nun gesichert; auf beeindruckende Weise und „schlagend“ hatte es auch seine militärische Überlegenheit demonstriert.

          Ständiger Zankapfel und Streitobjekt

          Aus heutiger Sicht erweist sich der Sechs-Tage-Krieg freilich als das klassische Beispiel eines Pyrrhus-Sieges, eines Sieges, der mehr Schwierigkeiten schafft als er Beute oder Nutzen einbringt. Die Wiedervereinigung Jerusalems ist nicht wirklich geglückt, die auch den Muslimen heilige Stadt ist endgültig zum ständigen Zankapfel und Streitobjekt geworden, der Konflikt noch stärker als zuvor auch religiös aufgeladen.

          Der Tempelberg, Juden wie Muslimen kostbar, wurde Auslöser einer Dauerkrise, die gelegentlich, wie im Fall der zweiten Intifada seit dem Jahre 2000, für lange Zeit in offene Gewalt umschlug. Selbst einem guten Bürgermeister wie dem legendären Teddy Kollek gelang es allenfalls, die Gemüter ruhigzustellen und vorübergehend eine Verbesserung der Stimmung zu erreichen.

          Verhältnisse fördern Ablehnung, Hass und Gewalt

          Seit vierzig Jahren nun ist Israel auch eine Besatzungsmacht. Während es den Sinai auf der Grundlage der Abkommen von Camp David (und nach einem weiteren Krieg) wieder an Ägypten zurückgab und seine Siedlungen schleifte, ist es im Westjordanland nach wie vor präsent. Wenigstens den Gazastreifen, der hohe Kosten verursachte und in Gewalt versunken ist, hat es unter Ariel Scharon abgegeben; doch was mit „Judäa und Samaria“ geschehen wird, steht in den Sternen.

          Von dem dort geplanten Palästinanser-Staat ist man heute weiter entfernt als zu Beginn der neunziger Jahre. Die Verhältnisse dort fördern Ablehnung, Hass und Gewalt in einem Ausmaß, dessen vorläufiger Höhepunkt die blutige Spirale von Selbstmordattentaten und extralegalen Tötungen gewesen ist.

          Vierzig Jahre moralische Erosion

          Mit der von der linken Arbeiterpartei einst angeregten Siedlungspolitik schien Israel seiner strategischen Sicherheit zu dienen und religiös-nationale Verheißungen zu erfüllen, nicht nur die der Revisionisten. Doch längst ist die Siedlungspolitik zu einer enormen Belastung geworden, die neben zahllosen Menschenleben auch hohe Kosten verschlingt. Politisch ist sie eine Katastrophe. Zusammen mit dem annektierten Ost-Jerusalem und dem ebenfalls „eingegliederten“ Golan stellt sie den Kern des Nahostproblems dar.

          Zudem hat die lange Rolle als Besatzungsmacht der israelischen Armee nicht gutgetan. Sie könne zwar Palästinenser unterdrücken, aber nicht mehr richtig Krieg führen, sagten manche Zyniker nach dem Libanon-Feldzug des vorigen Jahres. Ein Weiteres ist die moralische Erosion der Soldaten und Befehlshaber. Vierzig Jahre eine Bevölkerung niederzuhalten - das bleibt nicht ohne Wirkung auf denjenigen, der das tut.

          „Demütigung des Islam durch den Westen“

          Einig sind sich viele Historiker darin, dass der israelische Sieg von 1967 den Anfang vom Ende des arabischen Nationalismus bedeutete. Der geschlagene Nasser wollte nach seiner Niederlage zurücktreten, sein Nimbus war dahin. Drei Jahre später starb er einen einsamen Herztod.

          „Rückbesinnung auf den Islam“ war die neue Parole. Man habe nur verloren, „weil man Gott vergessen“ habe und weltlichen Vorbildern des Westens gefolgt sei, schrieb der Libanese Salah al Munadschid damals. Die Muslimbrüder stießen mit Genugtuung in dasselbe Horn. Saudi-Arabien wurde zum neuen Meinungsführer und überreichen Geldgeber.

          Zwar sind Islamismus, Dschihadismus und Terrorismus nicht ursächlich mit dem Sechs-Tage-Krieg verknüpft (es gab sie schon viel früher), doch Israels glanzvoller Sieg, den die Muslime umgekehrt als weitere „Demütigung des Islam durch den Westen“ empfanden, verschaffte den radikalreligiösen Kräften im Islam endgültig jenen Zulauf, den zuvor der Arabismus und Nationalismus gehabt hatten. Die Fortdauer der Besatzung und deren Praktiken erlauben es selbst jenen Muslimen, die des Konflikts überdrüssig sind und eine Regelung wollen, sich mit den Fanatikern zu solidarisieren. Diese beherrschen heute weitgehend das Terrain. (Siehe dazu: Jerusalem: Die geteilte Stadt)

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