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Österreich vor der Wahl : Alles auf Kurz!

Außenminister Sebastian Kurz hatte im Frühjahr die Führung der ÖVP übernommen und die Partei auf seine Person ausgerichtet. Reicht das aus? Bild: BRUNA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Verkehrte Welt in Österreich: Im Wahlkampf tritt Außenminister Kurz auf, als müsste er einen Vorsprung verteidigen. Amtsinhaber Kern erscheint dagegen als Herausforderer. Wie kann das sein?

          5 Min.

          Sebastian Kurz stammt aus Meidling. Der 12. Wiener Gemeindebezirk ist geprägt von Arbeitern, Kleingewerbe, Zugewanderten: typisch Wien, aber nicht unbedingt der Ort der Wahl für Schickimicki. Eine Hochburg der sozialdemokratischen SPÖ, in den vergangenen Jahren auch der erstarkenden rechten FPÖ; die ÖVP, die christdemokratische Partei, die seit diesem Frühjahr von dem jungen Außenminister Kurz angeführt wird, hat in Meidling nicht viel zu melden. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb wohnt er dort immer noch. An diesem Tag kurz vor der Wahl am Sonntag gönnt man sich ein Heimspiel. Ein Bus mit türkiser Fassadenbeklebung samt großem Konterfei des Kanzlerkandidaten steuert durch Meidling zur Firma Evva, die Schließsysteme herstellt.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Der mittelständische Betrieb, der seine mehr als 400 Mitarbeiter in Wien halten will, ist eine dankbare Kulisse für einen Halt auf der Wahlkampftour. Von Massenware hat man sich dort verabschiedet, man setzt auf Hightech und maßgeschneiderte Lösungen. Da rattert Stahldraht in eine ältlich aussehende gusseiserne Presse, dort sortiert ein hochmoderner Roboterarm blitzschnell winzige Metallstifte in Plastikgitter. Der von Kameras und Mikrofonen umschwirrte Kandidat schüttelt Hände und ruft Arbeitern durch den Maschinenlärm Smalltalkfetzen zu: Wie es gehe, wann Schichtende sei und so weiter. Ein paar beherzte Frauen lassen sich auf Politik ein: Ihre ganze Familie werde Kurz wählen, sagt eine artig. Er sei so jung und schön und „ambitionell“.

          So schmutzig war der Wahlkampf

          In der politischen Arena hat Kurz hingegen eigentlich nur Auswärtsspiele. Seit er in diesem Frühjahr handstreichartig die Parteiführung übernommen und die ÖVP ganz auf seine Person ausgerichtet hat, ist der Außenminister die Hauptzielscheibe für die anderen. Der SPÖ macht er die Kanzlerschaft streitig – das hat im vergangenen halben Jahrhundert nur einer geschafft, Wolfgang Schüssel. Die FPÖ hat Kurz mit einem Schlag vom ersten Platz in den Umfragen verdrängt. Er ist seitdem der Umfragenkaiser, die Institute haben ihn stabil weit vorne gesehen. Doch die Meinungsforschung hat sich in letzter Zeit so oft geirrt. Der Wahlkampf war hart und zeigte sich zuletzt schmutzig und unübersichtlich. Kann das ohne Auswirkung bleiben?

          Die Silberstein-Affäre beschäftigt Kurz schon an jenem Tag in Meidling. Gerade haben Zeitungen darüber berichtet, dass ein auf Wunsch Kerns von der SPÖ verpflichteter Berater namens Tal Silberstein gefälschte Facebook-Seiten betrieben hat, um Kurz zu schaden. Kern hatte sich im Sommer von Silberstein getrennt, nachdem der in Israel wegen Korruptionsverdachts vorläufig festgenommen worden war. Aber die schmutzige Facebook-Kampagne lief mit Wissen mindestens eines Koordinators aus der Löwelstraße, der SPÖ-Zentrale, weiter. Kern und seine Truppe haben auf den Skandal reagiert, wie es Soldaten in der Ausbildung lernen, wenn ein Spähtrupp unter Feuer gerät: Nebel werfen, aus allen Rohren zurückfeuern, ohne groß zu zielen, und volle Kraft – in diesem Fall voraus.

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