https://www.faz.net/-gpf-9ohfk

„Sea Watch“ Kapitänin : Rackete auf gefährlicher Fahrt

Die Kapitänin der „Sea Watch 3“ Carola Rackete an Bord ihres Schiffs Bild: EPA

Die „Sea Watch“ unter Carola Rackete ist mit 43 Migranten an Bord in italienische Hoheitsgewässer gefahren – trotz Verbots der Regierung. Als privilegierte Europäerin wolle sie den Bootsflüchtlingen „wirklich helfen“, sagt sie.

          3 Min.

          Carola Rackete ist dieser Tage wohl die bekannteste, ganz gewiss aber die umstrittenste Schiffsführerin Europas. Am Freitag wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft in Agrigent auf Sizilien gegen die 31 Jahre alte Kapitänin des Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“ Anklage wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung erhoben hat. Rackete sagte dazu am Freitagmittag bei einer Pressekonferenz beim Verband der Auslandspresse in Rom, zu der sie via Skype zugeschaltet war, sie habe dazu noch keine offiziellen Informationen erhalten und könne dies nicht bestätigen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Rackete war Mitte der Woche mit dem Schiff der gleichnamigen Berliner Hilfsorganisation mit 43 Migranten an Bord trotz Verbots der Regierung in Rom in italienische Hoheitsgewässer gefahren. Am Freitagnachmittag lag das Schiff, von der italienischen Küstenwache blockiert, noch immer vor der Insel Lampedusa.

          Rackete bekräftigte, die Lage an Bord sei sehr angespannt: „Ich bin wirklich sehr besorgt, besonders was mögliche Selbstverletzungen betrifft.“ Da nur in medizinischen Notfällen Menschen von Bord gelassen würden, habe sich die Stimmung an Bord unter den verbliebenen 40 Geretteten sehr verschlechtert. Es gebe aber Hinweise, dass eine Lösung bevorstehe. Der parteilose Ministerpräsident Giuseppe Conte hatte zuvor am Rande des G-20-Gipfels in Osaka gesagt, dass drei bis vier EU-Staaten – unter ihnen Deutschland, Portugal und Luxemburg – zur Aufnahme der Migranten bereit seien. In der Nacht zum Freitag waren ein 19 Jahre alter Migrant und dessen minderjähriger Bruder aus medizinischen Gründen von der Küstenwache an Land und in ein Krankenhaus gebracht worden. Als Solidaritätsbekundung übernachteten fünf italienische Abgeordnete der oppositionellen Sozialdemokraten auf dem Schiff.

          Italiens Innenminister und Vize-Regierungschef Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega will Rackete schnellstmöglich als Gesetzesbrecherin hinter Gittern sehen. Der sozialdemokratische Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, hat dagegen Rackete am Donnerstag für ihren „Akt der Liebe und des Muts, der Menschenleben gerettet hat und rettet“ ausdrücklich gepriesen und sie zur Ehrenbürgerin der Hauptstadt Siziliens erklärt.

          Die einen sehen Rackete mithin als selbstlose Retterin von Bootsflüchtlingen aus Seenot und als heldenhafte Kämpferin für die Menschenrechte, die einer hartherzigen Regierung in Rom die Stirn bietet. Die anderen geißeln sie als typisch selbstgerechte Deutsche, die sich nicht um die Gesetze anderer Länder schere und auf die Italiener wie Dorftrottel herabschaue.

          Rackete wurde in Preetz bei Kiel geboren und wuchs in wohlsituierten Verhältnissen in Hambühren in Niedersachsen auf. Nach dem Abitur 2007 studierte sie Nautik an der Seefahrtsschule Elsfleth, wo sie 2011 ihr Studium mit dem Bachelor abschloss. Anschließend fuhr sie für die Kreuzfahrtreederei Silverseas Cruises und für den British Antarctic Survey zur See. Von 2015 bis 2018 studierte sie an der Edge Hill University in England „Conservation Management“, machte ihren Master und brachte von dort außerdem ihr tadelloses britisches Englisch mit. Ehe sie als Kapitänin zu „Sea Watch“ kam, stand sie unter anderem auf dem Greenpeace-Schiff „Arctic Sunrise“ auf der Brücke und fuhr mit dem Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung zum Nordpol.

          Die Berichterstattung und die Kommentierung zur Kapitänin Rackete und zum Fall „Sea-Watch 3“  ist insgesamt in den italienischen Medien deutlich kritischer als in Deutschland. Und die ungleichen Koalitionspartner in Rom – Salvinis Lega und die linkspopulistische Fünf-Sterne-Bewegung unter Arbeitsminister und Vize-Regierungschef Luigi Di Maio – sind sich in der Causa „Sea-Watch 3“ so einig wie kaum je: Die verbliebenen 40 Migranten auf dem Schiff sollen erst dann in Lampedusa an Land gehen, wenn sie von anderen europäischen Staaten aufgenommen werden und sofort aus Italien weiterreisen. Das Mahnschreiben, das die italienische Küstenwache der Kapitänin übergab, ehe diese trotz Verbots in italienische Hoheitsgewässer vor Lampedusa einfuhr, trug neben der Unterschrift Salvinis auch die Namenszüge der Minister für Verkehr und für Verteidigung, die beide den Fünf Sternen angehören.

          In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ beschrieb Rackete ihre Motivation zur Rettung von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer wie folgt: Als Europäerin, die in Wohlstand und Sicherheit aufgewachsen sei, habe sie das Privileg und die Fähigkeit, den Bootsflüchtlingen im Mittelmeer „wirklich zu helfen“. Innenminister Salvini quittierte dies mit der Bemerkung, Rackete sei eine „Nervensäge“, die für ihren politischen Kampf wehrlose Migranten zwei Wochen lang vor Lampedusa „in Geiselhaft“ genommen habe statt sie in dieser Zeit nach Deutschland oder in die Niederlande – den Flaggenstaat der „Sea-Watch 3“ – zu fahren. Rackete ist sich des Risikos ihres Handelns bewusst: Ihr drohen bis zu 50.000 Euro Geldstrafe, die Strafverfolgung wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und dazu die Beschlagnahme des Schiffes. „Ich bin bereit, ins Gefängnis zu gehen“, sagt sie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Borussia Dortmund : Favre und die Anzeichen der Entfremdung

          Lucien Favre ist in eine hochkomplizierte Lage hineingeraten. Obwohl keiner der Verantwortlichen den Trainer öffentlich kritisiert, dürfte er keine große Zukunft bei Borussia Dortmund haben. Wie konnte das nur passieren?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.