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Sea-Watch 3 in Lampedusa : Riskantes Anlegemanöver lässt Stimmung kippen

Wenn nicht alles täuscht, dürfte das letzte Manöver Racketes die Stimmung in Italien vollends gegen die Berliner Hilfsorganisation „Sea Watch“ und womöglich auch gegen Deutschland insgesamt aufgebracht haben. Bild: EPA

Das gefährliche Anlegemanöver der Sea-Watch-Kapitänin im Hafen von Lampedusa sorgt in Italien für Empörung. In Deutschland hingegen wird die Festnahme von Carola Rackete scharf kritisiert.

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          Ihre letzte Provokation und ihre letzte Aktion könnten Carola Rackete, der Kapitänin des deutschen Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“ noch teuer zu stehen kommen. Am Freitagnachmittag hatte sie bei einem Skype-Interview mit internationalen Journalisten in Rom gesagt, mit den Warnungen des italienischen Innenministers Matteo Salvini könne sie sich nicht beschäftigen: Sie habe genug damit zu tun, für die 40 geretteten Bootsflüchtlinge an Bord zu sorgen, da müsse sich Salvini „hinten anstellen“.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Und dann nahm sie, am frühen Samstagmorgen gegen 1.30 Uhr, ungeachtet einer ausdrücklichen Hafensperrung und der dreifachen Aufforderung der italienischen Küstenwache und „Guardia di Finanza“ zum Abdrehen, mit ihrem Schiff unbeirrt Kurs auf die Mole im Hafen der Mittelmeerinsel Lampedusa. Dabei kam sie mit ihrem 600-Tonnen-Schiff einem viel kleineren Schnellboot der „Guardia di Finanza“, der italienischen Zoll- und Steuerpolizei, das die „Sea-Watch 3“ vor der Mole zu blockieren versuchte hatte, gefährlich nahe und drängte es schließlich ab.

          Salvini nutzt Racketes Manöver als Steilvorlage

          Das rücksichtslose Anlegemanöver Racketes war eine Steilvorlage für den Innenminister und Vize-Regierungschef von der rechtsnationalistischen Lega, dessen Angewohnheit es ganz gewiss nicht ist, sich „hinten anzustellen“. In einem auf seiner Facebook-Seite veröffentlichten Video warf Salvini am Samstagmittag der 31 Jahre alten deutschen Kapitänin vor, sie habe den Tod der Beamten auf dem Schnellboot billigend in Kauf genommen. Es sei „ein krimineller Akt“ gewesen, wie Rackete versucht habe, das Boot der „Guardia di Finanza“ an der Mole „zu zerquetschen“. „Ich habe Stunde für Stunde, Minute für Minute verfolgt, was heute Nacht in Lampedusa geschehen ist“, sagte Salvini: „Glücklicherweise wurde niemand verletzt, aber sie hat eine Katastrophe mit tödlichem Ausgang riskiert.“

          Wenn nicht alles täuscht, dürfte das letzte Manöver Racketes die Stimmung in Italien – nicht nur innerhalb der in Empörung vereinten Regierungskoalition und bei den grimmigen Strafverfolgungsbehörden, sondern auch in weiten Teilen der Bevölkerung – vollends gegen die Berliner Hilfsorganisation „Sea Watch“ und womöglich auch gegen Deutschland insgesamt aufgebracht haben.

          Kapitänin drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis 

          Der zuständige Staatsanwalt Luigi Patronaggio, der die Ermittlungen gegen Rackete leitet und die sofortige Festnahme der Kapitänin mit anschließendem Hausarrest angeordnet hatte, sprach von einem „unzulässigen Gewaltakt“ und „der Gefährdung der Sicherheit der Allgemeinheit“, der sich durch keinerlei humanitäre Gründe rechtfertigen lasse. Italienische Medien berichteten, Rackete drohe jetzt nicht nur eine Geldbuße von bis zu 50.000 Euro wegen Verstoßes gegen die Hafen- und Gewässersperrung, sondern wegen Widerstands und Gewaltanwendung gegen ein Kriegsschiff – die „Guardia di Finanza“ hat bei der Sicherung von Seewegen und Häfen Kombattantenstatus – drei bis zehn Jahre Gefängnis.

          Was mit den 40 Migranten nun geschehen wird, die von der Polizei von Bord der „Sea-Watch 3“ geleitet und in ein Aufnahmezentrum auf Lampedusa gebracht wurden, ist angesichts des schweren Zwischenfalls beim Anlegen des Hilfsschiffs fast schon nebensächlich. Innenminister Salvini bekräftigte seine Drohung, die Personalien und Daten der Migranten würden während ihres kurzen Aufenthalts auf Lampedusa nicht erfasst, sondern die Flüchtlinge würden direkt an jene Staaten weitergeschickt, die sich zur anteiligen Aufnahme der 40 Bootsflüchtlinge bereiterklärt hatten: nach Deutschland, Finnland, Frankreich, Luxemburg und Portugal.

          Damit sollen die 40 Migranten von der „Sea-Watch 3“ formal gar nicht erst in Italien angekommen, weil sie sonst gemäß Dublin-Abkommen von Drittstaaten wieder in ihr ursprüngliches Ankunftsland in der EU zurückgeschickt werden könnten. Die EU will von diesem Vorgehen aber nichts wissen und fordert die Einhaltung der Vorgaben des Dublin-Abkommens, die die Aufnahme der Personendaten im Land der Erstankunft auf EU-Territorium vorsehen. Wie dieser Konflikt gelöst werden kann, war bis Samstagnachmittag nicht zu erkennen.

          Dass in Deutschland die Festnahme der Kapitänin aus Kiel auf Kritik bei den Grünen, SPD und bei der evangelischen Kirche stieß, hat in Italien weithin für Fassungslosigkeit gesorgt.  Außenminister Heiko Maas (SPD) appellierte per Twitter an die italienische Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären. „Menschenleben zu retten ist eine humanitäre Verpflichtung. Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden“, erklärte der Minister.

          Grünen-Chef Robert Habeck sagte, die Verhaftung von Kapitänin Rackete zeige „die Ruchlosigkeit der italienischen Regierung“. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, zeigte sich „traurig und zornig“ über die Festnahme „einer jungen Frau, weil sie Menschenleben gerettet hat und die geretteten Menschen sicher an Land bringen will“ und sprach von einer „Schande für Europa“.

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