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Schweiz : Was bin ich?

  • -Aktualisiert am

Der Nationalstolz der Schweizer ist groß Bild: dpa

Lange fühlte ich mich als Schweizerin. Ich dachte immer, Gefühle seien wichtiger als die Ordnung. Eine Illusion.

          2 Min.

          Viele Schweizer behaupten von sich, „Urschweizer“ zu sein. Es erfüllt sie mit Stolz, dass sie immer noch auf derselben Scholle hausen, auf der ihre Ahnen sich vor Ewigkeiten niederließen. Die „Urschweizer“ werden in der Schweiz fast wie Heilige verehrt. Deshalb darf man auch nicht jedem glauben, der von sich behauptet, „Urschweizer“ zu sein. Die meisten sind nämlich nur „normale Schweizer“. Ihre Vorfahren wanderten vor nicht allzu langer Zeit ein.

          Christoph Blocher, die Lichtgestalt der Schweizerischen Volkspartei SVP, ist ein typischer „normaler Schweizer“. Sein Ururgroßvater stammte aus Württemberg und ließ sich Mitte des 19. Jahrhunderts einbürgern. Trotzdem führt Blocher sich bei jeder Gelegenheit als „Urschweizer“ auf. Warum? Ich behaupte: vor allem, weil er sich als „Urschweizer“ fühlt. Das Gefühl sprengt jede Ordnung, es schert sich nicht um Kategorien. Ich verstehe Blocher. Er kann nicht anders. Mir geht es genauso.

          Wie Heidi in den Bergen

          Bis vor kurzem lebte ich in der Schweiz. Ich bin deutsche Staatsbürgerin; in Zürich war ich ein „Ausländer mit Ausweis C“. Der „Ausländer mit Ausweis C“ steht in der Rangordnung direkt hinter dem „normalen Schweizer“. Ein Ausweis C ist eine Niederlassungsbewilligung mit unbeschränktem Aufenthaltsrecht. Ich bin in der Schweiz geboren, verbrachte meine Kindheit wie Heidi in einem Bergdorf, spreche alle vier Landessprachen, auch Schweizerdeutsch - kein Wunder, dass ich mich bei jeder Gelegenheit aufführte wie ein „normaler Schweizer“. Manchmal sogar wie ein „Urschweizer“. Weil ich mich genauso fühlte und immer noch fühle. Ich kann nicht anders. Das Alpengebirge ist eingebrannt in mir; die Weiten Norddeutschlands, wo meine Familie herkommt, machen mir Angst.

          Ich dachte immer, Gefühle seien wichtiger als die Ordnung. Ordnung ist nur Papier. Was sagt ein Pass schon über mich aus? Deshalb habe ich mich auch nie ernsthaft um eine Einbürgerung bemüht. Es wäre auch schwierig geworden. In der Schweiz sind es die Gemeinden, die die Einbürgerung durchführen. Jede Gemeinde aber setzt voraus, dass man eine Zeitlang auf ihrem Gebiet gewohnt hat. Ich bin damals öfters umgezogen, was jedes Mal bedeutete: zurück auf Start.

          Ein EU-Bürger

          Mir machte das nie etwas aus, ich fühlte mich nicht ausgeschlossen. Dann kam der Tag, an dem ich mich in Zürich abmeldete, weil ich nach Wien auswandern wollte. Zuerst musste ich ins Personenmeldeamt im Zürcher Stadthaus. Von dort schickte der Beamte mich einen Stock höher, zum Steueramt. Da musste ich meine noch offenen Steuerschulden bezahlen. Dann zurück ins Personenmeldeamt, die Quittung vorzeigen. Daraufhin schob der Beamte mir ein Formular hin, auf dem stand, dass ich auf meinen Ausländerausweis C verzichte. Daneben war ein Kästchen, in das ich ein Kreuz machen musste. Ich weiß noch, wie ich stammelte: „Wenn ich das Kreuz mache, was bin ich dann?“ Der Beamte antwortete: „Ein EU-Bürger.“ Ich war schockiert.

          Was macht Blocher glücklich? Ich meine, es ist die Tatsache, dass die Schweizer in ihm das sehen, was er selbst sein will: den „Urschweizer“. Sie lieben oder hassen ihn dafür. Aber sie sagen nie: „In Wahrheit bist du ja nur ein normaler Schweizer.“ Für mich war es jedenfalls so: Mich machte glücklich, dass die Schweizer in mir einen der Ihren sahen. Damals im Stadthaus von Zürich war ich so schockiert, weil ich plötzlich realisierte, dass dem eigentlich nie so war. Ich machte also das Kreuz, und im selben Moment merkte ich, dass es viel zu klein war, um den „normalen Schweizer“ in mir zu tilgen.

          Personenfreizügigkeit - wie lange noch?

          Ich nahm den „normalen Schweizer“ also mit nach Wien und wusste nicht, wohin damit. Ständig stand er mir im Weg. Gleichzeitig freundete ich mich langsam mit dem „EU-Bürger“ in mir an. Er ist mir immer noch fremd, obwohl er seine guten Seiten hat. Dank ihm genieße ich in der Schweiz Personenfreizügigkeit. Ich könnte also, wenn ich einen Arbeitsvertrag hätte, jederzeit zurückkehren. Der Gedanke hat etwas Beruhigendes. Die Schweiz ist meine Heimat, und ich glaube, es gäbe für mich nichts Schmerzhafteres, als für immer davon abgeschnitten zu sein.

          Seit vor einer Woche die Mehrheit des Schweizer Stimmvolks Ja zur Initiative „Gegen Masseneinwanderung“ gesagt hat, steht die Personenfreizügigkeit auf der Kippe. Es kann gut sein, dass sie fällt. Was bin ich dann?

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