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Schweizer Corona-Widerstand : Aufmarsch der Schwurbler

Führen den Umzug der Corona-Maßnahmengegner an: die sogenannten „Freiheitstrychler“ am 23. Oktober in Bern Bild: Johannes Ritter

Der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen in der Schweiz kommt nicht nur von rechten Bewegungen wie den „Freiheitstrychlern“, die sich auf traditionelle Werte berufen. Auch Linke und Grüne mischen mit.

          7 Min.

          Der Zug von Zürich nach Bern ist gesteckt voll. Das liegt nicht am Berufsverkehr, denn es ist 11 Uhr am Samstag. Aus vielen Teilen der Schweiz machen sich Corona-Skeptiker auf den Weg in die Bundeshauptstadt, um gegen die Änderungen am Covid-19-Gesetz zu protestieren, über welche die Schweizerinnen und Schweizer am 28. November abstimmen.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          „Mal schauen, ob wir 100.000 werden“, sagt einer von drei Männern im Alter zwischen vierzig und fünfzig Jahren, die sich auf den Sitzplätzen neben einem Mitreisenden niederlassen, der als einer der ganz wenigen im Waggon vorschriftsgemäß eine Maske über Mund und Nase trägt. Der Demonstrant löst eine Dose „Quöllfrisch“-Bier aus dem mitgebrachten Sechserpack. Der zischende Öffnungslaut animiert auch sein Gegenüber, ein Kaltgetränk aus dem Rucksack zu kramen, ein Lagerbier vom Discounter Denner. „Drei Franken achtzig für den Sechser. Das ist günstiger als in Deutschland“, schwärmt der Mann, offenbar ein erfahrener Einkaufstourist. Heiteres Prosten.

          Eine Frau läuft durch das Abteil und verteilt Aufkleber an alle – nur nicht an den Maskenträger. Die anderen greifen beherzt zu und berappen freiwillig ein paar Franken. Parolen wie „Freiheit“ und „Widerstand ist sexy“ stehen auf den Aufklebern aus dem Onlineshop von Daniel Stricker. Der Corona-Maßnahmen-Gegner verbreitet über sein Portal „Stricker TV“ eigene „Wahrheiten“ über das Virus („aufgepeitschter Schnupfen“) und zählt zu den Stars der Schweizer Schwurbler-Szene.

          Verschwörungsphantasien beim Dosenbier

          „Wenn wir jetzt nicht Stopp sagen, haben wir in fünf Jahren den Chip“, sagt der Mann mit dem Discounterbier. Er lehnt sich damit an die weit verbreitete Verschwörungsfantasie an, nach der Bill Gates den Menschen im Kampf gegen das Coronavirus Mikrochips einpflanzen und so die totale Kontrolle erlangen wolle. Seine Kumpels nicken – und legen noch eins drauf: George Soros habe kleine Kinder in Haiti geraubt und über seine Stiftung weiterverkauft, behauptet der Dritte im Bunde und nippt an seinem Löwenbräu. Das sei alles im Internet dokumentiert gewesen, aber jetzt sei alles verschwunden. „Ich hätte einen Screenshot machen sollen.“

          Ein Schaffnerin huscht durch den Waggon. Die Fahrkarten kontrolliert sie nicht. Sonst hätte sie auf die geltende Maskenpflicht pochen müssen – doch den bei solcher Klientel voraussehbaren Ärger wollen die Schweizerischen Bundesbahnen ihren Angestellten offenbar ersparen.

          Auch die vielen Tausenden Demonstranten, die sich am Nachmittag in Bern vom Münsterplatz zum Bundesplatz bewegen, wo das nationale Parlamentsgebäude steht, sind ohne Maske unterwegs. Mehr als hundert sogenannte „Trychler“ führen den Umzug an. Auf den Schultern tragen sie das Joch, an dessen Enden zwei große Blechglocken (Trychle) aufgehängt sind. Beim Marsch durch die Altstadtgassen schwenken sie diese mehr oder weniger im Takt und verbreiten ein ohrenbetäubendes Getöse.

          Das sieht nach Folklore aus, ist aber längst zum Symbol der Rebellion gegen die Corona-Maßnahmen geworden. Die selbst ernannten „Freiheitstrychler“ und „Helvetia-Trychler“ kommen meist aus der deutschsprachigen Innerschweiz, zu der die sogenannten Urkantone Schwyz, Uri und Unterwalden (heute Nidwalden und Obwalden) gehören. Zwischen ihnen entstand im 13. Jahrhundert die Alte Eidgenossenschaft, der Vorläufer des 1848 formierten Schweizer Bundesstaats.

          Nichts von „Bern vorschreiben lassen“

          In den ländlichen Urkantonen fühlen sich viele Menschen der mythenreichen Schweizer Geschichte besonders verbunden. Etliche der Schlachten, die Schüler aus ihren Geschichtsbüchern kennen, fanden dort statt. Auch die Sage vom Freiheitshelden Wilhelm Tell und dessen Kampf gegen den fremden Tyrannen ist für viele Menschen in dieser Region bis heute identitätsstiftend. Zudem verbindet sich hier eine starke katholische Prägung mit einem konservativ-libertären, grundsätzlich staatskritischen Geist.

          Flagge zeigen: Offensichtlich kommen viele der Demonstranten auf dem Berner Bundesplatz aus ländlichen Kantonen.
          Flagge zeigen: Offensichtlich kommen viele der Demonstranten auf dem Berner Bundesplatz aus ländlichen Kantonen. : Bild: Johannes Ritter

          Von „Bern“ – gemeint ist die Schweizer Regierung – will man sich nichts vorschreiben lassen, auch nicht in einer Pandemie. Wenn sich einige Mitglieder der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) in einer Diktatur wähnen, finden ihre medienwirksamen Wehklagen hier leicht Gehör. Im aktuellen Zorn über die Zertifikatspflicht und den damit verbundenen indirekten Impfdruck geht freilich unter, dass die Sondermaßnahmen der Regierung in der Corona-Krise alles andere als autoritäre Willkür sind: Sie sind durch das Epidemiengesetz demokratisch legitimiert, das nicht nur die Abgeordneten im Parlament, sondern auch die Bevölkerung per Volksabstimmung genehmigt hat.

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          Als sich in diesem September die Intensivstationen im Land mit ungeimpften Covid-19-Patienten füllten, verfügte der Bundesrat, dass Restaurants, Museen, Kinos, Fitnesszentren und andere Orte, wo sich viele Menschen in Innenräumen zusammenfinden, nur noch betreten darf, wer geimpft, genesen oder getestet ist (3G). Die rechtliche Basis hierfür schuf das Parlament durch eine entsprechende Novellierung des Covid-19-Gesetzes.

          Damit wäre die Sache erledigt, wenn es in der Schweiz nicht das sogenannte fakultative Referendum gäbe: Sofern es Gegnern eines Gesetzes gelingt, in einer Frist von 100 Tagen 50.000 Unterschriften zu sammeln, muss das Volk direkt entscheiden. Diese Hürde übersprangen die gut organisierten Corona-Maßnahmen-Gegner leicht: Binnen 24 Tagen sammelten sie 187.000 Unterschriften ein – und so stimmen die Eidgenossen Ende November zum zweiten Mal über das Covid-19-Gesetz ab. Bei der ersten Abstimmung im Juni scheiterten die Kritiker zwar, mit einem Stimmenanteil von immerhin 40 Prozent erreichten sie aber mehr als nur einen Achtungserfolg.

          Finanzminister zeigt Nähe zu „Trychlern“

          Dies zeigt, dass die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber den im internationalen Vergleich sehr zurückhaltenden staatlichen Corona-Maßnahmen weit über die konservative Klientel der SVP hinausgeht. Die mit einem Wähleranteil von knapp 26 Prozent größte Schweizer Partei hat erkannt, dass sie in diesem Protestmilieu neue Anhänger für sich gewinnen kann. Der SVP-Finanzminister Ueli Maurer hat mehrfach offen Verständnis für Impfskeptiker und Zertifikatsgegner bekundet und sich sogar in einem Hirtenhemd der „Freiheitstrychler“ ablichten lassen.

          Solidarisch mit den Zertifikatsgegnern: SVP-Finanzminister Ueli Maurer
          Solidarisch mit den Zertifikatsgegnern: SVP-Finanzminister Ueli Maurer : Bild: dpa

          Als einzige Partei empfiehlt die SVP, gegen das Covid-19-Gesetz zu stimmen, obwohl bei einem Nein auch Unterstützungshilfen für von Corona betroffene Betriebe, Veranstalter und Arbeitnehmer infrage stünden. Nach Ansicht des SVP-Präsidenten Marco Chiesa diskriminiert das Gesetz weite Teile der Bevölkerung und spaltet die Gesellschaft.

          Wie weit sich die Partei, die mit ihren Kernthemen Migration und Europa derzeit nicht punkten kann, an die Corona-Maßnahmen-Gegner anbiedert, zeigt auch Chiesas Weigerung, sich einem gemeinsamen Impfappell der übrigen Schweizer Parteivorsitzenden anzuschließen. Dabei hinkt die Schweiz beim Impfen den meisten anderen westeuropäischen Ländern weit hinterher. Nur 63 Prozent der Bevölkerung sind bisher doppelt geimpft.

          Umfragen zeigen, dass SVP-Anhänger die größten Impfmuffel sind: Rund die Hälfte von ihnen will sich nicht schützen lassen. In den vier Urkantonen, allesamt Hochburgen der SVP, votierten die Bürger im Juni mehrheitlich gegen die damalige Fassung des Covid-19-Gesetzes. Auf der Demonstration in Bern sind viele Flaggen dieser Kantone zu sehen. Besonders häufig findet sich das Wappen von Uri: der Kopf eines grimmig dreinblickenden schwarzen Stiers mit herausgestreckter Zunge auf gelbem Grund.

          Wie die linke Mobilmachung begann

          Aber nicht nur konservative Hinterwäldler, Libertäre und rechte Schwurbler sind auf der Kundgebung in Bern zugegen, sondern auch Linke und Grüne verschiedenster Schattierungen und Altersgruppen. Eine Fahne trägt gar den Schriftzug „Antifaschistische Aktion“. Andere Transparente bezeugen eine esoterisch-wissenschaftsfeindliche Haltung.

          Links oder rechts? Die politischen Lager sind unter den Corona-Maßnahmengegnern in der Schweiz nicht klar abgegrenzt.
          Links oder rechts? Die politischen Lager sind unter den Corona-Maßnahmengegnern in der Schweiz nicht klar abgegrenzt. : Bild: AFP

          Die ungewöhnliche Allianz von links und rechts war geplant: Zu dem Berner Protestmarsch „gegen Covid-Zertifikat, Diskriminierung und Massenüberwachung“ hatte das „Aktionsbündnis Urkantone“ gemeinsam mit der „Freien Linken Schweiz“ aufgerufen. Das Gesicht dieser heterogenen Vereinigung ist Simone Machado. Die Juristin sitzt für die Grünalternative Partei im Stadtrat von Bern.

          Den Anfang zur linken Mobilmachung gegen das Covid-19-Gesetz hat aber Sibylle Berg gemacht. Die ursprünglich aus Weimar stammende Schriftstellerin, die seit 1996 in Zürich lebt, gehört zu den ersten Unterstützern des Komitees „Geimpfte gegen das Covid-Zertifikat“, das der linke Netzaktivist Hernâni Marques und der Informatik-Professor Christian Grothoff ins Leben gerufen haben. Das Zertifikat teile die Schweizer Bevölkerung „in gute und schlechte Bürger“ und könne die „Infrastruktur für eine totale Überwachung“ legen, schrieb Berg in der Aargauer Zeitung.

          Aus dem Lager der Corona-Skeptiker und selbst ernannten Freiheitskämpfer dringen immer radikalere Töne. Nicolas Rimoldi, der als Ko-Präsident einer Vereinigung namens „Mass-Voll“ vehement gegen die Corona-Politik zu Felde zieht, bezeichnet die Zertifikatspflicht als „Faschismus in Reinkultur“. Bis im September war Rimoldi Mitglied der liberalen FDP.

          „Einteilung in gute und schlechte Bürger“: die Schriftstellerin Sibylle Berg 2018 auf einer Konferenz in Berlin
          „Einteilung in gute und schlechte Bürger“: die Schriftstellerin Sibylle Berg 2018 auf einer Konferenz in Berlin : Bild: dpa

          Polizisten rufen zu Anzeigen gegen Polizisten auf

          Große Aufregung herrscht um eine Gruppierung, die sich „Wir für euch“ nennt. Dahinter stecken nach eigenen Angaben Polizisten aus allen Kantonen der Schweiz, welche die Rechtsgrundlage für die Zertifikatspflicht infrage stellen. Die anonyme Gruppe hat ein Video von beklemmender Bildsprache ins Internet gestellt, in dem Dutzende in breitbeiniger Polizistenpose ihre Solidarität mit den „Freiheitstrychlern“ demonstrieren.

          Es zeigt eine Bergkulisse am Ufer des Walensees, in Dämmerlicht und Fackelschein. Die Protagonisten tragen alle die gleichen Sweatshirts, kehren dem Betrachter aber den Rücken zu und haben die Kapuzen hochgezogen, sodass sie nicht identifizierbar sind. Auf ihrer Website finden sich konkrete Ratschläge, wie man reagieren soll, falls ein Polizist wegen der Verletzung der Zertifikatspflicht eine Buße ausstellen will: „Erstatten Sie Strafanzeige gegen den Polizeibeamten wegen Amtsmissbrauch.“

          Der Verband Schweizerischer Polizeibeamte distanzierte sich von den „Drohungen der Befehlsverweigerung“. Es sei nicht klar, ob die Gruppe tatsächlich von Polizisten gegründet worden sei. Inzwischen wurden jedoch zwei Polizisten der Kantonspolizei Zürich als Mitglieder von „Wir für euch“ identifiziert und vom Dienst freigestellt.

          Auf der Demonstration in Bern verteilt ein Mann Flugblätter der Vereinigung. Auch einem diensthabenden jungen Polizisten drückt er einen Flyer in die Hand. Der Polizist lächelt und steckt das Papier in die Hosentasche. Darauf angesprochen, beschreibt er dies als Maßnahme zur Deeskalation. „Ich kenne keinen Kollegen, der da mitmacht“, schiebt er etwas verlegen nach.

          „Erste große Krise, die uns behandelt wie alle anderen“

          Wie sehr sich das gesellschaftliche Klima in der Schweiz während der Pandemie verändert hat, belegen auch die zahlreichen Hasskommentare, Beleidigungen und Drohungen, denen die Regierungsmitglieder in Bern ausgesetzt sind. Für sie musste der Polizeischutz stark erhöht werden. Vor allem die Ausfälligkeiten und Einschüchterungsversuche gegen den sozialdemokratischen Gesundheitsminister Alain Berset haben ein Niveau erreicht, das man in der Schweiz bisher nicht kannte.

          Ein Ausmaß an Hassbotschaften, wie man es bisher in der Schweiz nicht kannte: Gesundheitsminister Alain Berset im Februar bei einer Spitalbesichtigung in Münsterlingen
          Ein Ausmaß an Hassbotschaften, wie man es bisher in der Schweiz nicht kannte: Gesundheitsminister Alain Berset im Februar bei einer Spitalbesichtigung in Münsterlingen : Bild: dpa

          Berset selbst sieht die politische Kultur und damit den Erfolg der Schweiz gefährdet, wie er jüngst in einer Rede an der Universität Zürich mahnte. Zugleich appellierte er an die Vernunft: Das abwägende, evidenzbasierte Denken habe die Moderne mit all ihren Fortschritten erst ermöglicht. „Tun wir also alles dafür, dass die Rationalität nicht beschädigt wird in dieser Pandemie.“

          Gerhard Pfister, Präsident der christlich-demokratischen Partei Die Mitte (vormals CVP), erklärt die Verrohung des öffentlichen Diskurses mit der fehlenden Krisenerfahrung der Schweiz: „Covid ist die erste große Krise, die uns behandelt wie alle anderen. Das verunsichert. Zudem konnten wir dank unseres Wohlstands bisher fast alles in unserem Leben selbst bestimmen. In der Krise ist das nicht mehr möglich. Plötzlich sollen wir solidarisch sein, uns dem Gesamtwohl unterordnen. Einige sind selbst jetzt nicht bereit, auch nur ein Jota ihres Individualismus aufzugeben“, sagte Pfister dem Zürcher Tages-Anzeiger. Jedenfalls kontrollierte auch auf der Rückfahrt von Bern nach Zürich niemand die Fahrkarten.

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