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Schuldenkrise : Der griechische Irrtum

Der griechische Ministerpräsident, Alexis Tsipras, spricht am Freitag während eines Wirtschaftsforums in St. Petersburg. Bild: Reuters

Für Griechenland führt auf absehbare Zeit kein Weg zurück zum Lebensniveau der Jahre vor Ausbruch der Krise. Das müssen die Griechen und ihre Politiker einsehen.

          Es gibt einen Irrglauben zur Griechenland-Krise, der in Athen parteiübergreifend verbreitet, aber nicht allein dort beheimatet ist. Es ist die Ansicht, für Athen gebe es eine Rückkehr zum Status quo ante von 2008, also zum letzten Jahr vor dem offenen Ausbruch der griechischen Krise. Doch für Griechenland führt auf absehbare Zeit kein Weg zurück in dieses Jahr, denn das Lebensniveau, das die Griechen damals genossen, war auf Pump finanziert.

          Das gilt auch für die Höhe der Renten, die der griechische Staat damals zahlte. Wenn Alexis Tsipras, Giannis Varoufakis und manch ein ausländischer Politiker nun ein umfangreiches Investitionsprogramm fordern, um die griechischen Durchschnittslöhne wieder auf das Niveau von vor sieben Jahren zu heben, obwohl das zu keinem Zeitpunkt der tatsächlichen Leistungsfähigkeit von Griechenlands Volkswirtschaft entsprach, spielt dabei wieder eine grundsätzliche Fehlwahrnehmung eine Rolle.

          Es ist nicht möglich, dass Griechenland seinen Wohlstand von 2008 wieder erreicht – auch wenn in Athen die Ansicht vorherrscht, es gebe ein Recht darauf. Es wäre für die Griechen und ihre Politiker an der Zeit, einzusehen: Das erste Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende war eine Ausnahme, die mit der ungerechtfertigten Aufnahme des Landes in einen Club begann, dem es nie hätte beitreten dürfen. Dass Griechenland sich zwischen 2001 und 2008 anschickte, zu den reicheren Staaten der Eurozone aufzuschließen, war eine Fehlentwicklung.

          Was sich seit 2009 in Athen vollzieht, ist daher ein schmerzhafter Prozess des Gesundschrumpfens. Die Leistungen, die der griechische Staat erbringen kann, werden auf das Maß reduziert, das die griechische Wirtschaft finanzieren kann. In welchem Buch steht geschrieben, dass dieses Maß über dem slowenischen, dem slowakischen, dem lettischen liegen muss?

          Der bisherige Erfolg der Regierungspartei Syriza liegt auch darin begründet, dass deren Heroen ihrer Bevölkerung noch erfolgreicher als alle anderen politischen Kräfte des Landes eingeredet haben, es gebe so etwas wie ein griechisches Geburtsrecht darauf, in der oberen Hälfte der europäischen Einkommensskala mitzuspielen. Wenn diese Einbildung zerplatzt, wird es interessant sein zu sehen, wie sich das auf die Popularitätswerte von Tsipras und die Seinen auswirken wird.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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