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Terror in Oslo : Ein Anschlag auf die queere Szene?

Gedenken an die Opfer: Eine Frau legt am Samstag in Oslo Blumen in dem Ausgehviertel nieder, wo in der Nacht bei Schüssen zwei Menschen getötet wurden. Bild: AFP

Zwei Menschen werden am Vorabend der Pride-Parade in einem Osloer Ausgehviertel erschossen, mindestens 21 werden verletzt. Ein Verdächtiger ist in Gewahrsam. Die Polizei geht von einer islamistischen Terrortat aus.

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          Es war 1.14 Uhr am Samstagmorgen, als die Polizei erste Meldungen über Schüsse in der Innenstadt von Oslo erhielt. Sie fielen vor dem „London Pub“, einem in der Schwulenszene der norwegischen Hauptstadt bekannten Club. Gut eine halbe Stunde später teilte die Polizei mit, dass zwei Menschen erschossen wurden, und viele weitere verletzt.

          Matthias Wyssuwa
          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Einen Verdächtigen hat die Polizei festgenommen. Bilder aus der Nacht zeigen schwer bewaffnete Polizisten vor Absperrbändern und zerschossene Glasscheiben. Auf einem umarmen sich junge Menschen, und einer schwenkt die Regenbogenfahne. Es war die Nacht vor der geplanten Pride-Parade in Oslo.

          Am Morgen ist die Erschütterung in Norwegen groß. Die Polizei teilt mit, dass sie nach den Schüssen wegen Terrorverdachts ermittelt. Und die Pride-Parade wird abgesagt.

          Mehr als 20 Verletzte

          Am Samstagmorgen gibt es aber auch langsam mehr Klarheit mit Blick auf die Opfer – und auf den mutmaßlichen Täter. Auf einer Pressekonferenz teilt die Polizei mit, dass zehn Menschen schwer und elf weitere leicht verletzt seien. Es bestehe aber bei niemanden mehr Lebensgefahr. Laut Polizei hat es nicht nur vor dem „London Pub“ Schüsse gegeben, sondern auch auf der Straße davor und vor einer kleinen Bar in der Nähe. Die Gegend ist bei Nachtschwärmern in der Hauptstadt beliebt.

          Später am Tag besuchen Kronprinz Haakon von Norwegen und Ministerpräsident Jonas Gahr Støre den Tatort. Sie legen einen Blumenstrauß nieder. Auch Kronprinzessin Mette-Marit und mehrere Mitglieder der norwegischen Regierung sind an Ort und Stelle. Das Glockenspiel des Rathauses spielt „Somewhere over the Rainbow“. Eine Anspielung auf die Regenbogenflagge als Symbol der queeren Szene.

          Die Ermittlungsbehörden gehen von einem Einzeltäter aus. Sie haben den Verdächtigen bereits kurz nach den ersten Meldungen, um 1.19 Uhr, in der Nähe des Tatorts überwältigt und festgenommen. Er war, auch das ist am Samstagmorgen klar, der Polizei und den Sicherheitsdiensten bereits bekannt. Er ist 42 Jahre alt, ein norwegischer Staatsbürger mit iranischen Wurzeln.

          Der Verdächtige war bereits wegen schwerer Körperverletzung und Drogenbesitzes verurteilt worden. Im Juli 2019 war gegen ihn wegen Mordversuchs und des illegalen Besitzes einer Schusswaffe ermittelt worden, schreibt die norwegische Zeitung „Verdens Gang“, allerdings ohne Folgen. Gegen den Mann wird nun wegen Mordes, versuchten Mordes und Terrors ermittelt.

          Regenbogenfahnen und Blumen: Am Vorabend der Pride-Parade fielen in Oslo nahe einer Schwulenbar tödliche Schüsse.
          Regenbogenfahnen und Blumen: Am Vorabend der Pride-Parade fielen in Oslo nahe einer Schwulenbar tödliche Schüsse. : Bild: via REUTERS

          Am Nachmittag teilt der norwegische Inlandsgeheimdienst mit, dass die Tat als islamistisch motiviert eingestuft wird. Man prüfe zudem, inwiefern psychische Problemen bei dem mutmaßlichen Täter, den man schon seit 2015 beobachte, eine Rolle gespielt haben könnten. Die nationale Terrorwarnstufe wurde angehoben – von bisher drei auf nun fünf, die höchste Stufe. Die Gefahr einer terroristischen Bedrohung sei „außergewöhnlich“ hoch.

          „Ein grausamer und zutiefst schockierender Angriff“

          Die Veranstalter der Pride-Parade in Oslo haben schon in der Nacht mitgeteilt, dass sie in enger Absprache mit der Polizei stünden. Am Samstagmorgen verkünden sie dann über die sozialen Medien, dass die Polizei die klare Empfehlung gegeben habe, die Parade abzusagen und sie sich daran halten. Sie bitten alle, die an der Parade hätten teilnehmen wollen, nicht zu erscheinen. Alle anderen Veranstaltungen rund um die Parade werden ebenfalls abgesagt.

          „Wir senden herzliche Gedanken und Liebe an die nächsten Angehörigen, die Verwundeten und andere Betroffene“, äußern die Veranstalter. „Wir werden bald wieder stolz und sichtbar sein, aber heute werden wir unsere Pride-Feierlichkeiten von zu Hause aus begehen.“

          Ministerpräsident Jonas Gahr Støre sagt norwegischen Medien, die Schießerei sei „ein grausamer und zutiefst schockierender Angriff auf unschuldige Menschen“ gewesen. „Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Angehörigen.“ Man wisse noch nicht, was hinter dieser schrecklichen Tat stecke, „aber den Homosexuellen, die jetzt Angst und Trauer haben, möchte ich sagen, dass wir zusammenstehen“.

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