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Nach Schüssen auf „Alan Kurdi“ : „Die Crew geht an ihr Limit“

Am Samstag nähert sich ein libysches Motorboot der „Alan Kurdi“, um eine Rettungsaktion zu stören. Es fallen Schüsse. Bild: AP

Mit 90 Menschen an Bord sucht das deutsche Rettungsschiff „Alan Kurdi“ einen sicheren Hafen. Im Interview berichtet der Einsatzleiter Joshua Wedler von der Bedrohung während der Rettung und der aktuellen Situation an Bord.

          3 Min.

          Herr Wedler, Sie koordinieren als Einsatzleiter an Bord die laufende Mission der „Alan Kurdi“. Können Sie nochmal die Situation vom Samstag beschreiben, als während der Rettungsaktion Schüsse fielen?

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Die „Moonbird“, ein ziviles Flugzeug der Schweizer Piloteninitiative und „Sea-Watch“, hat das Boot 15 Meilen von der libyschen Küste entfernt entdeckt. Daraufhin hat die Hilfsorganisation „Alarmphone“ uns den Notruf weitergeleitet.  Kurz nach 13 Uhr waren wir vor Ort. Wir hatten die Ausgabe der Rettungswesten gerade abgeschlossen und die ersten Menschen an Bord genommen, als das erste libysche Boot auftauchte und uns zurück gedrängt hat. Daraufhin sprangen etwa fünf Menschen in Panik vom Schlauchboot ins Wasser. Die Libyer haben uns aufgefordert, die Rettungsaktion abzubrechen und die Menschen auf dem Schlauchboot mit ihrem Maschinengewehr bedroht. Später haben sie auch ins Wasser gefeuert, sowohl in Richtung der Flüchtlinge als auch eine Salve in Richtung eines unserer Rettungsboote, als Warnung, nicht näher zu kommen.

          Wie haben Sie darauf reagiert?

          In so einem Moment funktioniert man einfach nur. Wir haben uns bemüht, die Situation zu deeskalieren, die Crew zu schützen und zu zeigen, dass uns vor allem wichtig ist, die Menschen aus dem Wasser zu holen. Wir haben sogar eines unserer beiden Rettungsboote zurückbeordert. Doch die Situation war sehr chaotisch. Die Menschen auf dem Schlauchboot haben versucht, auf die „Alan Kurdi“ zuzusteuern, immer mehr sind ins Wasser gesprungen. Viele konnten nicht schwimmen. Hätten wir nicht rechtzeitig Rettungswesten verteilt, hätte es viele Tote gegeben. Wir haben zusätzlich eine Rettungsinsel und Rettungsringe ins Wasser geworfen. Es war alles sehr hektisch. Nach rund zwei Stunden haben die Libyer schließlich zugelassen, dass wir die Rettungsaktion abschließen.

          Wissen Sie, wer Sie bedroht hat?

          Es waren Schnellboote ohne Kennung unter libyscher Flagge. Einige Leute waren maskiert. Die libysche Küstenwache streitet ab, involviert gewesen zu sein. Wir gehen davon aus, dass die Leute auf den Schnellbooten mit den Schleppern zusammen arbeiten, die die Menschen, die wir gerettet haben, auf das Schlauchboot gesetzt haben. Sie wollten sie vermutlich nach Libyen zurückbringen und ein zweites Mal abkassieren, wenn sie einen weiteren Fluchtversuch unternehmen wollen. Nachdem alle Menschen sicher bei uns an Bord waren, haben sie sich das Schlauchboot geholt und es mitgenommen, bevor wir es zerstören konnten.

          Das Schnellboote – ohne Kennung unter libyscher Flagge – mit aufgeschraubtem Maschinengewehr
          Das Schnellboote – ohne Kennung unter libyscher Flagge – mit aufgeschraubtem Maschinengewehr : Bild: Karsten Jäger/Sea-Eye

          Wie ist derzeit die Situation an Bord?

          Angespannt. Heute Nacht gab es ein Gewitter. Gegen halb eins nachts hat es angefangen stark zu regnen, später hat es auch geblitzt. Die 90 Geretteten waren zu dem Zeitpunkt auf dem Hauptdeck untergebracht. Dort haben wir Planen als Wetterschutz gespannt, doch letztlich mussten wir das Deck räumen. Die „Alan Kurdi“ ist nicht groß: Es waren teilweise bis zu fünf Leute auf einem Quadratmeter. Alle sind wegen des starken Wellengangs seekrank geworden, viele mussten sich übergeben. Ein Mann ist kollabiert. Die meisten haben kaum geschlafen und sind völlig entkräftet, wir haben inzwischen so gut wie keine Medikamente mehr, die Übelkeit vorbeugen.

          Wie geht es ihnen inzwischen?

          Jetzt sind alle wieder an Deck. Heute Morgen gab es Tee und ein kleines Frühstück. Aber einige konnten es nicht bei sich behalten oder waren zu entkräftet, um überhaupt zu essen. Heute Nachmittag rechnen wir mit dem nächsten Gewitter. Wir brauchen dringend einen sicheren Hafen.

          Wo befindet sich die „Alan Kurdi“ derzeit?

          Wir haben Position zwischen Lampedusa und Malta bezogen: 38 Meilen nordöstlich von Lampedusa und 50 Meilen westlich von Malta. Etwa drei Meilen von uns entfernt liegt die „Ocean Viking“ von SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen, die mit über 100 Menschen an Bord ebenfalls auf einen sicheren Hafen wartet.

          Welche Rückmeldung haben Sie derzeit auf der Suche nach einem sicheren Hafen bekommen?

          Weder Malta noch Italien fühlen sich für uns zuständig. Nur eine Schwangere wurde am Sonntag als medizinischer Notfall von Italien aufgenommen. Während des Gewitters heute Nacht haben wir Kontakt zu den Behörden auf Lampedusa aufgenommen. Zunächst haben sie auf unsere Funksprüche reagiert. Doch als wir unser Anliegen vorgebracht haben, dass wir in der Zwölf-Meilen-Zone Wetterschutz suchen wollen, gab es keine Rückmeldung mehr, weder per Funk, Telefon oder E-Mail.

          Ein Luftaufnahme zeigt einige Personen nahe des Schlauchboots im Wasser.
          Ein Luftaufnahme zeigt einige Personen nahe des Schlauchboots im Wasser. : Bild: Sea-Eye via AP

          Erwägen Sie, ohne Erlaubnis in einen Hafen einzufahren?

          Nein. Es ist uns wichtig, uns an Regeln und Gesetze zu halten. Deswegen hoffen wir, dass es vor dem nächsten Gewitter eine Lösung gibt. Aktionen ohne Genehmigung wollen wir vermeiden, um unsere Kapitänin und das Schiff nicht zu gefährden. Wir schicken natürlich weiter unsere Berichte raus. An Bord können wir jetzt nur versuchen, die Leute bei Laune zu halten und Tee aushändigen. Wir haben jedoch keine trockene Kleidung oder Decken mehr, die wir den Leuten zur Verfügung stellen können. Wir tun alles, um die Leute fit zu halten.

          Bekommen Sie Unterstützung aus Deutschland?

          Das Auswärtige Amt ist mit unserem Fall befasst. Außenminister Heiko Maas war zudem gerade in Libyen.

          Wie geht die Crew mit der Situation um?

          Es ist das erste Mal, dass die „Alan Kurdi“ bedroht wurde. Wir stehen alle unter Adrenalin, sind müde und erschöpft. Die Crew besteht nur aus 17 Leuten. Alle gehen täglich an ihr Limit.

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