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Schottlands Unabhängigkeit : Der blutige Schlachterkittel

Willkommen in Schottland – vielleicht verlassen Besucher bald an dieser Stelle das Hoheitsgebiet Großbritanniens. Bild: AFP

Das Brexit-Votum der Engländer und Waliser hat in den Schotten den Drang nach Unabhängigkeit wieder geweckt. Eindrücke aus einem Land, in dem viele mit London hadern.

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          Als erstes zeigt Frances ein Foto von ihrem Sohn, der sich eine Plastiktüte über den Pullover gezogen hat, darauf das Logo einer hiesigen Tiefkühlkette: Iceland. „Wir haben uns so gefreut, als die Isländer vor ein paar Tagen England besiegt haben, nach dem Spiel sind so viele Jungs mit diesen übergezogenen Tüten durch Glasgow gelaufen“, erzählt die Mutter.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Sie und fünf weitere Mitglieder eines SNP-Ortsverbandes haben sich im Wohnzimmer von Mary versammelt. Mary ist seit 1967 Mitglied der Schottischen Nationalpartei. Ihr Wahlkreis befindet sich in einer besseren Arbeitergegend im Osten von Glasgow. Sie sitzen auf Stühlen und einem langen Ecksofa aus rotem Leder um einen Kamin, dessen Gasflammen zwischen künstlichen Kohlen lodern. Neben dem Kamin sind Puppen drapiert, in der Ecke tickt eine Standuhr. Ein flauschiger grüner Teppich verschluckt jeden Schritt. Zwischen roten Gardinen dringt von hellgrauen Wolken gefiltertes Licht in den Erker. Es ist fast wie in Großbritannien.

          „Der Union Jack erinnert mich an einen blutigen Schlachterkittel“, sagt Peter auf dem Sofa, er ist frisch pensionierter Lehrer. „Als wir 1707 den Unionsvertrag mit England abgeschlossen haben, da war keine Rede davon, dass wir uns damit einer Kolonialmacht unterwerfen.“ Schottland repräsentiere achteinhalb Prozent der Bevölkerung Großbritanniens, komme jedoch für 9,2 Prozent des Haushalts auf.

          Eigentlich seien es sogar noch mehr, aber da viele schottische Produkte wie Whisky und Textilien die britischen Inseln über englische Häfen verließen, schreibe London das in seine eigene Exportbilanz. Im Gegenzug habe London die britischen Atomraketen auf U-Booten direkt vor den Toren von Glasgow stationiert. „Wenn die hier bei uns versehentlich explodieren, ist es anscheinend nicht so schlimm“, sagt Peter. Es sei endlich Zeit, dass Westminster seine Atombomben wieder einpacke und mit zurück an die Themse nehme. Dort könnten sie dann gerne weiter verrotten.

          „Wir haben im Fernsehen alle die Befreiung vom Kommunismus gesehen, wie sich die osteuropäischen Staaten unabhängig von Russland erklärten – mir kamen die Tränen, so etwas will ich in Schottland auch sehen“, sagt Peter. Damals, 1989, schien es, als verändere sich die Weltordnung zugunsten eines freiheitlichen, marktbasierten Systems, als triumphiere der Liberalismus über die Unfreiheit. Doch ein Vierteljahrhundert später sind diese Ideale wieder in Frage gestellt: Großbritannien verlässt die EU, und ein wesentliches Argument der „Leave“-Kampagne war die vermeintliche Gefahr, die von der Einwanderung und der Personenfreizügigkeit ausging; es war ein Plädoyer für geschlossene Grenzen.

          In Schottland hingegen hat jeder Wahlkreis mit großer Mehrheit für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. Aber die Mehrheiten in England und Wales überstimmten die Schotten. Sie entschieden damit den Brexit für alle. Für die „Erste Ministerin“ von Schottland ist dies undemokratisch, und wenn es nach Nicola Sturgeon geht, dann rechtfertigt dies ein zweites Unabhängigkeitsreferendum, nachdem 2014 ein erstes knapp gescheitert war.

          Ein Grund, warum damals 55 Prozent der Schotten gegen die Unabhängigkeit stimmten, war das Argument der pro-britischen Gegenseite, dass nur die Mitgliedschaft im Vereinigten Königreich einen Verbleib in der EU garantiere. Nun ist alles genau anders herum gekommen. Großbritannien verlässt die EU. Und die Schotten wittern eine zweite Chance. Allerdings denken sie dabei weniger an den Verbleib in der Europäischen Union, sondern viel mehr an die eigene Unabhängigkeit.

          Die einzigen, die einen Plan haben

          „Wir müssen jetzt alle Wege erkunden“, sagt der SNP-Abgeordnete Stuart McDonald. Er sitzt seit 2015 im Parlament von Westminster und ist dort einer von 59 schottischen Vertretern. Nach einer hitzigen Sitzungswoche ist er gerade wieder aus London zurück nach Edinburgh gekommen. „Die Tories sind derzeit komplett aus dem Spiel, Labour zerlegt sich selbst, und wir sind die einzigen, die einen Plan haben“, sagt McDonald.

          Deshalb habe seine SNP-Fraktion auch den Antrag beim Parlamentspräsidenten gestellt, die Labour Party als „offizielle Opposition“ im Unterhaus abzulösen. Der umstrittene Labour-Parteichef Jeremy Corbyn weiß mittlerweile weniger Abgeordnete hinter sich als sein Pendant von der SNP. „Wir wollten das einfach jedermann vor Augen führen“, sagt McDonald. Zum Unabhängigkeitsreferendum habe die SNP ein 200 Seiten umfassendes Papier mit Plänen vorgelegt, während die Tories und die Labour Party jetzt zum Brexit-Votum „nur einen schwarzen Umschlag hatten, von dem wir bis heute nicht wissen, was drin ist“.

          Regierungschefin Nicola Sturgeon.
          Regierungschefin Nicola Sturgeon. : Bild: dpa

          Nach der Brexit-Entscheidung befürworten die Schotten laut Umfragen der vergangenen Tage mit zwischen 54 bis 59 Prozent eine Unabhängigkeit ihres Landes. Doch Regierungschefin Sturgeon weiß, dass das sehr knapp ist und Umfragen volatil sind. Ein mögliches zweites Referendum muss sitzen.

          In zweieinhalb Jahren vielleicht das nächste Referendum

          Deswegen zeigt sie keine Eile mit der Unabhängigkeit, demonstriert aber Entschlossenheit. Wenige Tage nach dem Referendum reiste sie nach Brüssel, um dort über den weiteren Zugang zum Binnenmarkt zu verhandeln und um zu zeigen, dass Schottland handlungsfähig ist – ganz im Gegensatz zur Chaos-Regierung von Westminster. Der Abgeordnete McDonald sagt, in zweieinhalb Jahren, wenn die Austrittsverhandlungen Londons mit Brüssel abgeschlossen sein dürften, könne er sich ein neues Unabhängigkeitsreferendum gut vorstellen.

          Die Unabhängigkeitsfrage klebt in der schottischen Politik an allem, und die SNP ist darauf bedacht, dass dies auch so bleibt. Keine Frage zum Brexit wird ohne einen Verweis auf „Independence“ beantwortet. „Man kann das auch gar nicht trennen“, sagt McDonald. Er ist 38 Jahre alt und hat einen Anstecker mit verschränkten Fahnen der EU und Schottlands auf sein Jackett gesteckt. „Wenn wir über unsere Gesundheitspolitik in Schottland reden, dann liegt die Bilanz darüber natürlich auch an dem Geld, das uns London überweist – und das übrigens immer weniger wird.“ Gleiches gelte für alle anderen Politikfelder. „Es ist schwer, ohne Unabhängigkeit zu regieren, wenn London den Rahmen bestimmt.“

          Was er nicht sagt, ist, dass die fortwährende Unabhängigkeitsdebatte gleichzeitig Probleme in der Tagespolitik verschleiert. Die Regierungsbilanz von Nicola Sturgeon ist eigentlich durchwachsen. Das Bildungsniveau ist laut Pisa-Studie auf dem absteigenden Ast, eine Polizeireform, welche die Zusammenlegung von Einheiten und Zuständigkeiten vorsah, wurde bestenfalls verkorkst, und das Gesundheitswesen ist sogar noch hinter das Niveau von England zurückgefallen: Was besonders heikel ist, denn Sturgeon war bis 2012 selbst Gesundheitsministerin. Zwei Jahre später löste sie dann ihren Vorgänger Alex Salmond ab, der nach dem gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum 2014 zurücktrat.

          „Allein dieses Referendum hat uns damals Zehntausende neue Mitglieder gebracht“, sagt der Abgeordnete McDonald, „wir wuchsen von 15000 auf heute 115000 Mitglieder.“ Und seit dem Brexit-Referendum vergangene Woche habe man schon wieder mehr als 1500 neue Mitgliedsanträge gezählt. Schön blöd, wenn man diese Bewegung nicht weiter ausnutzen würde, sagt der Mann mit den rötlichen Haaren.

          Die SNP hat einen schnellen Aufstieg hinter sich. Im Parlament von Edinburgh hat sie nur einen Sitz weniger als die absolute Mehrheit, und in Westminster stellt sie 56 von 59 Abgeordneten. Die schottischen Nationalisten sind längst eine Volkspartei geworden. Das schafft Begehrlichkeiten auf allen Seiten – und den Vorwurf, spalterisch zu sein. Im Jahre 2008 etwa schaffte die SNP die Studiengebühren für Bürger aus Schottland und EU-Mitgliedstaaten ab, nicht jedoch für Bürger des restlichen Britanniens. Und fast gleichzeitig sparte die SNP massiv an den Berufsschulen.

          Die Tories im Schottenkaro

          „Die SNP? Das sind doch nur Tories in Schottenkaro, die haben für die Arbeiter exakt genau so wenig übrig“, findet Norrie. Er sitzt am Tresen der „Sou’Wester Tavern“ in Glasgow südlich des Flusses Clyde. Vor die Fenster des Pubs ist ein engmaschiges Metallgitter gesetzt. Auf einer der Scheiben klebt ein fetter „No“-Sticker. Mindestens dreimal binnen einer Stunde fährt die Polizei langsam die Straße vorbei. „Tartan-Tories“ – Norrie hasst die Konservativen, so wie Maggie Thatcher einst Schottland gehasst habe. „Vor Thatcher war es in Glasgow okay, Wohlstand gab es zwar nicht gerade, aber es war okay“, erzählt Norrie. „Dann machte Thatcher die Fabriken und die Werften und überhaupt alles dicht und dafür kam das Heroin auf die Straße.“

          Norrie geht auf die sechzig zu. Er hat einen Job in der Stadtverwaltung und eine Dauerkarte für die Glasgow Rangers, die er ungefragt aus seiner Brieftasche holt und vorzeigt. „Ich finde, wir sollten insgesamt als Gemeinschaft denken“, sagt er. Deswegen habe er 2014 gegen die Unabhängigkeit gestimmt und vergangene Woche für „Remain“. Nicht, weil er die EU mag, sondern „weil wir zusammen arbeiten sollten“.

          Die Barkeeperin ist eine Fünfzigjährige in den Klamotten einer Siebzehnjährigen. Sie hat blondierte Haare, ein sehr rotes Gesicht und überhaupt keine Lust, über Politik zu reden. „Nee, ich hab nicht gewählt“, antwortet sie auf die Brexit-Frage und dreht sich weg. „Du bist Deutscher? Schön für Dich. Sind wir also Nachbarn.“ Sie wendet sich einem wahrscheinlich nicht nur von Alkohol abhängigen Mann zu und schaut der Gestalt verständnisvoll in das eingefallene Gesicht.

          Das Brexit-Referendum hat in Schottland keine großen Gefühle ausgelöst. Wo in nahezu jeder Straße bis heute Werbematerial zum Unabhängigkeitsreferendum von 2014 an den Fassaden und in den Fenstern klebt, ist von EU-Symbolen schon eine Woche nach der Wahl nichts mehr zu sehen, weder in der Arbeiterstadt Glasgow noch in der Hauptstadt Edinburgh.

          „Der EU-Wahlkampf hatte in Schottland insgesamt keine große Intensität“, sagt der SNP-Abgeordnete McDonald. „Keine Partei hat hier mehr große Kraft aufbringen können, und den Wählern ging es wohl ähnlich.“ Im Mai war gerade erst die schottische Parlamentswahl, im vergangenen Jahr fand die britische Unterhauswahl statt, im Jahr davor wiederum das Unabhängigkeitsreferendum. Die EU kam in der Prioritätenliste ganz am Ende. Und auch wenn das Votum in Schottland jüngst deutlich pro EU-Verbleib ausfiel, so lag die Wahlbeteiligung doch insgesamt sechs Prozent unter der in England.

          Mal britischer, mal europäischer

          „Es fühlte sich einfach nicht so richtig wie unser Referendum an“, sagt Peter, der in Marys Wohnzimmer sitzt. „2014 konntest du im Pub normale Typen sehen, die mit ihrem Pint in der Hand auf einmal über Währungsfragen, Bildung und Öl sprachen, das war eine tolle Stimmung.“ Jetzt, bei dem EU-Referendum, habe es das alles nicht gegeben.

          Mary sagt, sie fühle sich mehr als Europäerin denn als Britin. Ihr Blick richtet sich dabei allerdings eher in Richtung London als nach Brüssel. „So lange wir Teil von Großbritannien sind, wäre es besser, auch für die EU zu stimmen, denn die sichert uns einen grundsätzlichen Standard an sozialer Sicherheit, Menschenrechten und Arbeitnehmerrechten“, sagt sie. Wenn London die alleinige Gewalt hätte, dann würde dies alles ausgehöhlt. Studien der Universität von Edinburgh zeigen, dass grundsätzlich zwei Drittel aller Schotten einen skeptischen Blick auf die EU haben und sich gegen eine Verlagerung weiterer Kompetenzen nach Brüssel aussprechen. Gleichzeitig seien sie aber sehr einwanderungsfreundlich eingestellt.

          „Wir vertreten einen bürgerlichen, einwanderungsfreundlichen Nationalismus, keinen ethnisch-rassistischen“, sagt der Abgeordnete McDonald. Die rechtspopulistische Ukip in England hingegen stehe für das glatte Gegenteil, ihr gehe es um einen ausländerfeindlichen englischen Nationalismus. „Auch die Tories haben den Hass mit ihrer Stimmungsmache gegen illegale Einwanderer insgesamt angeheizt“, sagt McDonald. „Auf der Straße lässt sich ein Illegaler doch nicht von einem legalen Migranten unterscheiden“, fügt er hinzu. In Schottland gebe es das glücklicherweise nicht. In seinem Wahlkreis habe er einen Ausländeranteil von vier Prozent, sagt McDonald.

          Ob nun „bürgerlich“ oder „ethnisch“, eigentlich hatte Schottland den Nationalismus längst hinter sich gelassen. Nach der Aufgabe der Souveränität und dem Unionsvertrag mit England 1707 wurde eines der ärmsten Länder Europas zur Triebkraft des Fortschritts, abseits von Kirchenmacht und Zentralismus. Die Aufklärung hatte ihren Ursprung in Schottland, die Idee des Liberalismus wurde hier geboren und ganz wesentlich auch die industrielle Revolution – es war James Watt, der in Glasgow die Dampfmaschine zu dem Erfolgsmodell machte, das Europa verändern sollte.

          Es war die Freiheit, die den Fortschritt einläutete und mit ihm den Wohlstand brachte. Die Erfolgsgeschichte der freiheitlichen Weltordnung begann in Schottland, und ob sie hier wieder kaputt geht, wird auch in den Wohnzimmern und an den Tresen von Glasgow entschieden.

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