https://www.faz.net/-gpf-8iwtv

Schottlands Unabhängigkeit : Der blutige Schlachterkittel

Das Brexit-Referendum hat in Schottland keine großen Gefühle ausgelöst. Wo in nahezu jeder Straße bis heute Werbematerial zum Unabhängigkeitsreferendum von 2014 an den Fassaden und in den Fenstern klebt, ist von EU-Symbolen schon eine Woche nach der Wahl nichts mehr zu sehen, weder in der Arbeiterstadt Glasgow noch in der Hauptstadt Edinburgh.

„Der EU-Wahlkampf hatte in Schottland insgesamt keine große Intensität“, sagt der SNP-Abgeordnete McDonald. „Keine Partei hat hier mehr große Kraft aufbringen können, und den Wählern ging es wohl ähnlich.“ Im Mai war gerade erst die schottische Parlamentswahl, im vergangenen Jahr fand die britische Unterhauswahl statt, im Jahr davor wiederum das Unabhängigkeitsreferendum. Die EU kam in der Prioritätenliste ganz am Ende. Und auch wenn das Votum in Schottland jüngst deutlich pro EU-Verbleib ausfiel, so lag die Wahlbeteiligung doch insgesamt sechs Prozent unter der in England.

Mal britischer, mal europäischer

„Es fühlte sich einfach nicht so richtig wie unser Referendum an“, sagt Peter, der in Marys Wohnzimmer sitzt. „2014 konntest du im Pub normale Typen sehen, die mit ihrem Pint in der Hand auf einmal über Währungsfragen, Bildung und Öl sprachen, das war eine tolle Stimmung.“ Jetzt, bei dem EU-Referendum, habe es das alles nicht gegeben.

Mary sagt, sie fühle sich mehr als Europäerin denn als Britin. Ihr Blick richtet sich dabei allerdings eher in Richtung London als nach Brüssel. „So lange wir Teil von Großbritannien sind, wäre es besser, auch für die EU zu stimmen, denn die sichert uns einen grundsätzlichen Standard an sozialer Sicherheit, Menschenrechten und Arbeitnehmerrechten“, sagt sie. Wenn London die alleinige Gewalt hätte, dann würde dies alles ausgehöhlt. Studien der Universität von Edinburgh zeigen, dass grundsätzlich zwei Drittel aller Schotten einen skeptischen Blick auf die EU haben und sich gegen eine Verlagerung weiterer Kompetenzen nach Brüssel aussprechen. Gleichzeitig seien sie aber sehr einwanderungsfreundlich eingestellt.

„Wir vertreten einen bürgerlichen, einwanderungsfreundlichen Nationalismus, keinen ethnisch-rassistischen“, sagt der Abgeordnete McDonald. Die rechtspopulistische Ukip in England hingegen stehe für das glatte Gegenteil, ihr gehe es um einen ausländerfeindlichen englischen Nationalismus. „Auch die Tories haben den Hass mit ihrer Stimmungsmache gegen illegale Einwanderer insgesamt angeheizt“, sagt McDonald. „Auf der Straße lässt sich ein Illegaler doch nicht von einem legalen Migranten unterscheiden“, fügt er hinzu. In Schottland gebe es das glücklicherweise nicht. In seinem Wahlkreis habe er einen Ausländeranteil von vier Prozent, sagt McDonald.

Ob nun „bürgerlich“ oder „ethnisch“, eigentlich hatte Schottland den Nationalismus längst hinter sich gelassen. Nach der Aufgabe der Souveränität und dem Unionsvertrag mit England 1707 wurde eines der ärmsten Länder Europas zur Triebkraft des Fortschritts, abseits von Kirchenmacht und Zentralismus. Die Aufklärung hatte ihren Ursprung in Schottland, die Idee des Liberalismus wurde hier geboren und ganz wesentlich auch die industrielle Revolution – es war James Watt, der in Glasgow die Dampfmaschine zu dem Erfolgsmodell machte, das Europa verändern sollte.

Es war die Freiheit, die den Fortschritt einläutete und mit ihm den Wohlstand brachte. Die Erfolgsgeschichte der freiheitlichen Weltordnung begann in Schottland, und ob sie hier wieder kaputt geht, wird auch in den Wohnzimmern und an den Tresen von Glasgow entschieden.

Weitere Themen

Keine neue Ära

FAZ Plus Artikel: Krise im Libanon : Keine neue Ära

Nicht nur im Libanon: Elitenversagen und Staatszerfall gehen in vielen Ländern der Levante Hand in Hand. Europa könne dem entgegen wirken. Doch womöglich ist es dafür schon zu spät.

Topmeldungen

Richtig was los: Der Hamburger Dom hat wieder eröffnet.

Schutz für Geimpfte : Delta-Variante ist kein „Impfkiller“

Stecken sich Geimpfte wegen der Delta-Variante häufiger an und infizieren andere? Die Studien deuten nicht darauf hin. Infizierte Geimpfte könnten von Antikörpern profitieren.
Menschen waten durch das Hochwasser, das im Juli durch starke Monsunregen in der philippinischen Provinz Rizal verursacht wurde.

Neue Studie : Immer mehr Menschen von Hochwasserfluten bedroht

Der Anteil der Bevölkerung, der in von Hochwasser gefährdeten Gebieten lebt, wächst weltweit. Dadurch sind immer mehr Menschen von Extremwetterereignissen und deren Folgen betroffen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.