https://www.faz.net/-gpf-8iwtv

Schottlands Unabhängigkeit : Der blutige Schlachterkittel

Was er nicht sagt, ist, dass die fortwährende Unabhängigkeitsdebatte gleichzeitig Probleme in der Tagespolitik verschleiert. Die Regierungsbilanz von Nicola Sturgeon ist eigentlich durchwachsen. Das Bildungsniveau ist laut Pisa-Studie auf dem absteigenden Ast, eine Polizeireform, welche die Zusammenlegung von Einheiten und Zuständigkeiten vorsah, wurde bestenfalls verkorkst, und das Gesundheitswesen ist sogar noch hinter das Niveau von England zurückgefallen: Was besonders heikel ist, denn Sturgeon war bis 2012 selbst Gesundheitsministerin. Zwei Jahre später löste sie dann ihren Vorgänger Alex Salmond ab, der nach dem gescheiterten Unabhängigkeitsreferendum 2014 zurücktrat.

„Allein dieses Referendum hat uns damals Zehntausende neue Mitglieder gebracht“, sagt der Abgeordnete McDonald, „wir wuchsen von 15000 auf heute 115000 Mitglieder.“ Und seit dem Brexit-Referendum vergangene Woche habe man schon wieder mehr als 1500 neue Mitgliedsanträge gezählt. Schön blöd, wenn man diese Bewegung nicht weiter ausnutzen würde, sagt der Mann mit den rötlichen Haaren.

Die SNP hat einen schnellen Aufstieg hinter sich. Im Parlament von Edinburgh hat sie nur einen Sitz weniger als die absolute Mehrheit, und in Westminster stellt sie 56 von 59 Abgeordneten. Die schottischen Nationalisten sind längst eine Volkspartei geworden. Das schafft Begehrlichkeiten auf allen Seiten – und den Vorwurf, spalterisch zu sein. Im Jahre 2008 etwa schaffte die SNP die Studiengebühren für Bürger aus Schottland und EU-Mitgliedstaaten ab, nicht jedoch für Bürger des restlichen Britanniens. Und fast gleichzeitig sparte die SNP massiv an den Berufsschulen.

Die Tories im Schottenkaro

„Die SNP? Das sind doch nur Tories in Schottenkaro, die haben für die Arbeiter exakt genau so wenig übrig“, findet Norrie. Er sitzt am Tresen der „Sou’Wester Tavern“ in Glasgow südlich des Flusses Clyde. Vor die Fenster des Pubs ist ein engmaschiges Metallgitter gesetzt. Auf einer der Scheiben klebt ein fetter „No“-Sticker. Mindestens dreimal binnen einer Stunde fährt die Polizei langsam die Straße vorbei. „Tartan-Tories“ – Norrie hasst die Konservativen, so wie Maggie Thatcher einst Schottland gehasst habe. „Vor Thatcher war es in Glasgow okay, Wohlstand gab es zwar nicht gerade, aber es war okay“, erzählt Norrie. „Dann machte Thatcher die Fabriken und die Werften und überhaupt alles dicht und dafür kam das Heroin auf die Straße.“

Norrie geht auf die sechzig zu. Er hat einen Job in der Stadtverwaltung und eine Dauerkarte für die Glasgow Rangers, die er ungefragt aus seiner Brieftasche holt und vorzeigt. „Ich finde, wir sollten insgesamt als Gemeinschaft denken“, sagt er. Deswegen habe er 2014 gegen die Unabhängigkeit gestimmt und vergangene Woche für „Remain“. Nicht, weil er die EU mag, sondern „weil wir zusammen arbeiten sollten“.

Die Barkeeperin ist eine Fünfzigjährige in den Klamotten einer Siebzehnjährigen. Sie hat blondierte Haare, ein sehr rotes Gesicht und überhaupt keine Lust, über Politik zu reden. „Nee, ich hab nicht gewählt“, antwortet sie auf die Brexit-Frage und dreht sich weg. „Du bist Deutscher? Schön für Dich. Sind wir also Nachbarn.“ Sie wendet sich einem wahrscheinlich nicht nur von Alkohol abhängigen Mann zu und schaut der Gestalt verständnisvoll in das eingefallene Gesicht.

Weitere Themen

Eine Ruhephase für Draghi

„Weißes Semester“ in Italien : Eine Ruhephase für Draghi

Ab diesem Dienstag darf Italiens Präsident Sergio Mattarella das Parlament für ein halbes Jahr nicht auflösen. Die alte Regel des „weißen Semesters“ hilft Regierungschef Mario Draghi, seine Position zu konsolidieren.

Topmeldungen

Bloß nicht zu lange aufbewahren: Hier warten Geldscheine noch auf ihren richtigen Einsatz.

Geldanlage : So trotzen Sie den Strafzinsen Ihrer Bank

Negativzinsen auf Bankguthaben sind in der Mitte des Volkes angekommen. Sollten auch Sie nicht wissen, was Sie mit Ihrem schönen Geld stattdessen machen sollen, beflügeln Sie vielleicht diese Anregungen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.