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Schottland : Appetit auf Unabhängigkeit

Will das Referendum für Schottland: Regierungschefin Nicola Sturgeon Bild: AFP

In Aberdeen begeistert Schottlands Regierungschefin Sturgeon ihre Partei mit dem Versprechen auf ein Referendum. Damit ist Großbritanniens Premierministerin May plötzlich in der Defensive. Kann sich Schottland nach 300 Jahren von der britischen Krone lösen?

          Als Jim Cook in den sechziger Jahren der Schottischen Nationalpartei (SNP) beitrat, war Nicola Sturgeon noch gar nicht geboren. Cook besuchte seither mehr als vierzig Parteitreffen, aber erst jetzt in Aberdeen, bei der angeblich größten SNP-Frühjahrskonferenz aller Zeiten, wähnt er sich seinem Lebenstraum – der schottischen Unabhängigkeit – wirklich nah. „Die Partei wurde noch nie besser geführt“, schwärmt Cook. „Nicola Sturgeon weiß einfach, wie man die richtigen Knöpfe in den richtigen Momenten drückt.“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Beseelt und ziemlich aufgeputscht verließ Sturgeons Fangemeinde am Wochenende die Parteitagshalle in Aberdeen. In einer Abschlussrede hatte Sturgeon ihrer Partei fast alles geschenkt, was die sich wünschen konnte: Erbauung und Selbstbewusstsein, ein Gefühl moralischer Überlegenheit gegenüber London und eine ordentliche Portion Angriffslust. Der Schlüsselsatz bestand aus vier Wörtern: „Das Referendum wird stattfinden!“ Die SNP begeistert es, wie ihre Vorsitzende gerade der britischen Premierministerin die Stirn bietet. Eigentlich hätte es die Woche Theresa Mays sein müssen, die ihren Plan eines harten Brexit durchs Parlament in Westminster gebracht hatte. Aber die Frau, über die das Königreich redet, heißt nicht May, sondern Sturgeon. Über Nacht ließ die schottische Ministerpräsidentin den Brexit in einem Licht erscheinen, in dem es dessen Gegner immer gesehen hatten: als kostspieliges Abenteuer, als Ego-Trip obsessiver EU-Feinde zu Lasten der staatlichen Einheit.

          Respekt vor den „Wünschen der schottischen Nation“

          Mit ihrer Ankündigung eines zweiten Unabhängigkeitsreferendums bringt Sturgeon Edinburgh in Frontstellung zu London. May, die so gerne Herrin des Verfahrens ist, befindet sich plötzlich in der Defensive. Sie muss reagieren. Bislang waren nur Drohungen aus Schottland gekommen, die May leicht abschütteln konnte. Jetzt ist es ernst. Ein Machtkampf ist entbrannt, der vermutlich eine der beiden Kontrahentinnen das Amt kosten wird. Erste Kommentatoren fühlen sich schon an den historischen Konflikt zwischen der schottischen Königin Mary Stuart und Elisabeth I. erinnert.

          Vor fünf Jahren standen sich noch die Vorgänger Sturgeons und Mays gegenüber, Schottlands „First Minister“ Alex Salmond und Premierminister David Cameron. Salmond wollte ein Referendum – auch das war nicht das erste –, und Cameron gab es ihm. Im „Edinburgh Agreement“ einigten sie sich darauf, dass die Volksabstimmung bis Ende 2014 stattfinden, nur einen Satz als Frage enthalten und rechtlich verbindlich sein sollte. Die Details wurden dem Parlament in Edinburgh überantwortet. Camerons Respekt vor den „Wünschen der schottischen Nation“ zahlte sich aus. Am Ende siegten die Unionisten, sogar relativ klar: mit 55 zu 45 Prozent. Diesmal ist das Spiel anders, verzwickter und unversöhnlicher.

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